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Tokio: "Ein Japaner bleibt in Japan"

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Silke Neustedt hat mit ihrem dreijährigen Sohn Tokio verlassen. Ihr japanischer Ehemann weigert sich auszureisen, wie die meisten seiner Landsleute. Zurück in Deutschland hat sie jeglichen Kontakt zu ihm verloren - und bereut ihre Flucht.

Tokio in der Katastrophe: Metropole in Schockstarre Fotos
AP/ Yomiuri Shimbun

Erleichtert landete Silke Neustedt* am Sonntagabend in Frankfurt. Mit ihrem drei Jahre alten Sohn war die Deutsche aus Tokio geflohen. Ja, es war eine Flucht, gibt die 43-Jährige zu.

Die Journalistin und Moderatorin ist an ihrem Arbeitsplatz, im Sendezentrum des staatlichen Fernsehsenders "NHK World" in Tokio, als die Erde am Freitag zu beben beginnt. Es ist kurz vor der Sendung. Die Stahlträger knacken, das Hochhaus schwankt, die Bäume draußen wippen bedrohlich. Eine Kollegin drückt Silke Neustedt unter einen Schreibtisch, der Boden vibriert. Das Erdbeben dauert mehr als drei Minuten lang. "Es kam mir wie eine Ewigkeit vor", sagt Silke Neustedt.

Seit sieben Jahren lebt sie in Japan. Als Korrespondentin für den Wirtschaftssender Bloomberg kam sie auf die Insel, lernte ihren Mann kennen, gründete hier mit ihm ihre Familie.

Mit ihrem Ehemann, einem Japaner, hat sie vereinbart, zu Fuß nach Hause zu gehen, sollte die Erde beben. Ganz Tokio scheint an diesem Freitag auf der Straße. Menschenmassen bahnen sich den Weg durch die Stadt - ruhig und gefasst. "Es klingt nach einem Klischee", sagt Silke Neustedt, "aber die Japaner waren ganz gelassen. Sie sind an Notsituationen gewöhnt".

Kilometerlang marschiert sie nach Hause. Es ist nicht immer leicht, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Großmutter holt den Sohn vom Kindergarten ab. Zu Hause treffen sie sich. Ihr Ehemann hat einen Kollegen im Schlepptau, ihm leihen sie ein Fahrrad, damit er nach Hause kommt.

Während sich ihr Ehemann ein Bad einlässt, sucht Silke Neustedt im Netz nach Nachrichten. Sie ist beunruhigt wegen der hohen AKW-Dichte auf der Insel, fürchtet die Nachbeben. Ihre Ängste bestätigen sich: Im Reaktor 1 des AKW Fukushima hat es eine Explosion gegeben.

Jeder in Deutschland scheint besser informiert zu sein als die Japaner

Silke Neustedt will weg aus Japan. Ihr Ehemann hält sie für panisch. Er will sie und den gemeinsamen Sohn zu Verwandtschaft nach Kyushu schicken, in den Süden des Landes. Doch Silke Neustedt will nach Deutschland, ihr Vater meldet sich via Skype, sorgt sich um die kleine Familie.

Das Ehepaar Neustedt-Matsuyama diskutiert heftig. Er versteht ihre Unruhe nicht, sie fragt ihn: "Was brauchst du noch, um zu erkennen, dass die Situation mehr als ernst ist?" Sie solle doch erst einmal abwarten, bleibt er ruhig.

"Ich wollte aber erst einmal weg", sagt Silke Neustedt. "Ich wusste, die Nachbeben können bis zu einem Monat dauern." Was, wenn ein weiteres Atomkraftwerk in die Luft fliegt?, fragt sie ihren Mann, einen erfolgreichen Unternehmer. Er habe Verpflichtungen hier, entgegnet er.

Das Paar findet keinen Konsens. Sie will nur weg, er nur bleiben.

Silke Neustedt packt die Koffer, nimmt den Sohn - und fliegt am Sonntag um 12.10 Uhr (Ortszeit) nach Deutschland. Mit an Bord der Maschine sind viele Ausländer. Firmen ziehen ihre Mitarbeiter ab, Frankreich fliegt gefährdete Landsleute aus, das Auswärtige Amt rät, Tokio dringend zu verlassen.

Noch am Flughafen Frankfurt merkt die Journalistin, wie deutlich ausgeprägt hier das Empfinden für die drohende Gefahr ist - ganz anders als in Tokio. Sie ist nun unter Gleichgesinnten. Jeder hier scheint über die Situation in Japan besser informiert zu sein als die Menschen dort.

"In Japan gibt es keine Atomdebatte", konstatiert Silke Neustedt. Der AKW-Betreiber Tepco habe in Japan eine starke Lobby, die Zahl der Atomkraftgegner sei verschwindend gering. Sie habe den Eindruck, die Japaner hätten sich mit der Katastrophe von Tschernobyl nicht auseinandergesetzt, sagt sie.

Der 43-Jährigen geht es anders: Die Erinnerung an das Unglück ist für sie jederzeit abrufbar, die Bilder der Katastrophe von 1986 haben sich ihr eingebrannt.

Shoganai - Kann man nichts machen!

"Die Luft in Japan ist schlecht, viele leiden an Bronchialasthma, auch ich inzwischen - aber keiner tut etwas dagegen. Immer heißt es nur: Shoganai - 'Kann man nichts machen!'"

Shoganai - vielleicht ist auch das der Grund, warum die Japaner ihr Land nicht verlassen. Der Zusammenhalt sei groß, sagt Silke Neustedt. "Die Menschen stehen stramm zusammen nach dem Motto: Wir gehen nicht weg. Wir sind alle kleine Räder in einem großen System. Ein Japaner bleibt in Japan."

Entsprechend groß war das Unverständnis, als sie ihrem Arbeitgeber mitteilte, dass sie am Montag nicht kommen werde. "Wie lange willst du denn bleiben? Drei Tage?", fragte ein Kollege.

Die Regierung informiere nur tröpfchenweise, sagt Silke Neustedt. Aber ihr Eindruck sei auch, dass viele Japaner gar nicht genau wissen wollen, was los ist. "Sie reflektieren nicht, sie kritisieren nicht. Sie haben ihre ganz eigene Art, damit umzugehen. Vielleicht ist das auch notwendig, um dort überleben zu können?" Kann sie denn selbst überhaupt noch dort leben? "Ich weiß es nicht."

Jetzt ist sie erst einmal in Sicherheit.

Doch gut geht es Silke Neustedt nicht. Nach drei Tagen in Deutschland fragt sie sich: Warum bin ich gefahren? War die Abreise überstürzt? Bin ich tatsächlich hysterisch?

"Ich habe ein schlechtes Gewissen", sagt die 43-Jährige. Gegenüber ihrem Mann. Gegenüber ihren Freunden. Sie ist die einzige aus dem Bekanntenkreis, die Tokio verlassen hat. Ihre Freundin, eine Deutsche, die seit 19 Jahren in Japan lebt und auch mit einem Japaner verheiratet ist, hat keine Sekunde ans Ausreisen gedacht. Hat sie die japanische Mentalität inzwischen so verinnerlicht?

"Wenn das AKW nicht in die Luft geflogen wäre ..."

Seit Sonntag hat Silke Neustedt nichts mehr von ihrem Ehemann gehört. Im Fernsehen sieht sie Bilder aus Tokio: Alles geht offenbar seinen gewohnten Gang. Die Leute fahren mit der U-Bahn zur Arbeit, die Müllabfuhr leert die Tonnen, durch Parks joggen Sportler. "Ihr Verhalten schockiert mich. Keine zwei Autostunden entfernt herrscht um das AKW Fukushima herum Ausnahmezustand."

Silke Neustedt erreicht ihren Mann weder über Telefon noch über E-Mail. Sie geht inzwischen davon aus, dass auch sein Leben wie gewohnt weitergeht. Dass er sich bewusst nicht meldet, weil er enttäuscht oder verletzt ist, aber nicht weil Gefahr droht. Es beruhigt sie, einerseits. Andererseits macht es sie auch wütend. "Er hat ja auch noch einen Sohn, der gerne seinen Papa sprechen würde."

Dass die Moderatorin kurzerhand Tokio verlassen hat, werden viele Frauen und Mütter nachvollziehen können - aber nicht unbedingt in Japan. "Viele Konflikte trägt man in Japan nicht aus", sagt sie. "Gerade als Frau ist es oft heikel, wenn man sich nicht unterordnet und einfach still ist."

Ihr Leben als Single-Frau in Japan, damals als Korrespondentin, sei ein komplett anderes gewesen als das der Ehefrau und Mutter. Sie habe sich damals gut überlegt, ob sie in Japan leben wolle - eben wegen der drohenden Beben. "Ich war immer wachsam."

Einmal, so erinnert sie sich, habe die Erde gewackelt. Sie sei erschrocken, als in ihrem Apartment im 14. Stock die Gläser klirrten. Sie rannte auf die Straße und stellte dort fest: Sie war die einzige. "Wie peinlich!", sagt sie heute. Peu à peu habe sie sich an die Erdstöße gewöhnt.

"Wenn das AKW nicht in die Luft geflogen wäre, dann wäre ich noch in Tokio."

Es klingt wie eine Rechtfertigung.

* Name von der Redaktion geändert

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 347 Beiträge
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1. Was der Flug wohl gekostet hat
founder 17.03.2011
Gestern Mittwoch 10:00 N-TV meldet Tokyo nach Deutschland kostet 5000 bis 7000 EUR. Nach nur 2 Minuten im Internet finde ich aber eine Flugverbindung für nur 2000.-EUR (http://politik.pege.org/2011-d/n24-maerchen.htm) Soweit zur journalistischen Sorgfalt von N-TV
2. Medien
kopernikuss 17.03.2011
wie Spiegel Online, BILD und andere berichten leider mehr als reisserisch über die Entwicklungen in Japan, als ob sie bessere Informationen als die Einwohner hätten. Vergleicht man die Anzahl der Kommentare zu den AKWs mit denen über den Tsunami, der doch erstmal das eigentliche Problem darstellte, überwiegten von Anfang all jene, die sich gut verkaufen liessen.
3. Jeder in Deutschland
Major von Crampas 17.03.2011
SCHEINT besser informiert zu sein.
4. Eine Frage der Ehre
gaga007 17.03.2011
Das Verhalten der Ehefrau läßt deutlich erkennen, dass alles eben "eine Frage der Ehre" ist. Der Ehemann ist zu bedauern ... er weiß jetzt, dass er sich nie auf seine Frau verlassen kann. Die Japaner beweisen der Welt, dass es in der größten Katastrophe gelingt, das Niveau zu halten - Deutsche wären wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen durcheinandergelaufen.
5. ;-)
Gegengleich 17.03.2011
So ist das eben mit Menschen mit Migrationshintergrund. Wollen sich einfach nicht assimilieren....
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