Tierhaltung im Zirkus Der Elefantenkrieg

"Berufsverbot!" schreien die Dompteure. Und: "Das ist der Tod des klassischen Zirkus!" Es herrscht Panik in den Manegen, seit eine Bundesratsinitiative Elefanten, Bären und Affen aus dem Zirkus verbannen soll. Doch bis es so weit ist, rechnen Experten vor, dürfte der letzte deutsche Zirkuselefant ohnehin gestorben sein.

Von Dominik Baur


Zauberland Zirkus: Hier die Manege des ostdeutschen Zirkus "Probst"
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Zauberland Zirkus: Hier die Manege des ostdeutschen Zirkus "Probst"

Hamburg - Ein Schweinestall nahe Dessau: Angekettet in dem dunklen und feuchten Raum stehen Rani und Kenia, zwei afrikanische Elefantenkühe. Die beiden sind die Stars des Zirkus "Harlekin". Rani hat sich den Oberschenkel gebrochen, ihr Bein ist entzündet. Damit sie überhaupt stehen kann, hat der Direktor des Zirkus seine schwergewichtige Artistin mittels Flaschenzug an der Decke festgebunden. Das Bein behandelt er mit dem Urin des Tieres. Doch Rani ist nicht mehr zu retten. Im Januar wird sie eingeschläfert. Jahrelang hatten die beiden Tiere nach Expertenmeinung unter Fehlernährung, Bewegungsmangel und großem Stress zu leiden.

Elefantenkuh Dunja im Zoo von Hannover: 1998 wurde sie verwahrlost in einem Zirkus entdeckt
DDP

Elefantenkuh Dunja im Zoo von Hannover: 1998 wurde sie verwahrlost in einem Zirkus entdeckt

Es gibt sie zuhauf, die Beispiele schlechter Tierhaltung im Zirkus. Die hessische Regierung hat das Thema jetzt wieder aufs Tapet gebracht. Für September kündigte das Land eine Bundesratsinitiative an - sehr zur Freude von Vereinen wie dem "Deutschen Tierschutzbund" und "Vier Pfoten". Das Ziel: Drei Tierarten sollen künftig aus deutschen Zirkussen verschwinden - Elefanten, Affen und Bären. Die Tiere verbrächten "einen Großteil ihres Lebens in engen Transportwagen", schimpft Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU). Die Folgen seien Verhaltensstörungen, Erkrankungen und Todesfälle. "Hiermit muss jetzt Schluss sein!"

Gut gebrüllt, Löwe! Markige Sprüche haben von jeher die Diskussion um die Tierhaltung im Zirkus geprägt. Denn die Fronten in dem seit mindestens zwei Jahrzehnten brodelnden Glaubenskampf zwischen Tierschützern und Zirkusleuten sind verhärtet.

"Wie Sträflinge in Ketten"

Der Krieg um die Elefanten und andere Wildtiere wird vor den Zirkuskassen ausgetragen, wo Tierschützer Flugblätter an die Besucher verteilen; er findet im Internet statt, wo zum Boykott von Zirkussen aufgerufen wird; und selbst zu Handgreiflichkeiten kommt es bisweilen - wie jüngst beim Berliner Zirkus "Renz", wo die Betreiber damit gedroht haben sollen, ihre Elefanten auf Tierschützer und Polizisten zu hetzen.

"Da gibt's ja die furchtbarsten Zirkusse": Elefant in einem kleinen Zirkus
ELEFANTEN-SCHUTZ EUROPA E.V.

"Da gibt's ja die furchtbarsten Zirkusse": Elefant in einem kleinen Zirkus

Was zumindest die radikaleren Überzeugungskämpfer beider Seiten gemeinsam haben: Sie unterstellen der anderen Seite, nicht dialogbereit zu sein, infame Lügen zu verbreiten und von den betreffenden Tieren keine Ahnung zu haben. Dabei wird gern pauschalisiert. In den Augen vieler Zirkusleute wollen die Tierschützer am liebsten sofort alle Tiere einschläfern lassen, denn ein totes Tier sei besser als ein mutmaßlich gequältes. Als angeblich typisches Beispiel für die Kenntnisse der Tierschützer wird jenes Grüppchen Verwirrter angeführt, das 1996 in Hamburg vor dem "Circus Busch-Roland" gegen die unzumutbare Haltung der Elefanten protestierte - "Busch-Roland" führte zu der Zeit überhaupt keine Elefanten mit sich.

Organisationen wie "Animal public" dagegen orientieren sich häufig an den negativen Extrembeispielen, wenn sie von dem Zirkus sprechen: "Elefanten werden wie Sträflinge in Ketten gehalten. Egal ob sie Hunger oder Durst haben, ihnen warm oder kalt ist, die schweren Eisenketten an ihren Beinen verhindern jede Bewegung", schreiben die Tierschützer verallgemeinernd auf ihrer Homepage. Es gebe keine Ausnahmen, sagt Thomas Höller von "Animal public".

"Die versuchen uns zu kriminalisieren"

"Es kommt halt immer gut, wenn man was für Tiere macht": Zirkusdirektor Paul
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"Es kommt halt immer gut, wenn man was für Tiere macht": Zirkusdirektor Paul

"Auch ich war schon immer gegen den Bären im Glitzerkostüm, der Fahrrad gefahren ist", erzählt Zirkusdirektor Bernhard Paul und räumt ein, dass sich viele "schwarze Schafe" in der Branche tummelten. "Da gibt's ja die furchtbarsten Zirkusse." Mehr als die Hälfte der Betriebe seien unseriös, schätzt Paul, der in seinem "Circus Roncalli" seit einigen Jahren auf Wildtiernummern verzichtet. "Der größte Feind des Zirkus ist der schlechte Zirkus." Deshalb dürfe man aber nicht Tierdressuren generell verdammen. Für ihn ist der Hessen-Vorstoß ein Schnellschuss. "An dem Thema sind zu viele Wichtigtuer dran. Es kommt halt immer gut, wenn man was für Kinder oder Tiere macht."

Auch im zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerium schüttelt man über die hessische Betriebsamkeit den Kopf. Mit den gerade erst überarbeiteten Leitlinien für die Tierhaltung in Zirkussen hätten die Länder doch ein Instrumentarium an der Hand, das sie bislang völlig unzureichend nutzten, heißt es.

"Die versuchen uns zu kriminalisieren", schimpft Susanne Matzenau. Sie ist Sprecherin des "Circus Krone", des größten deutschen Zirkus. Sein Wappentier: ein Elefant. Im Reisegepäck hat "Krone" derzeit acht Elefanten. Wegen seiner fehlenden Lobby sei der Zirkus ein einfaches Opfer. Mit den Elefanten fange es jetzt nur an. Als nächstes seien die anderen Zirkustiere dran, dann die Zoos und schließlich sogar die Bauern, prophezeit Matzenau.



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