Endlich einstellig! Am Freitagabend setze ich mir die 39. Interferonspritze, bleiben noch neun. In gut zwei Monaten ist die Behandlung vorüber, endlich. Mir reicht's.
Der Samstag ist grau, windig und kühl, einfach großartig. Ich spüre, wie das Interferon meinen Körper überflutet, doch dieses Mal halten sich die Auswirkungen in Grenzen. Zwar fühle ich mich geschwächt und verlangsamt, aber unangenehm ist es eigentlich nicht - ein vertrautes, beinahe schon heimeliges Gefühl. Das Interferon zeigt sein freundliches Gesicht.
Die Nebenwirkungen der Medikamente sind zu einem integralen Bestandteil meines Lebens geworden, die wöchentliche Spritze strukturiert meinen Alltag. Ich räume meine Wohnung auf, bade und sehe mir das Finale der Handballbundesliga im Fernsehen an. Ein guter Samstag, ich fühle mich nicht so zerstört und überfordert wie in den letzten Monaten häufig. So kann das Wochenende weitergehen.
Seit einigen Tagen scheint die bleierne Decke der Erschöpfung von mir genommen, körperlich bin ich deutlich belastbarer, vor allem, da die bisher allgegenwärtigen Gliederschmerzen aufgehört haben. Eine Woche ist es her, dass ich meine letzte Schmerztablette genommen habe. Vielleicht hat mein Körper sich endlich an die Medikamente gewöhnt, wer weiß.
Aus den Alpträumen auf den Anrufbeantworter
Die Schwierigkeiten beginnen in den Abendstunden. Dann breitet sich Unruhe aus, treibt mich um. Mir fällt es zusehends schwerer, alleine in der Wohnung zu sein. Ich fühle mich unausgelastet, etwas fehlt. Nachts finde ich keinen Schlaf. Ich gehe gegen Mitternacht ins Bett, lese, höre Musik, dann Licht und Musik aus. Ich liege in der Dunkelheit, warte. Der Schlaf kommt nicht. Gegen 5 Uhr morgens sehe ich das letzte Mal auf meine Uhr, irgendwann schlafe ich ein. Ein unruhiger Schlaf, ich träume schlecht, wache immer wieder auf. Dieses Ritual wiederholt sich seit Wochen, Nacht für Nacht. Vor Mittag bin ich am nächsten Tag zu gar nichts zu gebrauchen, konzentriertes Arbeiten fällt mir schwer.
Am Sonntag ruft Linda an. Aus meinen Alpträumen auf den Anrufbeantworter - in der Nacht habe ich von Trennung und Streit geträumt, mal wieder, von einer fremden, hässlichen Wohnung, in der ich gestrandet war und mich nicht zu Hause fühlte. Linda bringt mir meine CDs und Bücher zurück. Nachdem sie gegangen ist, steigt die Schwerkraft in meiner Wohnung wieder merklich an. Am Schreibtisch sitzen und Schreiben ist unmöglich, also auf das Sofa, Musik hören. Mein iPod spielt "So It's Over" von der schwedischen Band The Weeping Willows.
Das Schlimmste, denke ich, ist das Verschwinden der Liebe. Es ändert alles: Der andere wirkt mit einem Mal wie aus der Realität gerückt - ich kann ihn sehen, mit ihm reden, ihn sogar anfassen. Aber nichts ist mehr so wie zuvor: die Art, wie ich Linda ansehe, wie sie meine Blicke erwidert oder eben nicht, der Ton, in dem wir miteinander reden. Berühren mag ich sie gar nicht, das ist das Gruseligste. All das Vertraute, Leichte, Selbstverständliche, die Gemeinsamkeiten und die Nähe, die unsere Beziehung ausmachten, fehlen. An den Rand geschoben, in den Hintergrund gedrängt, verblasst. Alles verändert sich. Sie, ich, als wären wir zweidimensional geworden, unberührbar. Fremd, in der Erinnerung aber noch so nah.
Mehr Zeit vor dem Spiegel als Paris Hilton
Am Abend telefoniere ich mit Simone. Obwohl ihre Hepatitis-C-Behandlung seit Monaten beendet ist, leidet sie immer noch an den Nachwirkungen. Auch ihr Schlaf ist gestört, nachts überfällt sie Juckreiz am gesamten Körper. Es dauert ungefähr ein halbes Jahr, bis der Körper die Medikamente abgebaut hat, die Haut reagiert oft noch deutlich länger empfindlich. Jochen, ein Bekannter aus meiner ersten Drogentherapie, hat einige Wochen nach dem Ende seiner Behandlung eine Gürtelrose bekommen, laut seinem Hautarzt wahrscheinlich ausgelöst durch die Hepatitis-Medikamente.
Mir geht es ähnlich - seit Wochen befinde ich mich auf einem Kreuzzug gegen die Hautirritationen. Die geröteten, trockenen Stellen in meinem Gesicht sind zahlreicher und größer geworden, mein Zahnfleisch ist entzündet, meine Lippen sind rau, die Mundwinkel eingerissen. Immer wieder bilden sich Herpesbläschen. Seit Monaten ist mein Naseninneres wund und blutig. Nasenspray mit Meerwasser und Dexpanthenol, Bepanthensalbe gegen die roten Flecken, antibakterielle Mundspülung, Fettcreme für die Lippen, Penciclovir gegen den Herpes - mein tägliches Pensum an Eincremen, Spülen und Sprühen scheint Stunden in Anspruch zu nehmen. Ich verbringe mehr Zeit vor dem Spiegel als Paris Hilton.
Am Montag sage ich der Schlaflosigkeit den Kampf an. Am Morgen zwinge ich mich früher aus dem Bett als üblich. Am Abend gehe ich joggen, das erste Mal seit rund acht Monaten. Eine Viertelstunde, mehr ist nicht drin, aber ich bin dennoch stolz auf meine Leistung. In den vergangenen Wochen, als die Gliederschmerzen und die Erschöpfung mich niederknüppelten, wäre das undenkbar gewesen. Allein, es nützt nichts - Montagnacht finde ich wieder nicht in den Schlaf. Ich werde meinen Arzt um Schlaftabletten bitten.
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