Tod von Benno Ohnesorg Ein Schuss in viele Köpfe

Mit dem Tod von Benno Ohnesorg begann vor 40 Jahren die Eskalation zwischen der radikalen Linken und dem Staat, die drei Jahre später auch zur Gründung der RAF führte. Ein neues Buch erhellt jetzt die Hintergründe des ganz und gar unverhältnismäßigen Polizeieinsatzes vom 2. Juni 1967.

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Berlin - Es gibt Tage, an denen historische Entwicklungen kulminieren, an denen ein Ereignis den Lauf der Geschichte wie ein Katalysator beschleunigt. Ein solcher Tag war der 2. Juni 1967, an dem in West-Berlin der Startschuss für die Studentenbewegung fiel.

Am späten Abend des 2. Juni 1967 kamen aufgebrachte Studenten im Zentrum des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, SDS, in West-Berlin zusammen, um die dramatischen Ereignisse des Tages zu diskutieren. Eine junge Frau erklärte erregt: "Das ist die Generation von Aus chwitz. Mit denen kann man nicht argumentieren." Doch ihr Vorschlag, eine Polizeikaserne zu stürmen und sich zu bewaffnen, stieß auf Ablehnung. Es dauerte allerdings nur knapp drei Jahre, dann gehörte die Studentin Gudrun Ensslin zu den Gründern der Roten Armee Fraktion, RAF, und erklärte der westdeutschen Republik den Krieg.

"Ohne den 2. Juni 1967 keine RAF", schreibt der Berliner Publizist Uwe Soukup in seiner gerade erschienenen Studie "Wie starb Benno Ohnesorg?", in der er minutiös rekonstruiert, wie die West-Berliner Polizei ihr Bestes gab, um friedliche Studenten in Staatsfeinde zu verwandeln.

Auslöser war der Besuch des iranischen Schahs Mohammed Resa Pahlewi, der sich unter anderem "Licht der Arier" nannte, und seiner Gattin Farah Diba. Das Bonner Innenministerium hatte für die Visite des von den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens installierten Diktators aus Teheran die Sicherheitsstufe I verhängt.

Prügelnde Jubelperser

In West-Berlin versammelten sich am Abend vor der Ankunft des Schahs über 2000 Studenten im überfüllten Auditorium Maximum der Freien Universität. Der Exiliraner Bahman Nirumand berichtete über die notorische Folterpraxis des Schahregimes; es wurde beschlossen am nächsten Tag an zwei Orten, die der Diktator besuchen würde, zu demonstrieren: vor dem Schöneberger Rathaus und vor der Deutschen Oper.

Schon am Vormittag spielten sich vor dem West-Berliner Rathaus, in dem sich der Staatsgast ins Goldene Buch der Mauerstadt eintrug, unglaubliche Szenen ab: An die 2000 Demonstranten und Schaulustige standen hinter Sperrgittern, als die Polizei rund 150 Perser in den Innenraum bringen ließ. Es waren Agenten des berüchtigten iranischen Geheimdienstes Savak und von ihnen angeheuerte Landsleute. Kaum war der Schah im Rathaus verschwunden, gingen sie mit Dachlatten, Totschlägern und anderem Gerät auf Demonstranten und Zuschauer los.

Die Polizei schritt lange nicht gegen die Prügelattacken der "Jubelperser" ein, wie sie später genannt wurden. Der Sprecher des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz (SPD) erklärte Journalisten verheißungsvoll: "Na, heute können sich die Burschen auf etwas gefasst machen, heute gibt's Dresche."

Die Planung für den Polizeieinsatz an der Deutschen Oper, wo der Schah am Abend unterhalten werden sollte, unterlag dem Kommandeur der Schutzpolizei, Hans-Ulrich Werner. Er hatte im Zweiten Weltkrieg bei der "Partisanenbekämpfung" in der Ukraine seinen Beitrag zum Holocaust geleistet. Werner stellte "Hamburger Gitter" am Bürgersteig gegenüber der Oper auf, bildete so einen engen Gehweg, der nach hinten durch einen Bauzaun abgesperrt war. In diesem nur wenige Meter breiten Schlauch sammelten sich am frühen Abend Demonstranten und Schaulustige.

Die Leberwurst-Taktik des Polizeipräsidenten

Die Polizei holte einzelne Demonstranten, darunter den Kommunarden Rainer Langhans, aus der Menge und schlug sie zusammen. Kurz vor acht rollte der Mercedes 600 mit dem Herrscherpaar an der Oper vor, die Sprechchöre "Mörder, Mörder!" schwollen an. Nachdem der Staatsgast mit seinen Begleitern in der Oper verschwunden war, um Mozarts "Zauberflöte" zu lauschen, kehrte Ruhe ein.

Doch ohne die vorgeschriebene Aufforderung zur Räumung starteten die Polizisten nun einen Frontalangriff auf die Demonstranten. Vor Beginn des Einsatzes waren sie mit der Falschmeldung, ein Polizist sei von einem Demonstranten erstochen worden, scharfgemacht worden. "Die Bullen rannten auf uns zu wie die Wahnsinnigen", erinnert sich Bommi Baumann, der 1972 zu den Gründern der Stadtguerilla-Truppe "Bewegung 2. Juni" zählte. "Sie haben gleich losgeknüppelt auf Frauen, auf alte Leutchen. Immer sofort auf die Köppe. Und dann wurden zum ersten Mal auf die Bullen Steine geschmissen."

Polizeipräsident Erich Duensing erläuterte die Taktik am nächsten Tag so: "Nehmen wir die Demonstranten wie ein Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt." Sebastian Haffner schrieb über den folgenschweren Abend, dass die Polizei die Demonstranten nicht zerstreut habe, sondern sie habe sie "eingekesselt, zusammengedrängt und dann auf die Wehrlosen, übereinander Stolpernden, Stürzenden mit hemmungsloser Bestialität eingeknüppelt und eingetrampelt".

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