Tierversuche in Deutschland Beagle Lilly und ihr neues Leben

2600 Hunde werden in Deutschland jährlich für Tierversuche eingesetzt - so wie Beagledame Lilly. Nach dem Ende der Testreihe kam die verängstigte Hündin bei einer Pflegefamilie in Hessen unter. Und muss sich an Gras und Sonne gewöhnen.

Gesa Fritz

Von Gesa Fritz


Lilly hat Angst. Eben noch ist die Beagle-Hündin freudig auf die 14-jährige Victoria Weigel zugelaufen, jetzt duckt sie sich panisch zu Boden. Sie uriniert vor Angst. Eine schnelle Bewegung, ein unbekanntes Geräusch - Kleinigkeiten reichen aus, um die Hündin am ganzen Körper zittern zu lassen. "Lilly rechnet immer mit dem Schlimmsten", sagt Victoria.

Kein Wunder. Bis vor kurzem lebte Lilly in einem Versuchslabor, einem badezimmerähnlichen Raum, in dem sie unter sterilen Bedingungen mit Artgenossen eingesperrt war. Sie diente der Forschung. Wenn Menschen kamen und Lilly griffen, folgte ein Experiment. Wenn Feierabend war, ging das Licht aus. Sonne, Regen, durch Wiesen streunen - all das kam im Leben der zweijährigen Hündin nicht vor.

Seit drei Wochen lebt Lilly bei Familie Weigel in Holzhausen, einem Dorf in Nordhessen. Victorias Mutter Marion Weigel ist aktives Mitglied des Vereins Laborbeaglehilfe. Der Verein kümmert sich unter anderem um ausgemusterte Versuchshunde. Die Mitglieder bieten den für die Forschung wertlos gewordenen Tieren einen Pflegeplatz - so lange, bis ein endgültiges Zuhause gefunden ist. "Wir wollen den Tieren ein zweites, schönes Leben ermöglichen", sagt Marion Weigel, 44, Polizistin.

Der Verein arbeitet mit verschiedenen Laboren zusammen. Diese informieren die Laborbeaglehilfe - oft erst zwei Wochen vorher - wie viele Hunde die Labore verlassen dürfen. "Wenn wir die Tiere nicht nehmen, kommen sie in neue Versuchsreihen - oder sterben", sagt Marion Weigel.

Die ersten Tage bei den Weigels hat Lilly auf dem Sofa verbracht. Vor Angst hat sie nicht geschlafen, nicht getrunken, nicht gefressen. "Ich habe ihr mit einer Spritze Wasser in den Mund geträufelt", erzählt Marion Weigel. Jedes Geräusch ließ die Hündin zusammenzucken. Zur Ruhe und etwas Schlaf kam Lilly erst am zweiten Tag, eingemummelt in eine Decke auf Victorias Bauch.

Übergabe an der Autobahnraststätte

Das Verhältnis zwischen Verein und Laboren ist schwierig. "Wir sind strikt gegen Tierversuche. Wenn ich sehe, wie es Lilly geht, fällt mir alles aus dem Gesicht", sagt Marion Weigel. Aber Tierversuche sind in Deutschland vom Gesetzgeber vorgeschrieben. An den Hunden werden Operationsmethoden ausprobiert, an ihnen wird getestet, wie Haut auf Reinigungsmittel oder der Organismus auf neue Medikamente reagiert. Die Übertragbarkeit der Forschungsergebnisse auf Menschen ist umstritten. "Aber solange es diese Gesetze gibt, gibt es Hunde wie Lilly", sagt Weigel.

Laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft wurden im Jahr 2012 mehr als 2600 Hunde für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke eingesetzt. Beagle eignen sich dabei besonders gut: Sie sind robust, gutmütig und wehren sich nicht - das erleichtert die Arbeit in den Laboren.

Wie arbeitet man mit jemandem zusammen, dessen Tun man zutiefst verurteilt? "Die Labore wollen keine schlechte Presse und wir wollen, dass sie uns weiter die Hunde geben", sagt Marion Weigel. Über vieles wird nicht gesprochen. Keine Namen, keine Orte, keine Zeiten. So wissen nur wenige der zwei Dutzend aktiven Vereinsmitglieder, wo die Labore ihre Standorte haben. Nur wenige Auserkorene durften die Räumlichkeiten besichtigen.

Lilly wurde konspirativ an einer Autobahnraststätte an Marion Weigel übergeben. Mit dem zitternden Hund im Auto ging es weiter, heim nach Nordhessen. In dem Haus am Rande eines Waldes leben Oma, Mutter und Tochter Weigel mit drei Beagle, einem Mischlingsrüden und der Katze Hildegard.

"Nur der Wunsch, ein Tier zu retten, reicht leider nicht"

Die anderen Hunde zeigen Lilly, wie das Hundeleben in Wirklichkeit funktioniert. Sie schlabbern aus Wassernäpfen, schreiten furchtlos über Türschwellen und strafen eine brummende Hummel mit Missachtung. Während die Meute schwanzwedelnd über die Wiese tollt, stakst Lilly wie ein Storch durch das unbekannte Gras.

"Wir suchen für Lilly noch ein endgültiges Zuhause", sagt Marion Weigel. Hier kann sie nicht bleiben, das Haus ist voll. Deshalb sucht die Polizistin Menschen mit viel Zeit und Verständnis für die Besonderheiten des Laborhundes. Rund 200 Beagle übernimmt der Verein nach eigenen Angaben pro Jahr. Doch obwohl es an geeigneten Plätzen für die Tiere mangelt, wählt die Laborbeaglehilfe die Interessenten nach strengen Kriterien aus. Zum Prozedere gehört auch ein Schutzvertrag. "Nur der Wunsch, ein Tier zu retten, reicht leider nicht", sagt Marion Weigel.

Inzwischen wächst bei Lilly die Freude am Leben: Fressen, zwitschernde Vögel, Wind im Fell - alles ist fast beängstigend toll und interessant. Sie versucht tapsig mit den anderen Hunden zu toben. Und langsam wächst auch ihr Vertrauen in Menschen. Nur das Badezimmer der Weigels, das meidet Lilly weiter konsequent.



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