Therapie-Tagebuch Gefangen im Körper eines Orang-Utans

Alle Hepatitis-C-Infizierten nehmen während der Therapie ab - außer SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem. Bauch und Doppelkinn wuchern vor sich hin. Und ausgerechnet Wladimir Klitschkos Oma spendet Trost.


Ich bin eine Anomalie. Jeder, wirklich jeder, den ich kenne, und das sind nicht wenige, hat während der Hepatitis-C-Behandlung stark an Gewicht verloren, häufig mehr als zehn Kilo. Ich wiege heute, nach mehr als zehn Monaten, fünf Kilo mehr als zu Beginn meiner Therapie. Mein Bauch wuchert, ich bekomme ein Doppelkinn; zu meinem Wohlbefinden trägt das nicht unbedingt bei. Dabei hatte ich mich zu Beginn der Behandlung auf den zu erwartenden Gewichtverlust gefreut - endlich wieder so schlank wie mit Ende 20. Von wegen!

Wie ein Orang-Utan: "Im Vergleich stehe ich sogar figurmäßig noch ganz gut da"
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Wie ein Orang-Utan: "Im Vergleich stehe ich sogar figurmäßig noch ganz gut da"

"Das ist wirklich sehr außergewöhnlich", sagt mein Arzt. Na immerhin – ich bin zwar fett, aber zumindest außergewöhnlich. Figur zum Teufel, Freundin weg - wenn am Ende das verdammte Virus nicht auch verschwunden ist, bin ich echt genervt!

Ganz neu ist mir dieser Verfettungszustand nicht, in meiner letzten Rückfallphase vor ungefähr sieben Jahren hatte ich ebenfalls massiv an Gewicht zugelegt; ich war wohl der einzige Junkie, der immer dicker wurde. Nicht zuletzt wegen meiner Lieferpizza-Hägen-Dasz-Diät, hauptsächlich aber, weil mein Körper sofort Fett ansetzt, wenn ich aufhöre, mich ausreichend zu bewegen.

Mein Arzt vermutet den Grund für meine Gewichtszunahme auch dieses Mal in meinem Essverhalten, sicherheitshalber wird er aber bei der nächsten Blutentnahme auch die Schilddrüsenwerte kontrollieren lassen. Wahrscheinlich hat er Recht. Mir haben die Medikamente nicht, wie vielen anderen, den Appetit verhagelt, glücklicherweise. Leider neige ich dazu, nachts, wenn ich nicht schlafen kann, Schokolade und Weingummi in mich hineinzustopfen. Und auch sonst esse ich oft mehr und ungesünder als gut für mich ist. Der Schlafmangel löst bei mir Heißhunger aus, meist auf Zucker und Fett. Und abends vor dem Fernseher esse ich oft über den Hunger hinaus. Mir fehlt die Disziplin, mich zu beschränken. Essen, denke ich häufig, ist die einzige sinnliche Befriedigung, die mir bleibt – kein Sex, keine Intimität, kein Sport, keine Konzerte, kein Kickern, kein Bier.

Darauf warten, angerempelt zu werden

Manchmal spiele ich kurz mit dem Gedanken, mir ein Bier zu gönnen. Ich weiß, dass manch einer auch während der Behandlung nicht auf sein Glas Wein oder ein vereinzeltes Bier verzichtet, auch wenn die Ärzte entschieden davon abraten. Doch sollte die Behandlung am Ende nicht erfolgreich sein, würde ich mir jeden Tropfen auf ewig vorwerfen. Ich möchte sicher sein, dass ich meinen Teil zum Gelingen der Therapie beitrage, so gut es mir möglich ist. Dann wird auch am Ende alles gut ausgehen, davon bin ich überzeugt.

Donnerstag ruft Erik an. Er hat sich Dienstagabend seine letzte Interferonspritze verabreicht, noch ein paar Tage Tabletten schlucken, dann hat er es geschafft. "Ich bin so froh, dass es vorbei ist", sagt er. Die größten Probleme hätten ihm die psychischen Nebenwirkungen bereitet, er habe sich seinen düsteren Stimmungen ausgeliefert gefühlt, mit den körperlichen Einschränkungen zurecht zu kommen sei ihm leichter gefallen.

"Ich war am Ende ständig mieser Laune, habe alles nur negativ gesehen und wurde schnell aggressiv", sagt er. Manchmal habe er in der S-Bahn nur darauf gewartet, dass ihn jemand anrempelt und ihm einen Grund liefert zu explodieren. Sein Interesse an Sex sei erloschen und gegenüber seiner Freundin habe er häufig eine irrationale Wut und tiefen Neid empfunden. "Ihr ging es gut, sie war aktiv, hat Geld verdient, und ich war oft schon froh, wenn ich es geschafft habe, morgens zu frühstücken und den Müll runter zu bringen. Ich habe mich jämmerlich und unterlegen gefühlt."

Am Ende habe es Momente gegeben, in denen er nur dasaß, tränenüberströmt, und gedacht habe: "Ich will mich nicht so fühlen!". Seine letzte Interferonspritze hat Erik sich auf einer Hoteltoilette gesetzt, er war beruflich unterwegs an diesem Abend. "Ein passendes Ende", sagt er. "Schließlich hat so alles angefangen – mit Spritzen auf der Toilette."

80 Prozent der Infizierten wissen nichts von ihrer Erkrankung

Freitagabend setze ich mir meine 44. Interferonspritze, in meinem Wohnzimmer, meine letzte ist noch vier Wochen entfernt. Wie ich Erik beneide! Später ruft Georg an, er hat einige Tage zuvor im WDR-Hörfunk einen Beitrag zum Thema Hepatitis C gehört, einer der befragten Fachleute hatte die Vermutung geäußert, dass in einigen Jahren die Zahl der Hepatitis-C-Toten möglicherweise die Zahl der Aids-Toten übersteigen werde. Unter anderem weil rund 80 Prozent der Infizierten nichts von ihrer Erkrankung wissen.

Sonntag tröstet mich Wladimir Klitschkos Oma. "Meine Großmutter hat gesagt, " wird der Boxer in der FAS zitiert, "ein Mann muss nicht hübsch sein. Es reicht, wenn er ein bisschen besser als ein Affe aussieht." Danke, Babuschka Klitschko! Im Vergleich mit, sagen wir, einem Orang-Utan stehe ich sogar figurmäßig noch ganz gut da.

Montag ist Schluss mit Durchhängen. Ich habe am Wochenende wieder besser geschlafen, bin halbwegs fit. Der Alltag kann kommen. Ich fülle den Antrag auf eine stationäre medizinische Rehabilitation aus, der seit Tagen auf meinem Schreibtisch liegt – mein Arzt hat mir empfohlen, im Anschluss an die HCV-Behandlung eine Kur zu beantragen - erledige Telefonate, beantworte meine Mails, fahre mit dem Auto in die Werkstatt. Am Abend holt Bernd mich zum Kickern ab. Ich lebe noch.



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Kapnix, 04.05.2007
1.
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
Der Erste, und auch wesentlichste, Schritt würde darin bestehen, das alle die sich mit diesem Thema beschäftigen, verstehen und akzeptieren, das so gut wie kein Süchtiger seine Droge freiwillig nimmt. Ein banaler, aber in meinen Augen sehr wichtiger, Schritt.
susenn 04.05.2007
2.
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
Die beste Unterstützung erfolgt VOR dem Kampf gegen die Abhängigkeit. Lehrkräfte, Eltern, Ausbilder sollten Vorbild sein und über die Folgen von Drogenmissbrauch aufklären. Damit meine ich alle, auch die s.g. "weichen Drogen". Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht eben auch bei Tabak, Alkohol, Zigaretten und Tabletten. In jedem Fall entscheidet der verantwortungsvolle Umgang über Nutzen oder Zerstörung.
rabenkrähe 04.05.2007
3.
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
..... Der oder die Süchtige muß die Bereitschaft/Notwendigkeit entwickeln, zu dem zu schauen, was mit der jeweiligen Sucht um jeden Preis versteckt werden soll. rabenkrähe
albatrox, 05.05.2007
4.
Zitat von susennDie beste Unterstützung erfolgt VOR dem Kampf gegen die Abhängigkeit. Lehrkräfte, Eltern, Ausbilder sollten Vorbild sein und über die Folgen von Drogenmissbrauch aufklären. Damit meine ich alle, auch die s.g. "weichen Drogen". Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht eben auch bei Tabak, Alkohol, Zigaretten und Tabletten. In jedem Fall entscheidet der verantwortungsvolle Umgang über Nutzen oder Zerstörung.
Die Kinder von heute sind die Eltern und Erzieher von morgen. Was man selber nicht hat, kann man nicht vermitteln. Die beste Prophylaxe ist die Alternative. Sinnvolle Betätigung ist keine Garantie, aber unverzichtbar, um die Zahl der Betroffenen zu mindern. a
Kapnix, 05.05.2007
5.
Zitat von rabenkrähe..... Der oder die Süchtige muß die Bereitschaft/Notwendigkeit entwickeln, zu dem zu schauen, was mit der jeweiligen Sucht um jeden Preis versteckt werden soll. rabenkrähe
Wenn sie das könnten, wären sie nicht süchtig. Und wenn sie es während der Sucht erkennen befreit es sie nicht daraus.
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