Therapie-Tagebuch: Mir reicht's!

Unter den Belastungen einer langwierigen Therapie zerbrechen viele Beziehungen, das wusste SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem schon vor Beginn der Behandlung. Nun, da es ihm selbst passiert, kann er es noch kaum fassen. Menschen werden zweidimensional, aus Nähe wird Fremdheit.

Endlich einstellig! Am Freitagabend setze ich mir die 39. Interferonspritze, bleiben noch neun. In gut zwei Monaten ist die Behandlung vorüber, endlich. Mir reicht's.

Wärmflasche mit Herz: Beim Einschlafen hilft inzwischen nichts mehr
Jörg Böckem

Wärmflasche mit Herz: Beim Einschlafen hilft inzwischen nichts mehr

Der Samstag ist grau, windig und kühl, einfach großartig. Ich spüre, wie das Interferon meinen Körper überflutet, doch dieses Mal halten sich die Auswirkungen in Grenzen. Zwar fühle ich mich geschwächt und verlangsamt, aber unangenehm ist es eigentlich nicht - ein vertrautes, beinahe schon heimeliges Gefühl. Das Interferon zeigt sein freundliches Gesicht.

Die Nebenwirkungen der Medikamente sind zu einem integralen Bestandteil meines Lebens geworden, die wöchentliche Spritze strukturiert meinen Alltag. Ich räume meine Wohnung auf, bade und sehe mir das Finale der Handballbundesliga im Fernsehen an. Ein guter Samstag, ich fühle mich nicht so zerstört und überfordert wie in den letzten Monaten häufig. So kann das Wochenende weitergehen.

Seit einigen Tagen scheint die bleierne Decke der Erschöpfung von mir genommen, körperlich bin ich deutlich belastbarer, vor allem, da die bisher allgegenwärtigen Gliederschmerzen aufgehört haben. Eine Woche ist es her, dass ich meine letzte Schmerztablette genommen habe. Vielleicht hat mein Körper sich endlich an die Medikamente gewöhnt, wer weiß.

Aus den Alpträumen auf den Anrufbeantworter

Die Schwierigkeiten beginnen in den Abendstunden. Dann breitet sich Unruhe aus, treibt mich um. Mir fällt es zusehends schwerer, alleine in der Wohnung zu sein. Ich fühle mich unausgelastet, etwas fehlt. Nachts finde ich keinen Schlaf. Ich gehe gegen Mitternacht ins Bett, lese, höre Musik, dann Licht und Musik aus. Ich liege in der Dunkelheit, warte. Der Schlaf kommt nicht. Gegen 5 Uhr morgens sehe ich das letzte Mal auf meine Uhr, irgendwann schlafe ich ein. Ein unruhiger Schlaf, ich träume schlecht, wache immer wieder auf. Dieses Ritual wiederholt sich seit Wochen, Nacht für Nacht. Vor Mittag bin ich am nächsten Tag zu gar nichts zu gebrauchen, konzentriertes Arbeiten fällt mir schwer.

Am Sonntag ruft Linda an. Aus meinen Alpträumen auf den Anrufbeantworter - in der Nacht habe ich von Trennung und Streit geträumt, mal wieder, von einer fremden, hässlichen Wohnung, in der ich gestrandet war und mich nicht zu Hause fühlte. Linda bringt mir meine CDs und Bücher zurück. Nachdem sie gegangen ist, steigt die Schwerkraft in meiner Wohnung wieder merklich an. Am Schreibtisch sitzen und Schreiben ist unmöglich, also auf das Sofa, Musik hören. Mein iPod spielt "So It's Over" von der schwedischen Band The Weeping Willows.

Das Schlimmste, denke ich, ist das Verschwinden der Liebe. Es ändert alles: Der andere wirkt mit einem Mal wie aus der Realität gerückt - ich kann ihn sehen, mit ihm reden, ihn sogar anfassen. Aber nichts ist mehr so wie zuvor: die Art, wie ich Linda ansehe, wie sie meine Blicke erwidert oder eben nicht, der Ton, in dem wir miteinander reden. Berühren mag ich sie gar nicht, das ist das Gruseligste. All das Vertraute, Leichte, Selbstverständliche, die Gemeinsamkeiten und die Nähe, die unsere Beziehung ausmachten, fehlen. An den Rand geschoben, in den Hintergrund gedrängt, verblasst. Alles verändert sich. Sie, ich, als wären wir zweidimensional geworden, unberührbar. Fremd, in der Erinnerung aber noch so nah.

Mehr Zeit vor dem Spiegel als Paris Hilton

Am Abend telefoniere ich mit Simone. Obwohl ihre Hepatitis-C-Behandlung seit Monaten beendet ist, leidet sie immer noch an den Nachwirkungen. Auch ihr Schlaf ist gestört, nachts überfällt sie Juckreiz am gesamten Körper. Es dauert ungefähr ein halbes Jahr, bis der Körper die Medikamente abgebaut hat, die Haut reagiert oft noch deutlich länger empfindlich. Jochen, ein Bekannter aus meiner ersten Drogentherapie, hat einige Wochen nach dem Ende seiner Behandlung eine Gürtelrose bekommen, laut seinem Hautarzt wahrscheinlich ausgelöst durch die Hepatitis-Medikamente.

Mir geht es ähnlich - seit Wochen befinde ich mich auf einem Kreuzzug gegen die Hautirritationen. Die geröteten, trockenen Stellen in meinem Gesicht sind zahlreicher und größer geworden, mein Zahnfleisch ist entzündet, meine Lippen sind rau, die Mundwinkel eingerissen. Immer wieder bilden sich Herpesbläschen. Seit Monaten ist mein Naseninneres wund und blutig. Nasenspray mit Meerwasser und Dexpanthenol, Bepanthensalbe gegen die roten Flecken, antibakterielle Mundspülung, Fettcreme für die Lippen, Penciclovir gegen den Herpes - mein tägliches Pensum an Eincremen, Spülen und Sprühen scheint Stunden in Anspruch zu nehmen. Ich verbringe mehr Zeit vor dem Spiegel als Paris Hilton.

Am Montag sage ich der Schlaflosigkeit den Kampf an. Am Morgen zwinge ich mich früher aus dem Bett als üblich. Am Abend gehe ich joggen, das erste Mal seit rund acht Monaten. Eine Viertelstunde, mehr ist nicht drin, aber ich bin dennoch stolz auf meine Leistung. In den vergangenen Wochen, als die Gliederschmerzen und die Erschöpfung mich niederknüppelten, wäre das undenkbar gewesen. Allein, es nützt nichts - Montagnacht finde ich wieder nicht in den Schlaf. Ich werde meinen Arzt um Schlaftabletten bitten.

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1. Belastungen durch Interferontherapie
beejees 07.06.2007
Das Tagebuch von Jörg Böckem lese ich seit Wochen sehr interessiert. Ich bin selbst mittendrin in einer Therapie und vergleiche seine und meine Erfahrungen. Ich muss feststellen, dass es erhebliche Unterschiede zwischen mir und seinen Erfahrungen gibt. Der grösste Unterschied ist einmal, dass ich jetzt bereits die 2. Therapie mache, weil die erste (48 Wochen von August 2004 bis Juni 2005) zwar erfolgreich zu Ende gebracht wurde, aber das Hep C Virus 2006 wieder erneut messbar war. Stärker als zuvor mit 13 Mio. Einheiten. Jetzt bin ich also mittendrin in der 2 Therapie (morgen die 9. Spritze von insgesamt 72). Allerdings geht es mir lange nicht so dreckig wie Jörg, mit dem ich wirklich mitfühle. Ich kann nicht sagen, warum ich besser dran bin. (Ich bin 57 Jahre und stehe mitten im Berufsleben mit einem 10-12 Stunden Tag als Geschäftsführer einer GmbH und einer Limited). Höllenverantwortung. Habe auch schon Kunden gereizt angeraunzt, weil die Nebenwirkungen natürlich nicht spurlos an mir vorüber gehen. Aber ich bin nicht so gelähmt, kann einigermassen gut und erholt schlafen und habe einen unglaublichen Appetit. Das gibt Kraft für den Arbeitstag, der mich natürlich auch schafft. Ich weiss nicht, ob ich eine Ausnahme bin, will aber einfach Mut machen, falls jemand die Therapie macht oder vor sich hat. Es geht durchaus auch anders. Will meine Probleme jedoch nicht verschweigen. Die sind Gereiztheit, Aggressivität, emotionale Unausgeglichenheit, Leistungsfähigkeit nur 50 % gegenüber Nicht-Therapie-Zeit, trockene Nasenschleimhäute, leichter Schlaf. Ich nehme viele Vitamine, Nahrungsmittelergänzungen (Orthomolar, etc.) Obst, Gemüse, alles Bio und esse soviel ich kann, um Kraft zu bekommen. Meine Beziehung zu meiner Frau hat sich in keiner Weise negativ verändert. Sie ist im Gegenteil sogar noch stärker und enger geworden. Ich kann den Satz "Menschen werden zweidimensional, aus Nähe wird Fremdheit" nicht bestätigen. Ich wünsche Jörg Böckem und allen Hep C Patienten alles Gute und genug Power um die anstrengende Therapie durchzustehen.
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