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Tödlicher Angriff: Zirkuselefant soll in Tierpark umziehen

Elefantenkuh Baby (2011): Bereits mehrfach aggressiv gegenüber Menschen Zur Großansicht
DPA/ Peta

Elefantenkuh Baby (2011): Bereits mehrfach aggressiv gegenüber Menschen

Die Elefantenkuh, die einen Spaziergänger im Odenwald tödlich verletzte, wird in einem Tierpark untergebracht. Den Ort hält die Polizei geheim. Wie gefährlich das Zirkustier ist, war den Behörden seit langer Zeit bekannt.

Eine tragische Begegnung zwischen Mensch und Tier: Ein 65-jähriger Mann verlässt am Samstag bei Tagesanbruch seine Wohnung in der Stadt Buchen im Odenwald. Wie üblich sammelt er beim morgendlichen Spaziergang Pfandflaschen und Dosen. Gegen 5.30 Uhr trifft er auf einen Afrikanischen Elefanten. Das Tier mit dem Namen Baby ist aus einem in der Nähe gastierenden Zirkus ausgebüxt. Die Elefantenkuh geht auf den Spaziergänger los und tötet ihn auf der Stelle.

Die Tage der Kunststücke in der Manege sind für die Elefantenkuh Baby nun vorbei. Sie soll in einem Tierpark ein neues Zuhause finden. Zunächst hatte der Serengeti-Park in Niedersachsen angekündigt, er wolle den Elefanten bei sich aufnehmen, doch der Zirkus hat sich anders entschieden. Den Namen des Parks nennt die Polizei nicht: "Sonst geht es dort ab mit den Tierschützern."

Seit Jahrzehnten fordern Tierschützer ein Verbot exotischer Tiere im Zirkus. Sie kritisieren zu kleine Gehege, ständige Transporte oder die aus ihrer Sicht von Gewalt und Zwang geprägte Dressur. Elefanten, Großkatzen oder Bären fehle es an Bewegung und sozialen Kontakten. "Alle 50 Zirkuselefanten, die es noch in Deutschland gibt, sind tickende Zeitbomben", sagt Peter Höffken von der Tierschutzorganisation Peta.

Der unschuldige Name täuscht darüber hinweg, dass Rüsseltier Baby ein durchaus gefährliches Tier ist. Mindestens drei Mal hatte der 34 Jahre alte Elefant, der unter dem Namen Benjamin auftrat, bereits Menschen verletzt: 2010 schleuderte er im Allgäu einen 24-jährigen Mann in die Luft, der seinen neun Monate alten Sohn auf dem Arm trug. Der Mann verlor eine Niere, das Kind brach sich das Bein.

2012 brach Baby einem zwölf Jahre alten Jungen in Burladingen im Zollernalbkreis mit dem Rüssel den Kiefer. Der Junge hatte nach Polizeiangaben während einer Tierschau die Sicherheitszone betreten. Tierschützern zufolge verletzte die Elefantenkuh bereits 2000 in Nordhessen eine Frau so schwer, dass sie ins Krankenhaus musste. Laut Polizei war dem Besitzer jedoch bislang kein strafbares Verhalten vorzuwerfen.

Dickhäuter mit Verhaltensneurose

"Dass dieser Elefant gefährlich ist, war und ist bekannt", kritisiert dagegen Tobias Dornbusch. Der Diplom-Biologe befasst sich seit 20 Jahren mit Elefanten und arbeitet für die European Elephant Group, einer Organisation zum Schutz von Zoo- und Zirkuselefanten.

Dornbusch erstellte vor zwei Monaten für eine Behörde ein Gutachten über Baby. Er habe eine Verhaltensneurose beobachtet, erzählt er. "Das ist ein Indikator für schlechte Haltung." Zum tragischen Fall in Buchen sagt er: "Das größere Wunder ist nicht, dass es einen Toten gab, sondern dass es erst einen Toten gab und nicht noch viel mehr."

Baby sei verhaltensgestört, unter anderem weil sie einzeln gehalten werde. Peta, die dies wiederholt bemängelt hat, will nun Zirkus und Behörden wegen fahrlässiger Tötung anzeigen.

"Das ist ein schrecklicher Unfall", findet Dirk Candidus vom "Aktionsbündnis Tiere gehören zum Circus". Es liege aber kein Tierschutz-, sondern ein Sicherheitsproblem vor. "Wenn ein Mitglied der Zirkusfamilie dabei gewesen wäre, wäre es nie dazu gekommen", sagt er. Baby habe einen innigen Kontakt zur Zirkusfamilie und sich stets leicht leiten lassen. Peta strebe eine Trennung von Mensch und Tier an, kritisiert Candidus. "Wir meinen, dass Mensch und Tier zusammengehören."

"Die meisten von diesen Tierrechtlern waren seit vielen Jahren nicht mehr im Zirkus", beschwert sich auch Max Siemoneit-Barum, Tierschutzbeauftragter beim Circus Krone. Der Münchner Zirkus habe selbst sechs Elefanten und werde ständig von Veterinärämtern kontrolliert. "Der Zirkus ist der am meisten kontrollierte Betrieb in Deutschland", sagt er. Die Standards hätten sich erheblich verbessert.

Mehrere europäische Länder haben in den vergangenen Jahren trotzdem Wildtierverbote für Zirkusse verhängt, darunter Belgien, Österreich und Finnland. Deutschland dagegen nicht: Der Bundesrat hatte bereits 2003 und zuletzt 2011 gefordert, unter anderem Elefanten, Bären und Flusspferde aus den von Ort zu Ort ziehenden Betrieben zu verbannen. Laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF-Magazins "Frontal 21" vom März sind zwei Drittel der Deutschen gegen Elefanten, Giraffen oder Tiger in der Manege.

cpa/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
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1.
t...9 14.06.2015
Die einzigen, die hinter Gitter gehören, sind die Zirkusleute!
2.
onsar.u 14.06.2015
Was für ein Unsinn, ein Elefant ist ein Wildtier und kein Spielzeug. Gerade afrikanische Elefanten gehören nicht in einen Zirkus.
3. ich geh eh nicht in den zirkus
kevinschmied704 14.06.2015
und es dürfte doch wohl klar sein, das kein Elefant freiwillig bei Menschen bleiben würde. das is ein völlig normales verhalten, wenn sie in Afrika auf Elefanten stoßen, werden die nicht weniger aggressiv zeigen. wenn man auf den falschen Elefanten trifft. ;)
4. Mir ist
bellfleurisse 14.06.2015
es auch schleierhaft, dass mit heutigen Erkenntnissen überhaupt Zirkus noch Tiere benutzen darf. Zum Einen halte ich das für Tierschutzwidrig, zum Anderen frage ich mich, ob überhaupt noch jemand Zirkus braucht.
5.
sbi 14.06.2015
Ob es sinnvoll ist, Elefanten im Zirkus zu halten, ist sicherlich diskutabel. Aber das Argument der Freiwilligkeit zeigt einfach nur einen anthropozentrisch-romantisierenden Blick. Wildtiere haben keinen Drang zur Freiheit, sondern konkrete Bedürfnisse. Sind diese erfüllt, sehen sie keinen Anlass, woanders hinzugehen. Die meisten Zootiere können ihre Gehege verlassen (was sich in besonderen Situationen, wie z.B. bei Feuer, immer mal wieder zeigt), tun das normalerweise aber nicht, denn sie haben in modernen Zoos i.A. alles, was sie brauchen. Im Sinne des Argumente sind sie also freiwillig dort ? auch wenn das bei Kenntnis der wahren Sachlage eine bedeutungslose Aussage ist.
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