Tief "Daisy": Rettungskräfte befreien Dutzende Autofahrer aus Schneefalle

Mit starken Schneefällen und orkanartigen Böen hat Sturmtief "Daisy" in der Nacht auf Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern gewütet. Hunderte Menschen steckten zeitweilig nach Schneeverwehungen auf der A20 in ihren Fahrzeugen fest. In Nordrhein-Westfalen ereigneten sich mehr als 1100 Verkehrsunfälle.

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Winter mit Tief "Daisy": Eisbäder und Eisbahnen

Berlin - In Deutschland herrschen sibirische Verhältnisse, und der Sprecher der Autobahnpolizei in Mecklenburg-Vorpommern konstatiert nüchtern: "Da geht nichts mehr." Mit starken Schneefällen und orkanartigen Böen hat das Sturmtief "Daisy" in der Nacht auf Sonntag weite Teile der Autobahn A20 in Mecklenburg-Vorpommern lahmgelegt.

An mehreren Stellen hätten sich Fahrzeuge quergestellt, sagte der Sprecher. Dutzende Menschen steckten in ihren Autos fest. Selbst Räumfahrzeuge kämen nicht mehr voran, so dass nun Bagger im Einsatz seien.

Das Technische Hilfswerk konnte 170 vom Schnee eingeschlossene Autofahrer in Sicherheit bringen. Die meisten Fahrzeuge steckten auf einem acht Kilometer langen Abschnitt rings um Jarmen fest, erklärte eine Polizeisprecherin. Quer auf der Fahrbahn stehende Lastwagen blockierten die Strecke zudem nördlich der Anschlussstelle Süderholz. Der Schnee habe den Autos bis an die Fenster gereicht. Insgesamt waren zeitweise 14 Kilometer auf der A20 komplett gesperrt.

In mehreren Landkreisen seien die Bürgermeister angewiesen worden, ihre Gemeinden abzuriegeln und die Einwohner daran zu hindern, auf die Autobahn zu fahren, sagte ein Sprecher der Polizeidirektion in Rostock. Die Warnmeldung sei gegen 5 Uhr morgens ausgegeben worden. Wegen des Schneesturms sei die A20 ab Greifswald bis zur Landesgrenze nach Polen derzeit unpassierbar. Auch auf dem restlichen Abschnitt gebe es mehrere Staus.

Das größte Problem seien die orkanartigen Sturmböen, die nach kurzer Zeit bereits geräumte Strecken wieder mit Schneemassen zuwehten, erklärte der Polizeisprecher weiter. Da der Wind am Vormittag aber nachlassen solle, sei ab Sonntagmittag mit einer Entspannung der Lage zu rechnen.

Nahe Lübeck droht ein Deich zu brechen

In ganz Norddeutschland hat der Schneesturm viele Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten. Zahlreiche Straßen waren am Sonntag blockiert, an der Ostsee herrschte Sturmflut. In Neustadt, Heiligenhafen und an anderen Badeorten trat die Ostsee über die Ufer. Bei Dahmeshöved bestand die Gefahr eines Deichbruchs. "Hier helfen zahlreiche Menschen und versuchen, das Schlimmste zu verhindern", erklärte die Polizei. Bei Lübeck schnitten meterhohe Schneewehen den Ort Priwall von der Außenwelt ab. Auch die Priwallfähre habe ihren Betrieb wegen Hochwassers und Sturm eingestellt.

Sturmtief "Daisy" legte in Mecklenburg-Vorpommern auch den Bahnverkehr zu großen Teilen lahm: In hohen Schneewehen fuhr sich am Sonntagmorgen ein Personenzug auf der Strecke Stralsund-Pasewalk-Berlin bei Ducherow fest, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn AG. Das Technische Hilfswerk versuche derzeit über stark verschneite Feldwege zu den knapp 60 eingeschlossenen Menschen im Zug zu kommen.

Bereits am Samstagabend hatte sich ein Triebzug der Usedomer Bäderbahn bei Miltzow festgefahren. Ein Drehgestell des Triebwagens entgleiste. Die 30 Insassen wurden inzwischen gerettet. Gesperrt sind zudem die Strecken Berlin-Neubrandenburg-Stralsund im nördlichen Teil sowie die Querverbindung im Land zwischen Neubrandenburg und Güstrow sowie weitere Strecken vor allem im Osten des Landes.

Mehr als 1000 Verkehrsunfälle in Nordrhein-Westfalen

Bisher hat "Daisy" am Wochenende in Nordrhein-Westfalen zu 1132 witterungsbedingten Verkehrsunfällen geführt. Dabei wurden zwei Menschen getötet und 16 schwer verletzt, wie die Landesleitstelle der Polizei in Neuss mitteilte. Die Beamten registrierten zudem innerhalb von 24 Stunden 88 Leichtverletzte. Die Höhe des entstandenen Sachschadens wird auf rund drei Millionen Euro geschätzt.

Seit Samstagabend ist auch die Autobahn zwischen dem Kreuz Lübeck und dem Autobahnende bei Bad Segeberg in beiden Richtungen gesperrt. Auf den Strecken ereigneten sich zahlreiche Verkehrsunfälle. Auch auf der Autobahn 10 in Brandenburg gab es zahlreiche Karambolagen.

An der deutsch-französischen Grenze haben in der Nacht auf Samstag bei Neuenburg in Südbaden an die 400 Lastwagen größtenteils die ganze Nacht über auf der Autobahn gestanden.

Der Zugverkehr war auch in der Nacht vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg witterungsbedingt zum Teil stark beeinträchtigt. Auf mehrere Regionalstrecken ruhte der Verkehr. Störungen nach Schneefällen gab es auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Viele Straßen im Norden Niedersachsens, in einzelnen Teilen Schleswig-Holsteins und in der Nordhälfte Mecklenburg-Vorpommerns werden am Sonntag nicht passierbar sein, teilte Jörg Kachelmann vom Wetterdienst Meteomedia mit. Das liege hauptsächlich an dem verwehten Altschnee.

Die Ostsee-Inseln kämpfen gegen meterhohe Schneeverwehungen

Am Kap Arkona auf der Insel Rügen türmten sich bei Orkanspitzen der Windstärke 11 immer wieder in kurzer Zeit meterhohe Verwehungen auf. Auf den Nebenstraßen Rügens sowie auf der Insel Usedom und in den Landkreisen Uecker-Randow und Ostvorpommern waren die meisten Haupt- und Nebenstraßen kaum noch befahrbar. Viele Autos blieben in Verwehungen stecken.

Dramatisch war die Situation auch auf der Ostseeinsel Fehmarn, die etwa 13.000 Einwohner hat. Laut Bewohnern türmten sich Verwehungen bis zu einer Höhe von zwei Metern auf. Besonders betroffen waren der Norden und der Osten der Insel. Die Lage sei katastrophal, sagte der dortige Bürgermeister. "Die Verbindungen zwischen den 42 Dörfern auf der Insel sind blockiert und praktisch nicht mehr passierbar."

In Schleswig-Holstein sorgten Schneefall und Verwehungen von bis zu 1,50 Meter auf Nebenstraßen in ländlichen Gebieten für Komplikationen. Davon betroffen waren insbesondere die Ostseeküste sowie die Kreise Ostholstein und Plön. In Hamburg war es vergleichsweise ruhig.

Starker Schneefall, Sturm und umgestürzte Bäume brachten den Verkehr in Teilen des Harzes zum Erliegen. Laut Polizei ereigneten sich etliche Unfälle. Einige Wintersportanlagen wurden gesperrt. Bei Übach-Palenberg in Nordrhein-Westfalen starb ein 38-jähriger Mann, als ein Auto auf schneebedeckter Straße in den Gegenverkehr rutschte.

Bahn bittet wegen Verzögerungen um Verzeihung

Im Zugverkehr gab die Deutsche Bahn am Abend mehrere Streckensperrungen in Mecklenburg-Vorpommern bekannt. Auf den Strecken Züssow-Stralsund-Barth, Sanitz-Tessin und Bergen-Lauterbach könnten keine Züge mehr fahren, sagte ein Bahn-Sprecherin. Wie lang die Sperrungen dauern werden, sei noch nicht klar. Stundenlange Verspätungen gab es auf der Regionalbahnverbindung zwischen Berlin und Cottbus sowie zwischen Berlin und Hannover beziehungsweise Hamburg.

"Der Unmut vieler Fahrgäste lässt uns keineswegs kalt", sagte der Vorstand Personenverkehr bei der Deutschen Bahn, Ulrich Homburg, der "Bild am Sonntag". Die Kunden erwarteten "pünktliche Züge und guten Service - und das völlig zu Recht". An diesem Anspruch wolle die Bahn sich messen lassen. "Deswegen möchte ich mich bei allen entschuldigen, die in den letzten Wochen aufgrund von Störungen und Verspätungen Beeinträchtigungen ihrer Reise hatten", sagte Homburg.

"Viele Bahnreisende haben ihr Ziel vielleicht später oder auf Umwegen erreicht, aber wir haben den Betrieb aufrecht erhalten", betonte der Bahn-Vorstand. Die Bahn sei und bleibe "ein Verkehrsmittel für jedes Wetter". Allerdings sei Eisregen "ein seltenes Ereignis, für das es keine Abhilfe" gebe, sagte Homburg. In den vergangenen Wochen waren dem Bericht zufolge mehr als hundert Züge wegen Schnee und Kälte ausgefallen oder mussten umgeleitet werden. Gründe waren unter anderen vereiste Oberleitungen, eingefrorene Weichen und Störungen durch Schnee in ICE-Zügen.

Der verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Döring, übte Kritik an den technischen Problemen der Bahn. "In Zukunft wäre es gut, wenn die Bahn bei ihren Anschaffungen weniger auf äußere Raffinesse und mehr auf die Praktikabilität und Zuverlässigkeit Wert legen würde", sagte er der "BamS".

jjc/dpa/ddp/Reuters

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