Gesägt, getan Ein Hauch von Ewigkeit

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Fliesen sind ein wundervolles Material. Es sei denn, man will sie selbst verlegen. Ein lieb gemeinter Ratschlag für alle, die sich dennoch daran versuchen wollen: Üben Sie dort, wo es niemand sieht.

Manchmal frage ich mich, ob Handwerker darüber nachdenken, dass sie sich mit ihrer Arbeit in gewisser Weise ein Denkmal setzen. Überlegt sich der Maurer, dass das Haus, das er gerade baut, in hundert Jahren immer noch stehen wird? Ist sich der Zimmermann darüber im Klaren, dass sein Dachstuhl dereinst vielleicht historischen Wert haben wird? Und verschwendet der Fliesenleger einen Gedanken daran, dass sein Werk irgendwann einmal vielleicht für Archäologen interessant werden könnte?

Wer baut, spürt oft einen Hauch von Ewigkeit. Gut, bei der schnell zusammengeschraubten Rankhilfe für die Himbeerpflanze mache ich mir keine Illusionen. Das Ding kann froh sein, wenn es den nächsten Sommer überlebt. Aber der Gedanke reizte mich, mit einem Projekt die Chance zu haben, etwas Widerstandsfähiges zu hinterlassen.

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Fliesen legen: Kampf mit Fliesenschneider und Fugenmasse

So landete ich beim Thema Fliesen. Wenn ein Material gute Chancen hat, die Zeiten zu überdauern, dann sie. Schließlich gibt es Exemplare, die schon mehrere Tausend Jahre alt sind. Bei aller Begeisterung für Fliesen wollte ich meine Fertigkeiten aber beim ersten Versuch lieber an einer unproblematischen Fläche testen. Ansonsten hätte ich befürchtet, irgendwann von einem Boden oder einer Wand meine Fliesen wieder wegklopfen zu müssen.

Also entschied ich mich dafür, eine Holzplatte zu verfliesen, die später Teil eines Tisches werden sollte. Nichts Großes, keine komplizierten Muster. Einfach nur ein paar größere Fliesenstücke und zwei Streifen Mosaikfliesen, um das Ganze mal auszuprobieren.

Ich produzierte mehr Ausschuss als verwertbare Ware

Fliesen haben eine Menge hervorragende Eigenschaften: Sie sind hart, widerstandsfähig und leicht zu pflegen. Leider sind sie auch beschissen zu bearbeiten. Ich würde lieber wie ein Biber einen Baum abnagen, anstatt mehr als zehn Minuten an der Fliesenschneidemaschine zu verbringen. Dieses Gerät und ich werden keine Freunde mehr.

Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich ein Paket mit neun Fliesen gekauft. Für meine Platte hätte ich nur drei gebraucht, um insgesamt sechs gleich große Stücke abzuschneiden. Tatsächlich hätten aber nicht weniger als neun Fliesen im Paket sein dürfen, denn ich benötigte einige Versuche, um einigermaßen mit dem Fliesenschneidegerät zurechtzukommen. Ich produzierte mehr Ausschuss als verwertbare Ware. Schnell bereute ich, nicht voll auf Mosaikfliesen gesetzt zu haben. Der Zuschnitt der Matten war kinderleicht, mit einem Taschenmesser problemlos zu erledigen.

Als alles zugeschnitten war, ging mir das Fliesenlegen zu meiner eigenen Überraschung ziemlich gut von der Hand. Selbst der Fliesenkleber ließ sich mit einer Zahnkelle problemlos verteilen. Auch ohne Fugenkreuze schaffte ich es, die größeren Stücke und die Mosaikfliesen auf meiner Platte zu verteilen. Ich war zufrieden und begann bereits, mich auf das Verfugen zu freuen. Vorher gab es ja nur noch eine kleine Sache zu erledigen, was sollte da schon passieren?

Schwerkraft und noch nicht getrockneter Fliesenkleber: ungünstige Kombination

Oh, wenn ich das doch nur niemals gedacht hätte. Vor dem Verfugen wollte ich L-Profile aus Aluminium rund um die Platte schrauben, um zu verhindern, dass der Fugenmörtel über die Ränder fließt. Um es beim Anschrauben leichter zu haben, drehte ich meine geflieste Platte um, mit den Fliesen nach unten.

Rückblickend weiß ich nicht mehr, wie ich auf so eine bescheuerte Idee kommen konnte. Schwerkraft in Verbindung mit noch nicht getrocknetem Fliesenkleber ist eine ziemlich ungünstige Kombination. Es kam, wie es kommen musste: Eine der Fliesen fiel ab und zerbrach.

Immerhin blieb es bei diesem einen Verlust. Ich kratzte den restlichen Kleber ab, verteilte neuen und ersetzte das Stück (gut, dass ich ausreichend Fliesen gekauft hatte). Ich redete mir ein, Laien würden das gar nicht bemerken.

Aber selbst Laien können auf den ersten Blick sehen, dass ich die Fliesen vielleicht doch nicht ganz so toll verteilt hatte. Das wurde leider beim Verfugen sehr deutlich.

Fliesen zu verfugen, ist eine der seltsamsten Tätigkeiten, die ich kenne. Erst macht man alles dreckig, nur um kurze Zeit später wieder alles sauber zu wischen. Immer schön diagonal ging ich mit Fugengummi und Schwammkelle über die Fläche, um den Mörtel gut in die Fugen einzuarbeiten. Und weil das bei einer Fläche von rund 100 mal 50 Zentimetern nicht ewig dauert, konnte ich mir bald das Gesamtergebnis anschauen: eine Tischplatte aus Fliesen, die Fugen gefüllt, das Ganze nass glänzend.

Nun ja. Als Tischplatte, vielleicht als Abstellfläche für Topfpflanzen, mag das Ding herhalten. Aber ich hoffe nicht, dass mein erstes Fliesenwerk die Zeiten überdauert. Sonst würden Archäologen dereinst doch eine ziemlich seltsame Vorstellung von den handwerklichen Fähigkeiten der Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts bekommen.

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Benjamin Schulz:
Gesägt, getan

Ullstein; 240 Seiten; 10,00 Euro


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8 Leserkommentare
Antaguar 17.04.2018
J.MAier 17.04.2018
schgucke 17.04.2018
aleron 17.04.2018
clara1337 17.04.2018
rainerwäscher 17.04.2018
motzmichl 17.04.2018
benuron 17.04.2018

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