Tischfußball-Entwickler Lettner "Manche sagen, die Figuren sehen aus wie Aliens"

Das war's dann wohl mit dem gemütlichen Kneipenvergnügen. Alfred Lettner hat eine Kicker-Figur entwickelt, die schneller schießen soll als alle zuvor. Das sei sogar für Bundesliga-Profis gewöhnungsbedürftig, sagt der 43-Jährige im Interview: "Ich selbst bin auch erschrocken."

DPA

Dass Tischfußball längst nicht mehr nur geselliges Kneipendaddeln ist, sondern professioneller Hochleistungssport, merkt man auch am Vokabular: Wenn der Zimmerermeister Alfred Lettner ein Kicker-Männchen entwickelt, geht es um eine "Erhöhung der Steifigkeit" und die perfekte Gewichtsverteilung.

Obwohl er in seiner Jugend lieber Billard spielte, hat Lettner jetzt für die Tischfußball-Bundesliga eine neue Kicker-Figur entwickelt, deren Schuss um 20 Prozent schneller sein soll als der anderer Kunststoff-Männchen. Das Ergebnis sieht mehr nach Hightech-Ziegel aus als nach Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Eineinhalb Jahre haben Sie an der neuen Kicker-Figur gefeilt. Warum so viel Aufwand für elf Zentimeter Kunststoff?

Lettner: Ich habe mich eines Abends mit dem Skizzenblock hingesetzt, weil klar war, dass wir eine neue Figur brauchen. Die Konkurrenz ist groß im Bereich der Kickerhersteller, die Profis wollen immer schneller spielen. Wir wollten ein leichtes Männchen herstellen, das perfekt austariert ist - also vom Fuß nicht nach unten gezogen wird, wenn man die Stange loslässt. Denn wenn die Spieler nach unten pendeln, ist ja die Bahn nicht mehr frei für Pässe zwischen den eigenen Spielern. Viele andere Hersteller bohren deshalb den Kopf der Figuren auf und packen Gewichte rein. Das macht das Männchen aber sehr schwer, die Schusskraft leidet.

SPIEGEL ONLINE: Und was war Ihre Lösung?

Lettner: Wir haben das Hauptgewicht nah an die Drehachse verlagert, dahin, wo die Figur auf die Stange geschraubt ist. Dadurch kann ich die Figur bei gleichem Kraftaufwand sehr viel mehr beschleunigen. Das neue Männchen kann bei einem Schuss eine bis zu 20 Prozent höhere Ballgeschwindigkeit schaffen. Selbst Profispieler erzählen mir, dass sie sich erst mal eine halbe Stunde daran gewöhnen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Nach der Lieblingsmannschaft mag man die anonymen grauen Ziegel an der Stange aber nicht mehr benennen.

Lettner: Beim klassischen Kickertisch haben Sie Männchen mit Mütze, Schnurrbart und grimmigem Blick. Da weiß ich auch nicht, ob das noch zeitgemäß ist. Wenn man sich heute auf dem richtigen Fußballplatz umschaut, findet sich ja auch keiner mehr, der mit Käppi rumspringt. Aber klar, die Leute fragen schon, wo das Gesicht ist. Manche sagen, die Figuren sehen aus wie Aliens. Ich selbst bin auch erst erschrocken, als mir der Designer den endgültigen Entwurf gezeigt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie da gedacht?

Lettner: Dass die Figuren mir zu reduziert, zu glatt sind. Aber wenn man Sie auf dem Tisch verbaut sieht, dann stellt man fest, dass der Tisch einfach edler, schlichter wird. Es ist stimmig. Sie sind sehr minimalistisch gestaltet, das entspricht der neuen Schnelligkeit.

SPIEGEL ONLINE: Schrauben Sie die neuen Figuren auch bald an Ihren eigenen Kicker?

Lettner: Ganz ehrlich: Ich spiele nicht so häufig und kann auch nicht wirklich gut kickern. Von meinem 15-jährigen Sohn kriege ich regelmäßig die Hucke voll. Klar werde ich auch die neuen Figuren nutzen, ich habe sie ja entwickelt. Aber das ist ein bisschen Perlen vor die Säue werfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn die Passion gar nicht da ist - warum steckt man dann so viel Lebenszeit in eine Kicker-Figur?

Lettner: Ich bin ein Mensch, der selten zu hundert Prozent zufrieden ist mit dem, was er tut. Wenn ich etwas nicht richtig beendet habe, beschäftigt es mich ewig. Den Sport beherrschen andere viel besser als ich. Aber die können dafür keine Kicker-Figuren bauen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie es wieder tun, wenn Sie gewusst hätten, wie lange es bis zur fertigen Figur dauert?

Lettner: Wahrscheinlich nicht. Aber im Vorfeld weiß man das ja nie so genau. Ist ja auch gut so. Wenn man immer alles über die Zukunft wüsste, würde man viele Dinge im Leben gar nicht ausprobieren.

ZUR PERSON
  • Schreinerei Lettner
    Alfred Lettner, 43, erinnert sich nicht an sein erstes Kickerspiel - in seiner Jugend zog er Billard vor. Heute führt der Zimmerermeister und Bautechniker seinen eigenen Handwerksbetrieb. Vor zehn Jahren baute er seinen ersten Kicker für seinen Sohn. Inzwischen stellt Lettner neben Treppen und Dachfenstern auch etwa 200 Fußballtische pro Jahr her. Seit 2008 beliefert sein Betrieb im schwäbischen Erbach auch die Bundesliga.

Das Interview führte Eva Thöne

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
molesman 14.03.2014
1. Sympatischer Mann mit guten Ansichten und toller Kreativität!
Gefällt mir, eine schöne Meldung, interessant und ganz mord und totschlagfrei. Ich will auch so einen Kicker. Das Design erschreckt wirklich zuerst, kann aber dann auch schnell begeistern.
cobaea 14.03.2014
2. ne, keine Aliens
Nein, die sehen nicht aus wie Aliens - die sehen aus wie grosse Wäscheklammern. Falls dann mal eine im Kicker fehlt, vielleicht hält sie grade das Beinkleid auf der Wäscheleine...
aha° 14.03.2014
3. Wie jetzt,
"Ich selbst bin auch erst erschrocken, als mir der Designer den endgültigen Entwurf gezeigt hat." hat er die gar nicht selber entwickelt? Und wenn er einen Designer hinzuzieht, arbeitet man da nicht zusammen, so dass niemand erschrickt? Das klingt so, als wurde das in Auftrag gegeben.
jar.koz. 14.03.2014
4. Aliens, Wäscheklammern... ?
Wieso ist da keiner auf die naheliegende Idee gekommen, die Dinger zu bemalen/bedrucken? So kriegt man doch fast jede Form irgendwie anthropomorph. Betriebsblindheit?
Hupert 14.03.2014
5.
Zitat von aha°"Ich selbst bin auch erst erschrocken, als mir der Designer den endgültigen Entwurf gezeigt hat." hat er die gar nicht selber entwickelt? Und wenn er einen Designer hinzuzieht, arbeitet man da nicht zusammen, so dass niemand erschrickt? Das klingt so, als wurde das in Auftrag gegeben.
Kann halt nicht jeder ein Konstruktionsprogramm bedienen... was echt praktisch ist da idie auch gleich die Steifigkeit (FEM) und Masseschwerpunkte berechnen... was dabei herauskommt kann erschreckend aussehen aber ist oft ziemlich nah am physikalischen Optimum... ich tippe auch auf in Auftrag gegeben.
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