Therapie-Tagebuch: Die Pamela-Anderson-Verschwörung

Während seiner Hepatitis-C-Therapie ging SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem bis an die Grenzen des Erträglichen. Jetzt keimt ein ungeheuerlicher Verdacht: Ist er nur einer Finte der Pharmaindustrie aufgesessen? Das behaupten zumindest Verschwörungstheoretiker.

Ich bin gar nicht krank. Auf meine Behandlung, inklusive aller quälenden Nebenwirkungen, hätte ich getrost verzichten können. Im Gegenteil - in Wahrheit schädigen erst die Medikamente, die ich einnehme, meine Organe. Das Hepatitis-C-Virus, das Interferon und Ribavirin eliminieren sollen, existiert gar nicht. Es ist eine Schimäre, von der Pharmaindustrie und den Medizinern erfunden, einzig zu dem Zweck, mit Hilfe von PCR-Tests und anschließender anitiviraler Behandlung Milliarden zu verdienen. So zumindest steht es in einem Buch zu lesen, das Simone von einem gemeinsamen Bekannten, ebenfalls positiv auf Hepatitis C getestet, geschenkt bekommen hat.

Hepatitis-C-Patientin Pamela Anderson: Indiz für die Viruslüge
DPA

Hepatitis-C-Patientin Pamela Anderson: Indiz für die Viruslüge

Ein Mediziner und ein Wissenschaftsjournalist stellen die These auf, dass Hepatitis C, Aids oder BSE erfundene Seuchen seien. Die Existenz eines die krankheitsauslösenden Virus sei nie schlüssig bewiesen worden, die Krankheiten und deren Symptome auch durch andere Ursachen zu erklären. Zu Hepatitis C führen sie aus, der PCR-Test würde nur Bruchstücke von Genen nachweisen, die unbewiesener Weise als Indiz für das Vorhandensein eines Virus gewertet würden, das selbst nie gefunden wurde. Tatsächlich seien dieser Gendefekt und eventuelle Leberschäden auch durch Umweltgifte, Stress und in den allermeisten Fällen Drogen- oder Alkoholkonsum zu erklären, vor allem, da ein Großteil der scheinbar Infizierten viele Jahre keine Gesundheitsschäden oder Krankheitssymptome aufwiesen.

Sie bezweifeln die Wirksamkeit der antiviralen Behandlung, behaupten, "Untersuchungen der etablierten Medizinforschung" würden "zeigen, dass mit diesen Medikamenten kein dauerhafter Erfolg zu erzielen ist." Im Gegenteil würden die Patienten mit "Medikamenten traktiert", die die Leber schädigen. Die medial ausgeschlachtete Hepatitis-C-Infektion Pamela Andersons gilt ihnen als Indiz dafür, dass auch die Presse die Viruslüge aus Auflageninteresse unterstützt. Gerade mal neun Seiten benötigen die Autoren, um das Thema abzuhandeln. Eine klare Sache, wie es scheint.

Im Forum auf meiner Webseite hat ein Leser vor einigen Monaten mit penetranter Hartnäckigkeit ähnliche Thesen propagiert, hatte HCV als "Phantomvirus" bezeichnet und behauptet, diese Gensequenz wäre normaler Bestandteil des menschlichen Erbgutes, eine Interferonbehandlung also überflüssig und schädlich. Krankheitssymptome führte er auf einen "ungesunden Lebenslauf" der Betroffenen zurück.

"Nachts drückt meine Leber. Ich kann sie im Körper spüren"

Bei allem Verständnis dafür, gängige Lehrmeinungen kritisch zu hinterfragen und auf argumentative Schwachstellen hinzuweisen - mir erscheinen diese Thesen recht abenteuerlich. Zum einen, weil Fakten, die nicht passen, ignoriert werden – wieso ist das "Phantomvirus" in 50 bis 80 Prozent der Fälle nach der "wirkungslosen Behandlung" nicht mehr nachweisbar? Wie kann es sein, dass Hepatitis-C-Infizierte an schweren Leberschäden leiden, obwohl sie nie Drogen genommen haben, keinen Alkohol trinken und keinen Giften ausgesetzt sind? Wieso ist der Zustand der Leber am Ende der "leberschädigenden" Behandlung in aller Regel besser als zu Beginn? Zwei Drittel aller Empfänger einer Lebertransplantation im UKE Hamburg sind Hepatitis-C-Patienten, sind das alles Junkies und Säufer? Alles ein groß angelegtes Betrugszenario? Klingt für mich ein wenig nach Verschwörungstheorie.

Ich bin kein Mediziner oder Wissenschaftler, ich weiß nicht, wer Recht hat. Sicher, gesunde Skepsis ist angebracht, und dass es den Pharmakonzernen weniger um das Wohlbefinden der Patienten denn um Gewinnmaximierung geht, bezweifelt wohl niemand. Aber genauso, wie man die Motivation von Ärzten und Pharmaindustrie hinterfragen darf, sollte man es mit der anderen Seite halten. Aus welchem Grund werden solche Thesen verbreitet? Ich werde immer misstrauisch, wenn sich Sektierertum und Missionierungsdrang paaren. Warum schenkt jemand Simone, die gerade eine qualvolle Hepatitis-C-Therapie hinter sich hat und auf ein positives Ende hofft, so ein Buch? Warum verbreitet jemand diese Thesen in einem Forum, in dem sich Patienten über die Nebenwirkungen ihrer Behandlung austauschen und Unterstützung suchen? Aus reiner Menschenfreundlichkeit bestimmt nicht.

Freitag abend setze ich mir trotzdem die 47ste Interferonspritze, die vorletzte, in zwei Wochen habe ich es geschafft. Ich glaube an den Erfolg meiner Behandlung. Dennoch – je näher deren Ende rückt, desto besser wird meine Stimmung. Nachts drückt meine Leber, vor allem, wenn ich auf der rechten Seite liege. Ich kann ihre Umrisse in meinem Körper spüren. Seltsam, das wir unsere Organe meist nur dann wahrnehmen, wenn sie Probleme machen.

Samstag kommen Kiara und Mira zu Besuch. Kiara ist 18, ihre Mutter und ich waren ein Paar, als sie auf die Welt kam. Auch nach der Trennung von ihrer Mutter ist unsere Beziehung nie abgebrochen. Ihre Freundin Mira ist 17, die beiden bringen eine Menge Leben in die Wohnung und halten mich ganz schön auf Trab – Planetarium, Kino, Tattoostudio, der Hamburger Traditionsjahrmarkt "Dom". Es ist wunderbar, sie um mich zu haben. Ihre Energie und Lebensfreude ist ansteckend. Allerdings: Volksfestbesuche und Hepatitis-C-Medikation, muss ich feststellen, vertragen sich nicht. Ich liebe Achterbahnen und alle Fahrgeschäfte, die sich überschlagen oder um mindestens drei Achsen wirbeln. Aber dieses Mal ist mir nach nur einer Fahrt hundeübel. Merke: Wem schon schwindelt, wenn er vom Sessel aufsteht, der sollte Überschläge und jedes Karussell mit Schleudergang meiden.

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Forum - Wege aus der Sucht?
insgesamt 856 Beiträge
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1.
Kapnix 04.05.2007
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
Der Erste, und auch wesentlichste, Schritt würde darin bestehen, das alle die sich mit diesem Thema beschäftigen, verstehen und akzeptieren, das so gut wie kein Süchtiger seine Droge freiwillig nimmt. Ein banaler, aber in meinen Augen sehr wichtiger, Schritt.
2.
susenn 04.05.2007
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
Die beste Unterstützung erfolgt VOR dem Kampf gegen die Abhängigkeit. Lehrkräfte, Eltern, Ausbilder sollten Vorbild sein und über die Folgen von Drogenmissbrauch aufklären. Damit meine ich alle, auch die s.g. "weichen Drogen". Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht eben auch bei Tabak, Alkohol, Zigaretten und Tabletten. In jedem Fall entscheidet der verantwortungsvolle Umgang über Nutzen oder Zerstörung.
3.
rabenkrähe 04.05.2007
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
..... Der oder die Süchtige muß die Bereitschaft/Notwendigkeit entwickeln, zu dem zu schauen, was mit der jeweiligen Sucht um jeden Preis versteckt werden soll. rabenkrähe
4.
albatrox 05.05.2007
Zitat von susennDie beste Unterstützung erfolgt VOR dem Kampf gegen die Abhängigkeit. Lehrkräfte, Eltern, Ausbilder sollten Vorbild sein und über die Folgen von Drogenmissbrauch aufklären. Damit meine ich alle, auch die s.g. "weichen Drogen". Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht eben auch bei Tabak, Alkohol, Zigaretten und Tabletten. In jedem Fall entscheidet der verantwortungsvolle Umgang über Nutzen oder Zerstörung.
Die Kinder von heute sind die Eltern und Erzieher von morgen. Was man selber nicht hat, kann man nicht vermitteln. Die beste Prophylaxe ist die Alternative. Sinnvolle Betätigung ist keine Garantie, aber unverzichtbar, um die Zahl der Betroffenen zu mindern. a
5.
Kapnix 05.05.2007
Zitat von rabenkrähe..... Der oder die Süchtige muß die Bereitschaft/Notwendigkeit entwickeln, zu dem zu schauen, was mit der jeweiligen Sucht um jeden Preis versteckt werden soll. rabenkrähe
Wenn sie das könnten, wären sie nicht süchtig. Und wenn sie es während der Sucht erkennen befreit es sie nicht daraus.
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