Katastrophe in Tianjin Eine Stadt kämpft gegen das Gift

Gift im Wasser, tote Fische am Flussufer: In der chinesischen Metropole Tianjin wächst nach den tödlichen Explosionen die Angst vor schwersten Umweltschäden. Die Regierung wiegelt ab.

REUTERS

Nach den verheerenden Explosionen in der chinesischen Millionenstadt Tianjin sind jetzt erneut Feuer an der Unglücksstelle ausgebrochen. Feuerwehren sind im Einsatz, um die Brände rund um den früheren zentralen Auto-Terminal zu löschen.

In der Stadt wächst die Sorge vor schweren gesundheitlichen Schäden für die Menschen. Vor gut einer Woche detonierten mehrere Tonnen giftiger Chemikalien in einem Gefahrgutlager im Hafen. Daraufhin richtete die Regierung einen Sperrbezirk ein.

In einer Wasserprobe innerhalb dieses Areals wurde nun ein Natriumzyanid-Wert gemessen, der um das 356-fache über dem Grenzwert liege, teilte das Umweltschutzamt der Stadt mit. Der Fluss Hai He, etwa sechs Kilometer vom Zentrum des Unglücks entfernt, schwemmte Tausende tote Fische ans Ufer.

Ein Pulver, das tötet

Natriumzyanid ist ein weißliches Pulver, das unter anderem in der metallverarbeitenden Industrie sowie zur Goldgewinnung eingesetzt wird. Es kann beim Einatmen und beim Kontakt mit der Haut tödlich sein. In dem zerstörten Gefahrgutlager wurden nach Behördenangaben mehr als 700 Tonnen dieses Stoffes aufbewahrt.

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Tianjin: Tote Fische im Fluss
Staatliche Vertreter mühten sich, die Menschen zu beschwichtigen. Das kontaminierte Wasser sei innerhalb des Sperrbezirks isoliert und werde erst abgepumpt und entsorgt, wenn es gereinigt sei. Dämme aus Sand und Erde würden das etwa 100.000 Quadratmeter große Sperrgebiet abschotten. Luft und Wasser seien für die Einwohner "ohne Gefahr".

Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, im Fluss Hai He seien keine überhöhten Belastungen gemessen worden. Der Tod der Fische könne viele Gründe haben. Experten sollen den Fall untersuchen.

Bei der gewaltigen Explosionsserie in Tianjin waren am 12. August mindestens 114 Menschen ums Leben gekommen. Hunderte wurden verletzt, etwa 70 werden noch immer vermisst. Nach Berichten über Zensur und mangelnde Aufklärung war die chinesische Regierung unter anderem von der Uno scharf kritisiert worden.

Arbeiter in Schutzanzügen

Unterdessen sind Arbeiter in Schutzanzügen am Unglücksort dabei, die Trümmer zu beseitigen. Dazu zählen verschmorte Fahrzeugkarossen, die eigentlich über den Hafen verschifft werden sollten, und zerknitterte Container.

Die Ermittler nahmen zehn Beschuldigte aus dem Umfeld des Unternehmens fest, dem das Warenhaus gehörte. Sie haben offenbar gegen gesetzliche Vorschriften verstoßen. Unter den Verdächtigen sind auch zwei stille Teilhaber, die sich eine Genehmigung für die Lagerung beschafft haben, obwohl die Halle weniger als die erlaubten 1000 Meter von Wohnhäusern und Straßen entfernt lag.

sms/AP/AFP

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insgesamt 59 Beiträge
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kjartan75 21.08.2015
1. Zum Anfang der Katastrophe...
...hat Greenpeace auch die Wasserwerte gemessen und keine erhöhten Natriumcyanid-Werte gemessen (im Gegensatz zu den Stellungnahmen der Behörden). Das ist selten. Aber anscheinend gibt es hier erhebliche Spätwirkungen.
stabilobacter 21.08.2015
2. zyankali
Ist chemisch vergleichbar und in sehr kleinen Mengen bereits toedlich. Was gibt es da noch abzuwiegeln wenn es tonnenweise rumliegt..........? Gruss S
taggert 21.08.2015
3. Tianjin
Es ist schon hochinteressant wie hier verfahren wird, das kommt einem doch sehr bekannt vor. Egal welches Land und welche Regierungsform - bei solchen Unglücken ducken sich alle Politischen verantwortlichen weg... und natürlich gibt es NIE Gefahren für die Anwohner. "Staatliche Vertreter mühten sich, die Menschen zu beschwichtigen. Das kontaminierte Wasser sei innerhalb des Sperrbezirks isoliert und werde erst abgepumpt und entsorgt, wenn es gereinigt sei. " ... Selbstverständlich. Kann mir Jemand erklären wie genau man Wasser in einem Bezirk "isoliert"? In so kurzer Zeit? Ist das überhaupt machbar? Immerhin verdampft Wasser ja auch - und wie isoliert man Grundwasser in einem ganzen Stadtteil? "Luft und Wasser seien für die Einwohner ohne Gefahr." ... Selbstverständlich, deswegen rennen alle Arbeiter in Schutzanzügen herum... "Der Tod der Fische könne viele Gründe haben." ... Dazu muss man wohl nichts sagen. Außer: Zufälle gibts! "Unter den Verdächtigen sind auch zwei stille Teilhaber, die sich eine Genehmigung für die Lagerung beschafft haben, obwohl die Halle weniger als die erlaubten 1000 Meter von Wohnhäusern und Straßen entfernt lag." ------------ Der Knaller ist: Und es interessiert keinen wer diese Genehmigung erteilt hat? Braucht es dafür nicht eine Behörde? Oder konnten die Teilhaber die einfach "selbst erteilen"? ... Fragen über Fragen.
agrippa76 21.08.2015
4. Beispiel an Deutschland nehmen!
Die sollten sich mal ein Beispiel an uns nehmen, wir ham das ja clever gemacht, die Industrie die für die "Kloake Rhein" verantwortlich war wurde bei uns ja schon seit den frühen achtzigern radikal abgebaut und in Länder wie China verlagert. Das ist ja auf einem so guten weg das wir uns als weiße Ritter hinstellen können und der Welt zeigen das wir umweltfreundlich sind :) Billiges Pottmetall für Spielzeug und täglicher Bedarf? Geschenkt die Produkte kommen alle fertig und umweltfreundlich eben aus China und anderen Ländern. China hat nur das Problem das sie es sich nicht leisten können Massen an Menschen zu entlassen um ihre Umwelt auf die Reihe zu kriegen das geht im kleinen reichen deutschland einfacher.
outsider-realist 21.08.2015
5. china
......und das ist das China, das so viele Foristen bewundern und uns für eine Bananenrepublik halten. In China wird viel schnell umgesetzt, weil es kaum Umweltauflagen, kaum "Wutbürger"(wie ich das Wort hasse) und Natur-, Umwelt und Bürgerschutz keine grosse Rolle spielen. Dagegen waren bei uns die 60ger, als bei uns alles vergiftet wurde, noch golden dagegen. China beginnt nun den Preis für den hemmungslosen "Fortschritt" zu zahlen......aber wie die Regierung dort, werden es auch hier einige Foristen nicht einsehen und bejubeln den nächsten Airport, für den einmalige Naturlandschaften zerstört werden. Nein....China ist alles andere als ein Vorbild.
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