Tod von Thomas Dörflein Trauer um Knuts Ziehvater

Die Bilder, die ihn beim Kuscheln und Spielen mit Knut zeigen, gingen um die ganze Welt: Thomas Dörflein zog das verstoßene Eisbärenbaby im Berliner Zoo aufopferungsvoll groß. Nun starb er mit nur 44 Jahren, die Berliner sind entsetzt.


Berlin - Wenn sich der kleine Eisbär Knut schutzsuchend an seinen Ziehvater Thomas Dörflein kuschelte, war die Welt in Ordnung. Die Bilder, die den Tierpfleger und seinen wohl prominentesten Zögling zeigten, erregten Aufsehen in der ganzen Welt. Nun ist Dörflein im Alter von 44 Jahren gestorben. Er wurde leblos in einer Wohnung im Berliner Stadtteil Wilmersdorf gefunden.

Nach Informationen der "Bild"-Zeitung hatte sich Dörflein am Montag einen Tag Urlaub genommen und in Wilmersdorf eine Bekannte besucht. Während des Besuchs habe er sich an die Brust gegriffen und sei wortlos zusammengesackt, berichtet die "Bild"-Zeitung. Nach Informationen der dpa war der Tierpfleger seit langem schwer krank. Hinweise auf Fremdverschulden oder Suizid gebe es nicht, sagte ein Polizeisprecher.

"Der Berliner Zoo hat einen Sympathieträger verloren"

Der Tod des beliebten Tierpflegers, der seit mehr als 25 Jahren im Zoo gearbeitet hatte, sorgt für Entsetzen. Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz zeigte sich tief bestürzt: "Das ist ein schlimmer Verlust für uns", sagte er der "B.Z.". "Aber vor allem gehört mein Mitgefühl all denen, die um ihn trauern, seiner Familie, seinen Kindern, seiner Lebensgefährtin, seinen Freunden."

In einer Stellungnahme der Fördergemeinschaft des Berliner Zoos heißt es: "Mit Thomas Dörflein verliert der Zoo Berlin einen hochengagierten Tierpfleger, der mit großer Leidenschaft seinem Beruf - seiner Berufung - nachging." Er habe ganz entscheidend dazu beigetragen, dass "Berlin mit dem Eisbär-Baby eine sensationelle Attraktion hat". Zoobiologe Heiner Klös sagte: "Ich bin schockiert vom Ableben eines meiner besten Pfleger, der alles für seine Tiere gegeben hat."

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, der Pate des Eisbären Knut, äußerte sich bestürzt über den Tod des Pflegers. "Ich habe Thomas Dörflein im vergangenen Jahr kennengelernt und bewundert, wie intensiv und ausdauernd er sich um Knut und die anderen ihm anvertrauten Tiere kümmerte", sagte Gabriel der "Neuen Presse" in Hannover.

"Der Berliner Zoo hat einen Sympathieträger verloren", sagte Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. "Thomas Dörflein wurde als 'Pflegevater' von Knut weit über Berlin hinaus bekannt als eine sympathische, engagierte Persönlichkeit. Ich bin bestürzt über seinen plötzlichen Tod und hoffe, dass wir in den nächsten Tagen etwas mehr zu den Todesumständen erfahren."

Monatelanger Dauereinsatz für das Tierkind

Millionen von Besuchern im Zoologischen Garten hatte Dörflein erfreut, wenn er mit dem von seiner Mutter Tosca verstoßenen Eisbärenbaby über das Gehege tollte. Viele bewunderten nicht nur den tapsigen kleinen Bären, sondern auch den Tierpfleger für seinen monatelangen Dauereinsatz in der Bären-Kinderstube.

Seit Knuts Geburt am 5. Dezember 2006 hatten Dörflein und das Tierkind eine ganz besondere Verbindung. Das Bärenbaby wog nur 810 Gramm als es zur Welt kam, der Tierpfleger zog es in den darauffolgenden Monaten mit der Flasche auf.

Knuts Zwillingsbruder starb nach vier Tagen, aber dank Dörflein schaffte es Knut. "Da war die Hilflosigkeit der beiden. Das ist doch ganz klar, ein menschlicher Instinkt, dass man da unbedingt helfen will und muss", begründete Dörflein einmal in einem Interview seinen Einsatz. Ein zweiter magischer Moment war für den Pfleger, als Knut, nun schon ein kleiner strammer Kerl, zum ersten Mal die Augen öffnete und ihn ansah: "Wenn so ein Tier einen anguckt, das ist schon etwas anderes als vorher", sagte er.

Dann folgte die beispiellose "Knut-Show" mit zwei täglichen großen Auftritten im Zoo, zu denen Zuschauer aus der ganzen Welt strömten. Dörflein wurde wie Knut selbst zum Star, was ihm gar nicht lag. "Das befremdet mich sehr", sagte er kurz angebunden über die waschkörbeweise eingehenden Heiratsanträge. Ihm ging es immer nur um das Wohlergehen von Knut und die Freude im Spiel mit ihm.

Silvester und Weihnachten verbrachte Dörflein mit seinem Schützling in den Stallungen. Der Mann mit dem markanten Zopf und Bart gab Knut Tag und Nacht die Nuckelflasche, rieb ihn mit Babyöl ein und spielte ihm zum Einschlafen Lieder auf der Gitarre vor. Knut überstand 40-Grad-Fieberschübe und schlief sich gesund, während Dörflein Elvis-Presley-Lieder sang.

Knut machte Dörflein berühmt - wider Willen

Aber für Dörflein gab es auch Rückschläge und schlechte Nachrichten. Über das aus seiner Sicht zu frühe Ende der Knut-Show durch eine Anordnung der Zoodirektion, die um die Sicherheit von Dörflein fürchtete, war der Tierpfleger lange Zeit verärgert. Gegen alle Anweisungen spielte er lange Zeit weiter mit seinem Ziehkind. Im Frühsommer dieses Jahres war Dörflein dann eine Weile nicht präsent.

Der Tierpfleger selbst hielt sich weiter öffentlich bescheiden im Hintergrund. Er nahm aber eine Ehrung des Landes Berlin entgegen und ließ sich mit Partnerin bei einem Bürgerempfang von Bundespräsident Horst Köhler im Schloss Bellevue sehen.

Nach Informationen der "Welt" wurde Dörflein 1963 in Berlin-Wedding geboren, aufgewachsen ist er in Spandau. Nach dreijähriger Lehre als Pfleger im Zoologischen Garten und dem Kennenlernen aller Reviere bekam er zunächst einen Zeitvertrag, später eine Festanstellung; zuständig für Menschenaffen, Raubtiere und Felsentiere.

Seit 1987 war Dörflein verantwortlich fürs Bärenrevier und für Wölfe, später auch für Wildhunde und Nasenbären. Dörflein hat dem Bericht zufolge zwei erwachsene Kinder und wohnte zusammen mit seiner Lebensgefährtin, die einen Sohn im Grundschulalter hat.

Knut hatte sich für den Berliner Zoo als wahrer Schatz erwiesen. Erstmals in der 164-jährigen Geschichte zählte der Zoologische Garten 2007 mehr als drei Millionen Besucher, das entspricht einer Steigerung um gut 27 Prozent im Vergleich zu 2006. Der Bilanzgewinn betrug rund 6,8 Millionen Euro.

han/dpa/AP



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