Tiananmen-Dissident Die Rache der Partei

Während des Aufstandes am Platz des Himmlischen Friedens 1989 warf er Farbe auf das dortige Mao-Porträt - mit bösen Folgen: Nach 16 Jahren Gefängnis mit Schlägen, Folter und teilweise Einzelhaft, kam der Journalist Yu Dongyue jetzt als letzter Dissident des Aufstands frei. Er ist ein gebrochener Mann.

Von Till Fähnders und , Peking


Peking - Vielleicht hätten sie den Häschern entwischen können. Vielleicht hätten sie - wie so viele Demonstranten - nach dem Tiananmen-Massaker am 4. Juni 1989 ein normales Leben führen können. Doch das Schicksal von Yu Dongyue, Yu Zhijian und Lu Decheng sollte eine traurige Wendung nehmen. Besonders bitter: Es waren nicht Polizisten oder Geheimagenten, die das Trio ergriffen, sondern Mitstreiter. "Die drei wurden von Demonstranten gepackt und zur Polizeiwache in der Nähe des Platzes geführt", erinnert sich der britische Journalist und Augenzeuge Jonathan Mirsky.

Sie hatten am 23. Mai das riesige Mao-Porträt an der Mauer zur Verbotenen Stadt mit blauer, gelber und roter Farbe beworfen. Andere Teilnehmer der Proteste auf dem Tiananmen-Platz fürchteten, dies könne die Demokratiebewegung in Verruf bringen.

Nachdem die Armee die Proteste wenige Tage später brutal niedergeschlagen hatte, war die Rache der Partei, die Mao trotz seiner Verbrechen noch immer als Staatsgründer und politischen Übervater ehrt, furchtbar. Yu Dongyue wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, sein Schulfreund Yu zu lebenslang, Lu zu 16 Jahren.

"Sie besudelten, konterrevolutionäre Sabotage treibend, bei hellem Tageslicht das große Porträt des Führers Mao. Durch ihr Handeln begingen sie die Verbrechen der konterrevolutionären Sabotage und der konterrevolutionären Agitation und Propaganda", urteilte am 11. August 1989 das Mittlere Volksgericht Pekings. Die Juristen warfen den Angeklagten zudem vor, parteifeindliche Transparente entrollt zu haben.

Am Mittwoch dieser Woche ist der 38-jährige Yu Dongyue, Kulturredakteur der "Liuyang Daily", nach 16 Jahren Haft als letzter der drei aus dem Gefängnis Nr. 1 der Provinz Hunan entlassen worden - vier Jahre vor der Zeit. Internationale Menschenrechtsorganisationen hatten sich immer wieder für ihn eingesetzt.

"Schwere psychische Schäden"

Doch Yu hat im Gefängnis schwer gelitten: Er ist geistig verwirrt und erkennt Freunde und Verwandte nicht mehr. Ein Mithäftling berichtete, Yu habe tagelang in der Sonne, an einen Pfahl gebunden, schmachten müssen. Zweimal sperrten ihn Wärter dem Vernehmen nach in eine Einzelzelle - für jeweils zwei Jahre. Womöglich hatte Yu nach dem Urteil keine Reue gezeigt, was die chinesische Justiz besonders übel nimmt. Später konnte er wohl nicht mehr bereuen, selbst wenn er gewollt hätte: Er habe, so berichteten Besucher, immer dieselben Worte vor sich hin gemurmelt.

"Yu Dongyue mag zwar endlich entlassen sein, aber 16 Jahre ungerechte Haftbedingungen mit regelmäßigen Schlägen, Folter und Jahren der Einzelhaft haben bei ihm offensichtlich schwere psychische Schäden hinterlassen", sagt Corinna-Barbara Francis von Amnesty International.

Die anderen beiden Farb-Attentäter waren bereits vor einigen Jahren auf freien Fuß gesetzt worden. Der Busfahrer Lu, auf Bewährung entlassen, hat sich 2004 nach Thailand abgesetzt. Dort hält ihn die Polizei fest. Peking verlangt seine Auslieferung, aber die Chancen stehen gut, dass ihm die Uno-Flüchtlingsorganisation hilft, schon bald nach Kanada auszureisen. Namensvetter Yu wurde letzte Woche wieder von der Polizei festgesetzt, weil er sich an einem Hungerstreik beteiligte, um andere Dissidenten zu unterstützen.

Rund 70 Menschen, die während des Pekinger Frühlings gegen die Partei protestierten, sitzen nach Schätzung von Bürgerrechtlern immer noch in chinesischen Gefängnissen. Amnesty International nennt zum Beispiel den Arbeiter Liu Zhihua und den Lehrer Hu Shigen. Wenn den beiden die Reststrafe nicht erlassen wird, kommen sie erst in fünf beziehungsweise sechs Jahren frei.

Das von Yu und seinen Freunden beschmutzte Mao-Bild war schon nach wenigen Stunden ausgewechselt worden. Noch heute hängt es am Tor des Himmlischen Friedens und wird jedes Jahr im September erneuert.



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