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22. Mai 2010, 18:46 Uhr

Tödlicher Kampfhunde-Angriff

"Sie bissen aggressiv in den Kopf"

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Vier Bullterrier haben in Thüringen ein dreijähriges Mädchen getötet. Der Fall sorgt für Entsetzen, Politiker fordern eine Liste der gefährlichen Hunderassen. Doch die gibt es in anderen Bundesländern längst - und auch dort kommt es immer wieder zu Angriffen.

Samstagnachmittag, 17.30 Uhr, Thüringen: In einem kleinen grauen Haus in Sachsenburg spielen sich dramatische Szenen ab. Eine 70-Jährige wirft sich verzweifelt auf ihre Urenkelin, will sie vor den Attacken wildgewordener Bullterrier schützen - vergeblich. Auch der mutige Einsatz der Seniorin kann das Leben des kleinen Mädchens nicht retten. Die Dreijährige wird im Haus ihrer Tante von vier Hunden totgebissen. Ihre Urgroßmutter erleidet ebenfalls schwere Verletzungen und muss ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Der Fall hat bundesweit Entsetzen ausgelöst. Niemand konnte bislang erklären, warum die Terrier plötzlich über das kleine Mädchen herfielen. Sie seien zuvor niemals auffällig geworden, sagt die Polizei. Und die Dreijährige sei nicht zum ersten Mal bei ihrer Tante zu Besuch gewesen. Laut Amtstierarzt Gunter Wolf haben die Hunde "ganz aggressiv" in den Kopf gebissen und selbst kurz vor dem Tod des Kindes nicht vom Opfer abgelassen. Ein erster Schnelltest habe den Verdacht auf Tollwut nicht bestätigt.

Wie konnte es also zu solch einem "abnormalen Verhalten", so nennt Wolf das, kommen? Diese Frage mussten sich Experten zuletzt häufiger stellen:

Unmittelbar nach dem tödlichen Angriff in Thüringen haben Landespolitiker Konsequenzen gefordert. Es bestehe dringender Handlungsbedarf, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Wolfgang Fiedler, dem MDR. Es sei "ein Versäumnis der Vergangenheit", dass in Thüringen nicht festgelegt sei, wie bestimmte Hunderassen zu halten seien.

Im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern gibt es in Thüringen und Niedersachsen keine Rasselisten. Diese Praxis müsse überdacht werden, sagte SPD-Innenpolitiker Heiko Gentzel. Er werde sich dafür einsetzen, dass eine Liste der gefährlichen Hunde erarbeitet werde. Für diese müssten besondere Regeln gelten.

Schäferhunde beißen am häufigsten zu

In anderen Bundesländern werden Staffordshire Bullterrier, die das Mädchen in Sachsenburg töteten, als besonders gefährlich eingeschätzt. Ihr Import nach Deutschland ist verboten. Doch auch die Listen sind kein Patentrezept, um Angriffe auf Menschen zu verhindern. Das zeigte vor allem der Fall aus Cottbus: Ein Husky-Mischling tötete das Baby im Kinderwagen, kein Kampfhund.

Experten warnen seit langem, die Aggressivität von Hunden sei keine Frage der Rasse, sondern der Erziehung. So zeigte 2006 eine Studie an der Universität Hannover, dass zwischen zutraulichen Golden Retrievern und als gefährlich geltenden Rassen wie Bullterriern und Rottweilern keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich des aggressiven Verhaltens bestehen.

In Berlin wurden im vergangenen Jahr 487 Menschen von Hunden verletzt. Am häufigsten bissen nicht etwa Terrier oder Rottweiler zu (34 Angriffe/ 30 Angriffe), sondern Deutsche Schäferhunde, die allerdings auch deutlich häufiger gehalten werden und gemeinhin als "bester Freund des Menschen" gelten (79 Angriffe).

Die Verantwortung für solche Attacken liegt laut Experten eindeutig beim Halter des Hundes. Dieser müsse das Tier in Reizsituationen unter Kontrolle bringen, sagte der bayerische Hunde-Sachverständige Franz Breitsamer der "Süddeutschen Zeitung". Das gelinge allerdings nicht immer. Und für Hunde könnten schon kleine Ungewohntheiten eine Reizsituation bedeuten, etwa die Begegnung mit einem Gehbehinderten, so Breitsamer.

Blutflecken am Hals

Die vier Bullterrier in Sachsenburg waren auf dem Grundstück in der Nähe ihrer Halterin, als die Dreijährige mit ihrer Urgroßmutter zu Besuch kam. Dann liefen sie ins Haus und fielen über das Kind her. Erst die Tante des Mädchens konnte ihre Tiere schließlich stoppen. Den Ermittlern zufolge sagte die 44-Jährige aus, sie habe von der Attacke zunächst nichts mitbekommen. Erst als ein Hund mit Blutflecken am Hals zu ihr in den Garten zurückgekehrt war, sei sie misstrauisch geworden.

Die Hunde lebten den Angaben zufolge ohne Wissen der Behörden bei der Frau. Einen Zwinger habe es nicht gegeben. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung gegen die Besitzerin, ihre Terrier wurden eingeschläfert. Die Eltern des Opfers werden von Seelsorgern betreut. Sie haben ihr einziges Kind verloren.

Mit Material von APD

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