Tod eines US-Extremkletterers "Ein Teufelskerl, eine Legende"

Todd Skinner war ein Pionier der US-Freeclimberszene, er liebte Steilwände und die Gefahr. Dass ausgerechnet er nun im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien in den Tod stürzte, können Weggefährten kaum fassen. Eine wagemutige Aktion ganz in der Nähe machte ihn vor fast 20 Jahren berühmt.

Von


Hamburg - El Capitan ist eine Legende. Hoch oben über dem Yosemite-Nationalpark im US-Bundesstaat Kalifornien thront die gigantische Granitformation, von den Elementen glattgeschliffen. Seit den fünfziger Jahren versuchen sich Kletterer an dem Brocken. Pioniere wie Yvon Chouinard, Royal Robbins und Tom Frost entwickelten hier und am benachbarten Monolithen Half Dome neue Techniken, Ausrüstungsgegenstände und immer schwierigere Routen. Todd Skinner und sein Kletterpartner Paul Piana waren die ersten, die den Capitan über die sogenannte Salathe-Wand als Freeclimber bezwangen. Mit dem Schachzug wurde das Duo 1988 schlagartig berühmt.

Nicht nur die Erstbesteigung dieser Route war eine Sensation, sondern auch der Rückweg. Dabei sprangen die beiden Sportler dem Tod im letzten Moment von der Schippe. Freeclimber erklettern Steilwände ohne Hilfsmittel, nur mit ihren Händen und Füßen. Sollten sie fallen, hält sie ein Sicherungsseil. Das Seil hatten die beiden an einem Felsbrocken an der Spitze des Capitan angebracht. Als die Männer vom Gipfel wieder nach unten stiegen, löste sich der Fels plötzlich. Der Brocken polterte abwärts genau auf die beiden Kletterer zu. Die beiden waren sicher, dass der Riesenstein sie tausend Meter weit bis ins Tal mitreißen würde. Im letzten Moment durchtrennte der Felsblock das Sicherungsseil - ließ eine zweite, anderswo angebrachte Leine jedoch intakt. Skinner und Piana brachen sich bei dem Unglück etliche Knochen - doch sie überlebten und kamen arg ramponiert, aber als Helden im Tal an.

Klettern war Todd Skinners Leidenschaft. Nach eigenen Angaben absolvierte er über 300 Erstbesteigungen in 26 Ländern. Dabei probierte er Routen mit höchsten Schwierigkeitsgraden aus. Am Montag endete seine Karriere dort, wo sie einst so spektakulär begonnen hatte: im Yosemite-Nationalpark. Der 47 Jahre alte Skinner wollte an diesem Tag mit seinem Partner Jim Hewett eine neue Gipfel-Route in der Nähe des Bridalveil-Wasserfalls klettern. Ob die beiden ihr Ziel erreicht hatten oder vorher umkehren mussten, ist noch nicht bekannt. Jedenfalls waren sie auf dem Rückweg, als gegen 16 Uhr das Unglück geschah. Beim Abseilen stürzte der erfahrene Skinner ab, fast 200 Meter in die Tiefe. Er war sofort tot. Hewett hingegen ist unverletzt, hat sich aber bislang nicht öffentlich zum Hergang geäußert. Wie das Unglück geschehen konnte, ist noch unklar. Die Polizei vermutet, dass Todd Skinners Ausrüstung defekt war.

"Witzig, verrückt und sehr sympathisch"

Todd Skinner ist in Pinedale, Wyoming aufgewachsen und lebte zuletzt in der Stadt Lander. Im Alter von zehn Jahren begann er mit dem Klettern, die Technik brachte ihm sein Vater bei. Seine Liebe zum Klettersport verarbeitete er auch in Buchform. 1993 veröffentlichte er mit John McMullen einen Titel übers Sportklettern, vor zwei Jahren schrieb er dann das Buch "Beyond the Summit" ("Jenseits des Gipfels"). Skinner hinterlässt eine Ehefrau, selbst Hobbykletterin, und drei Kinder im Alter zwischen fünf und sieben Jahren.

Im Forum der US-Klettererwebsite Supertopo.com herrscht blankes Entsetzen über den Tod der Kletterlegende. Fröhlich, ambitioniert und liebevoll sei er gewesen, heißt es in den Beiträgen. Ein Held und Vorbild, ein Mensch voller Energie, eine Inspirationsquelle. "Ein wahres Original ist von uns gegangen. Ruhe in Frieden, mein Freund", schreibt User Bill. "Was für ein Teufelskerl, eine Legende. Ich bin sehr traurig", kommentiert "nate". Ein Kollege namens Peter schreibt: "Er war der ultimative Botschafter für diesen Sport."

Auch auf deutschen Websites trauern Sportsfreunde um Todd Skinner. "Er war witzig, verrückt und sehr sympathisch", schreibt "Alex" auf Climbing.de. "Wahrscheinlich hatte er alle Aufgaben erledigt." Sein Verlust sei ein "Schock für die Klettergemeinde, nicht nur in den USA", heißt es auf der Homepage von Klettern.de.

"Er war ein übermenschlicher Kletterheld", sagte sein langjähriger Weggefährte Steve Bechtel. Und doch sei sich Skinner stets der Gefahr bewusst gewesen, habe sich immer mit seinen Ängsten auseinandergesetzt, sei nie leichtsinnig gewesen. Sechs Jahre nach der Capitan-Besteigung 1988 gab er dem US-Magazin "Life" ein Interview. Er sprach über die Besteigung, vor allem aber auch über den schwierigen Weg wieder abwärts. "Wir haben auf die harte Tour gelernt", sagte Skinner damals, "dass das Abenteuer längst nicht vorbei ist, wenn man den Gipfel erreicht hat."

mit Material von dpa und AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.