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22. September 2006, 18:49 Uhr

Tödlicher Unfall im Emsland

Die Horrorfahrt des Transrapid

Es ist der schlimmste Unfall einer Magnetschwebebahn: Im Emsland hat es 23 Todesopfer gegeben, als der Transrapid auf der Teststrecke in einen Werkstattwagen raste. Die Ursache ist noch unklar, es wird menschliches Versagen vermutet.

Lathen - Es war 9.30 Uhr, der führerlose Transrapid beschleunigte gerade, nachdem er vom Versuchsbahnhof in Lathen losgefahren war. Mit steigender Geschwindigkeit näherte sich der Magnetgleiter dem mit zwei Personen besetzten Werkstatt-Wagen. Der Arbeitswagen ist jeden Morgen im Einsatz, um die Strecke von Ästen und Schmutz zu befreien. Beim Aufprall hatte der Transrapid eine Geschwindigkeit von etwa 170 Stundenkilometern.

Bei dem schweren Unglück wurden nach einer korrigierten Bilanz 23 Menschen getötet. Das teilte die Polizei am späten Abend mit. Wegen der unübersichtlichen Lage waren die Behörden zwischenzeitlich von 25 Toten ausgegangen. Zehn Menschen haben die Katastrophe den Angaben zufolge schwer verletzt überlebt.

Am Abend wurden die Bergungs- und Aufräumarbeiten unterbrochen. Bis dahin waren den Angaben zufolge alle Unfallopfer aus den Zugtrümmern geborgen worden. "Wir gehen davon aus, dass es keine weiteren Opfer mehr gibt", sagte ein Polizeisprecher. Bei Tageslicht am Samstag soll der Einsatz weitergehen.

Am Nachmittag hatten die Helfer noch verzweifelt nach Überlebenden gesucht: Spürhunde werden eingesetzt, da man vermutet, Verunglückte seien aus dem Wagen herausgeschleudert worden. Rund 200 Rettungskräfte und 160 Polizisten sind im Einsatz. Feuerwehrwagen, Ambulanzen und Hubschrauber stehen am Unglücksort, zwischen einem Waldstück und einem welken Rapsfeld gelegen. Bis hierher schrammte der Zug nach dem Zusammenstoß bei Tempo 200 weiter - 300 Meter getrieben von Tausenden PS. Die unvorstellbare Gewalt des Aufpralls ist überall sichtbar: Das Führerhaus ist vom Rumpf des Zuges abgerissen und liegt aufgeschlitzt in einem Graben neben den Stelzen, auf denen die Bahn normalerweise mit bis zu 450 Stundenkilometern entlangschwebt.

Der Boden ist übersät mit Trümmerteilen. Sitze, glänzende elektronische Platinen und ein Gewirr aus Kabelsträngen liegen überall verstreut. Auch ein großes Teil eines der Waggons ist darunter - aufgerissen und deformiert liegt es zwischen den vier Meter hohen Trassen-Stelzen.

Mit Teleskopkränen arbeiten sich die Helfer voran. Einige versuchten, das Dach aufzuschweißen, um von oben an die Eingeschlossenen zu kommen. Aus dem hinteren Teil des Zuges hängt schlaff eine blaue Rettungsrutsche. Ob sich darüber jemand befreien konnte, weiß niemand zu sagen. Nur wenige Meter entfernt heben Feuerwehrleute einen weißen Sack auf den Boden herunter: Ein weiteres Opfer, das nur tot geborgen werden kann.

In dem Unglückszug befanden sich laut Polizei Angestellte des Energieversorgers RWE sowie Mitarbeiter der Versuchsstrecke. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um Beschäftigte des Regionalcenters Nordhorn, die aus den niedersächsischen Orten Nordhorn, Veldhausen und Meppen stammen. Weitere drei Passagiere sind der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zufolge Mitarbeiter eines Papenburger Pflegedienstes. Warum diese Gruppe von Menschen im Zug mitfuhr, war zunächst nicht bekannt. Die Industrieanlagen Betriebsgesellschaft (IABG) als Betreiberin betonte, es habe sich nicht um eine Besucherfahrt, sondern um eine "Messfahrt" gehandelt. Weitere Einzelheiten nannte die Gesellschaft nicht.

Der niedersächsische Landesbrandmeister Karl-Heinz Schwarz sagte nach dem Besuch der Unglücksstelle: "Es ist ein schreckliches Bild für uns alle." Landrat Bröring sagte: "Ich habe die Gesichter der Feuerwehrleute gesehen, die brauchen einen Notfallseelsorger." Mehrere der Pastoren waren zur Anlage gekommen, um dort Angehörige der Opfer zu trösten und schockierten Helfern beizustehen.

Betreibergesellschaft vermutet menschliches Versagen

Laut Bröring hat die Staatsanwaltschaft den aufgezeichneten Funkverkehr zwischen Zug und Anlagenleitung beschlagnahmt. Zwei Staatsanwälte aus Osnabrück trafen am Unglücksort ein, um die Ermittlungen zu führen. Sie gehen von "menschlichem Verschulden" als Unglücksursache aus. Zusätzlich seien auch technische Fehler - etwa Funkprobleme - denkbar, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Die Betreiber-Gesellschaft geht jedoch nicht davon aus, dass der Unfall in der Konstruktion des Transrapids begründet ist. Die Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH (IABG) erklärte in München: "Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand hat die Unfallursache keinen technischen Hintergrund, sondern ist auf menschliches Versagen zurückzuführen." Der Geschäftsführer der IABG, Rudolf Schwarz, betonte am Abend: "Bei Einhaltung aller Bestimmungen wäre dieser Unfall nicht möglich gewesen",

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Mit Bestürzung und Trauer hat Bundespräsident Horst Köhler auf das Transrapid-Unglück im Emsland reagiert. "Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und bei denen, die jetzt an der Unfallstelle im Rettungs- und Bergungseinsatz sind", erklärte das Staatsoberhaupt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel traf am Abend im Emsland ein. Sie hatte am Nachmittag alle weiteren Termine in Berlin abgesagt, um sich an der Unfallstelle ein Bild der Lage zu machen. Merkel sprach den Angehörigen der Opfer im Namen der Bundesregierung tiefes Beileid und Mitgefühl aus. "Ich bin aus traurigem Anlass hier", sagte sie in Lathen. "Ich habe mir ein Bild nach dem Unglück machen können", sagte Merkel sichtlich erschüttert. Sie bezeichnete den Transrapid nach derzeitigem Kenntnisstand aber als "sichere Technologie".

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee brach eine China-Reise ab und wird morgen in Lathen erwartet. Der Leiter des Krisenstabes, Staatssekretär Jörg Hennerkes, reiste den Angaben zufolge bereits heute an den Unglücksort. Tiefensee habe während eines Gesprächs mit dem chinesischen Eisenbahnminister von dem Unglück erfahren, sagte sein Sprecher Dirk Inger. Der Minister sprach den Angehörigen und Verletzten sein tiefes Mitgefühl aus. "Das ist eine schreckliche Katastrophe. Sie muss sofort vollständig aufgeklärt werden." Er habe auch von Peking aus telefonisch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über das Unglück gesprochen.

Die Transrapid Versuchsanlage Emsland (TVE) erstreckt sich mit ihrer Länge von 31,8 Kilometern zwischen den Gemeinden Dörpen und Lathen im niedersächsischen Emsland nahe der holländischen Grenze und gilt als größte Testanlage für Magnetschwebefahrzeuge in der Welt. Die höchste auf der Versuchsstrecke erreichte Geschwindigkeit betrug 450 Kilometer pro Stunde.

Bereits im August hatte es einen Transrapid-Unfall gegeben. Die Magnetschnellbahn in Shanghai hatte während der Fahrt Feuer gefangen. Die Feuerwehr konnte den Brand nach kurzer Zeit löschen, verletzt wurde niemand. Die 30 Kilometer lange Trasse zwischen der Innenstadt der chinesischen Metropole und dem internationalen Flughafen ist die weltweit erste kommerzielle Transrapid-Strecke.

Im Herbst sollte über den Bau einer Flughafenanbindung in München entschieden werden. Der Transrapid wird von einem Konsortium aus Siemens und ThyssenKrupp gebaut. Ein Siemens-Sprecher sagte, zunächst müsse nun der Unfall geklärt werden, bevor Rückschlüsse gezogen werden könnten. "Die Klärung läuft natürlich." Von der ThyssenKrupp Technologies war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

dab/AP/reuters

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