Todesurteil gegen Konvertiten Mit Folter zurück zum Islam

Ein Afghane soll hingerichtet werden, weil er zum Christentum übertrat - es sei denn, er bekennt sich wieder zum Islam. Vor acht Monaten wurde der Konvertit vor der deutschen Botschaft in Kabul verhaftet - dann folgten Folter und Schikane.

Von , Islamabad

Gericht in Kabul: Ein Richter drohte Musa mit einer Hinrichtung innerhalb von drei Tagen
AFP

Gericht in Kabul: Ein Richter drohte Musa mit einer Hinrichtung innerhalb von drei Tagen


Islamabad - Der Fall beschäftigt die deutschen Diplomaten in Afghanistans Hauptstadt Kabul: Said Musa, ein 45-jähriger Physiotherapeut, soll am Galgen sterben, weil er vom Islam zum Christentum übertrat. Wie SPIEGEL ONLINE aus Kreisen der deutschen Botschaft in Kabul erfuhr, wurde Musa im Mai festgenommen, als er dort um Asyl bitten wollte.

Musa, der Anfang der neunziger Jahre im afghanischen Bürgerkrieg sein linkes Bein durch eine Minenexplosion verlor, wurde vor dem Eingang der deutschen Vertretung von Polizisten aufgegriffen und dem Geheimdienst NDS übergeben.

Der Festnahme war eine Hatz auf Christen vorausgegangen, ausgelöst durch einen Bericht eines afghanischen Fernsehsenders über westliche Missionare, die im mehrheitlich islamischen Afghanistan Menschen zum Christentum bekehrten. Der Beitrag hatte antichristliche Proteste von Studenten zur Folge. Präsident Hamid Karzai wies daraufhin das Innenministerium an, mit "sofortigen und strengen Maßnahmen diesem Phänomen entgegenzutreten", wie seinerzeit sein Sprecher erklärte.

Afghanische Sicherheitskräfte gingen gewaltsam gegen Christen vor, durchsuchten Häuser, in denen sie Christen vermuteten. Viele Gläubige flohen ins Ausland.

Musa, ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes und seit seinem Beinverlust engagierter Helfer von Landminenopfern, war von Freunden gewarnt worden: Der Geheimdienst sei auf der Suche nach ihm. Musa machte sich auf den Weg zur deutschen Botschaft - und landete in einer Zelle des NDS. Ein weiterer Festgenommener, dem ebenfalls der Wechsel vom Islam zum Christentum vorgeworfen wurde, belastete Musa und sagte sich selbst vom Christentum los. Während der frei kam, blieb Musa in Haft - bislang ohne ordentlichen Prozess.

"72 Tage lang gegrillt"

"Wir wissen um den Fall und beobachten sehr genau, was mit dem Mann geschieht", sagte der Botschaftsmitarbeiter, der namentlich ungenannt bleiben wollte. Ob und in welcher Form dem Häftling geholfen werde, dazu machte der Diplomat keine Angaben.

Erstmals seit seiner Festnahme durfte Musa jetzt einem Journalisten ein Interview geben. Die Agenten hätten ihn "72 Tage lang gegrillt", sagte er der "Sunday Times". "Sie schlugen mich und folterten mich mit Stöcken. Sie sagten mir, ich solle zurück zum Islam konvertieren. Als ich mich weigerte, nannten sie mich einen dreckigen Ungläubigen", zitiert die Zeitung ihn. Außerdem sei er aufgefordert worden, weitere Afghanen sowie Ausländer zu benennen, die Christen seien. Als er sich weigerte, sei er erneut geschlagen worden.

Später sei er in ein normales Gefängnis in Kabul verlegt worden, wo er sowohl von Gefängnismitarbeitern als auch von Mitgefangenen geschlagen und sexuell misshandelt worden sei.

Musa ist vor neun Jahren vom Islam zum Christentum übergetreten. Zu den Gründen schweigt er, aber die "Sunday Times" schreibt unter Berufung auf Freunde von ihm, er sei von den Fernsehbildern eines Bombenanschlags im pakistanischen Karatschi erschüttert gewesen - er habe sich gefragt, warum Muslime unschuldige Menschen töteten und habe sich daraufhin taufen lassen. "Die Bibel hat mich gelehrt, meine Feinde zu lieben", zitiert die Zeitung Musa. "Sie hat mich gelehrt, die andere Wange hinzuhalten, wenn mich jemand verletzt hat."

"Ich bleibe ein Christ"

Ein Richter und ein islamischer Geistlicher besuchten Musa laut "Sunday Times" in seiner Gefängniszelle und drohten ihm mit seiner Hinrichtung innerhalb von drei Tagen, sollte er sich nicht wieder zum Islam bekennen. Als Musa sich weigerte, soll der Mullah die Wärter angewiesen haben, "dieses schmutzige Tier" aus der Zelle zu holen und zu schlagen. Erst auf Druck der US-Botschaft sei er in eine sichere Zelle verlegt worden und werde von Schlägen verschont. Auch mehrere Anwälte sollen sich geweigert haben, Musa zu verteidigen, solange er sich nicht zum Islam bekenne.

Musas Freunde haben eine Kampagne gestartet, um auf das Schicksal des Mannes aufmerksam zu machen. Sie beschuldigen Menschenrechtsgruppen und Organisationen wie die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz, nicht ausreichend Druck auf die afghanische Regierung auszuüben, Musa aus der Haft zu entlassen.

Dem Bericht zufolge hat Musa inzwischen mehrere Petitionen an Menschenrechtsorganisationen, Botschaften und an US-Präsident Barack Obama geschrieben. Sein Vermieter habe seine Frau und seine sechs Kinder hinausgeworfen, nachdem er von Musas Verhaftung gehört hatte. Die Nachbarn sollen die fliehende Familie bespuckt haben.

Sie sei damals sehr wütend auf ihren Mann gewesen, zitiert die Zeitung Musas Ehefrau Guljan. "Ich nannte ihn einen Ungläubigen, aber er küsste mich und sagte mir, dass er meine Religion nach wie vor respektiere. Ich lernte ihn erneut zu lieben." Ihr Mann sei ein "vernünftiger Mann, der richtig von falsch unterscheiden" könne. "Er ist sehr fest in seinem Glauben. Das ist seine Wahl", sagt sie.

Musa will sich der "Sunday Times" zufolge unter keinen Umständen vom Christentum lossagen. Eher würde er sterben, als seinen Glauben zu leugnen. "Soll Karzai mich doch umbringen - ich bleibe ein Christ."



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