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11. Mai 2012, 17:25 Uhr

"Time"-Titelbild

"Oh, mein Gott!"

In den USA erregt das "Time Magazine" mit einem kontroversen Titelbild Aufsehen. Abgebildet ist eine junge Mutter, die ihrem drei Jahre alten Sohn die Brust gibt. Nun streiten die Amerikaner: Darf man das?

Hamburg - Ein kleiner Junge steht auf einem kleinen Stuhl und nuckelt an der Brust seiner Mutter - mit diesem Titelblatt sorgt das renommierte "Time Magazine" derzeit in den USA für Wirbel.

Abgebildet sind die 26-jährige Jamie Lynne Grumet aus Los Angeles und ihr fast vier Jahre alter Sohn Aram. "Oh, mein Gott, Aram und ich sind auf dem Titelblatt des 'Time Magazine'", schrieb die junge Mutter laut "Los Angeles Times" auf ihrer Facebook-Seite.

Allzu überrascht dürfte sie jedoch nicht sein: Grumet taucht in Verbindung mit der Titelgeschichte des Magazins auf. Es geht um das sogenannte Attachment Parenting (zu deutsch etwa: bindungsorientierte Elternschaft) - ein Begriff, den der Kinderarzt Bill Sears vor 20 Jahren prägte.

Dieser Philosophie zufolge ist eine enge Bindung der Eltern zum Kind eine entscheidende Grundlage für die emotionale Stabilität des Kindes im Erwachsenenalter. Körperliche Nähe wie das gemeinsame Schlafen und auch das verlängerte Stillen spielen darin eine besondere Rolle. Kritiker zweifeln an den positiven Auswirkungen auf das Kind und bemängeln die großen Belastungen für die Mütter.

Sie selbst sei von ihrer Mutter bis zum sechsten Lebensjahr gestillt worden, sagte Grumet in einem Interview mit dem "Time Magazine".

Grumet ist überzeugte Anhängerin des Konzepts und betreibt auch eine eigene Website. Manche Leute hätten ihr gesagt, sie würden die Behörden informieren, dass sie ihren drei Jahre alten Sohn noch stille, das sei Kindesmissbrauch. "Mit diesen Menschen kann ich wohl nicht diskutieren", so Grumet.

Sie habe kein Problem damit, wenn Leute anderer Meinung seien. Sie sollten aber erkennen, dass verlängertes Stillen biologisch normal sei, nur in der Gesellschaft nicht anerkannt. "Je mehr Leute es sehen, desto normaler wird es in unserer Kultur. Darauf hoffe ich", so Grumet. "Ich will, dass die Menschen es sehen."

Genug Aufmerksamkeit dürfte sie dank des "Time"-Titelbildes in jedem Fall bekommen. Schon kurz nach der Veröffentlichung wurde das Thema in den sozialen Netzwerken heiß diskutiert. Auch Schauspielerin Alyssa Milano ereiferte sich via Twitter über das "ausbeuterische und extreme" Titelblatt.

Die "Washington Post" bezeichnet das Cover in einem Blog auf ihrer Website als "schockierend" und "fesselnd". Kritisch angemerkt wurde, dass sich der Artikel eigentlich um Bill Sears drehe - der 72-Jährige hätte auf dem Titel aber deutlich weniger Aufsehen erregt als die attraktive junge Frau.

An dieser Einschätzung könnte etwas dran sein. Grumet war am Freitag gleich auch in der populären "Today Show" des Fernsehsenders NBC zu Gast.

hut

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