Tokios Bevölkerung: Fernsehen, einkaufen, Ruhe bewahren

Von Katja Iken, , , und Simone Utler

Die drohende Katastrophe im AKW Fukushima liegt nur rund drei Autostunden entfernt, aber die Menschen in Tokio versuchen, Ruhe zu bewahren. Eine Flucht aus der Metropole kommt für die meisten Japaner nicht in Frage - sie vertrauen dem Krisenmanagement der Regierung.

Tokio in der Katastrophe: Metropole in Schockstarre Fotos
AP/ Yomiuri Shimbun

Hamburg - Im Fernsehen geben Experten Tipps für den Notfall. Die Gefahr durch eine radioaktive Verstrahlung ist abstrakt, die Hinweise dagegen sind sehr konkret. Die Menschen sollen sich feuchte Lappen ins Gesicht halten, häufig die Kleidung wechseln, am besten in geschlossenen Räumen bleiben. Dazu zeigt der Sender NHK immer wieder Bilder vom Unglückskraftwerk Fukushima.

Koichi Sawa sitzt wie gebannt vor dem Fernseher, vor den Bildern, die die Angst zu ihm ins Wohnzimmer bringen. Seine Frau Yoko und er leben in Matsudo, vor den Toren Tokios. "Wir haben alle Angst", sagt der 45-Jährige. Die Berichterstattung in Japan sei anders als noch vor ein paar Tagen: Bisher sei der Tsunami das Hauptthema gewesen - nun der Zwischenfall in Fukushima.

Es war nicht der übermüdete Regierungssprecher, sondern Ministerpräsident Naoto Kan persönlich, der die schlechte Nachricht überbrachte. In einem blauen Anzug, mit unbeweglicher Mine sagte er: "Die Lage gibt weiter Anlass zur Sorge." Zuvor war der dritte Reaktor in Fukushima Daichi explodiert, in einem weiteren brannte es, die Behörden meldeten erhöhte Radioaktivität.

"Dieser Vorfall ist wirklich anormal und extrem beängstigend", sagt Sawa. Viele Ausländer seien bereits in ihre Heimat zurückgekehrt, aber die meisten Japaner hätten keine Wahl. "Kein Zuhause, keine Arbeit - das droht, wenn wir gehen. Also müssen wir bleiben", so der 45-Jährige, der für ein Erdölunternehmen arbeitet und an diesem Morgen wie gewohnt mit der Bahn zur Arbeit nach Tokio gefahren ist.

"Die Japaner lassen sich ihre Furcht nicht anmerken"

Nachrichtenagenturen meldeten am Dienstag panikartige Zustände in Tokio. Die Menschen seien alarmiert wegen der drohenden atomaren Katastrophe. Augenzeugen vor Ort berichten hingegen, dass die Bewohner der Millionen-Metropole vor allem versuchen, ihren Alltag fortzusetzen, nicht unter dem Eindruck der drohenden Katastrophe zu kapitulieren. Es gab keine Tumulte, keine Übergriffe.

"Die Menschen gehen weiterhin zur Arbeit - das ist auch an den übervollen Zügen zur Rush-Hour zu erkennen", sagt IT-Experte Christoph Baron.

Nach dem Erdbeben vom Freitag kam es zu vielen Zugausfällen im Großraum Tokio. Websites wie "Timeout Tokyo" informieren über Verzögerungen und gestrichene Verbindungen. In schier endlosen Schlangen standen Reisende im Bahnhof von Yokohama, den täglich mehr als zwei Millionen Menschen nutzen. Ein Youtube-Video zeigt sie geduldig wartend, von Panik keine Spur.

"Die Japaner lassen sich ihre Furcht nicht anmerken und sind weiterhin sehr gelassen - auch wenn sicher jeder Angst im Bauch hat", sagt Baron. Der 33-Jährige überließ den Mitarbeitern seiner IT-Firma, ob sie von zu Hause arbeiten oder ins Büro kommen möchten. "Heute waren wir zu 100 Prozent anwesend. Das Gemeinschaftsgefühl ist sehr groß."

Die Tokioter sähen noch keine Veranlassung, die Stadt zu verlassen. Sie verfolgten die Nachrichten und vertrauten den Informationen ihrer Regierung. "Es gibt keinen Grund für Misstrauen", so der Unternehmer. Er habe den Eindruck, dass die westlichen Medien "sehr extrem" berichteten: "Die sind fast schon sensations- und nicht faktenorientiert."

"Die Menschen haben ein tief verwurzeltes Verantwortungsbewusstsein"

Die japanischen Behörden meldeten am Morgen, es seien geringe Mengen an Radioaktivität in Tokio gemessen worden. Eine Gefahr für die Gesundheit bestehe aber nicht.

"Die Menschen nehmen das alles mit einer erstaunlichen Fassung hin", sagt Goethe-Institut-Mitarbeiter Hyun Woo Cho. Natürlich werde mancherorts an Strom gespart und einige Läden seien geschlossen, doch das öffentliche Leben sei "weithin intakt". Warum die Menschen angesichts der Katastrophe so besonnen bleiben? "Die Japaner lernen Disziplin von Kindesbeinen an", sagt der 31-Jährige, "sie können gar nicht anders."

Was es gibt, sind Hamsterkäufe. In Supermärkten klaffen leere Regale, Dosennahrung und Batterien, Brot und Mineralwasser sind besonders gefragt. "Die Menschen fühlen sich einfach sicherer, wenn sie Fertignudeln im Haus haben", sagt ein Sprecher des Fertignudelherstellers Nissin Foods - und schlägt Kapital aus der Katastrophe. Das Unternehmen bemühe sich derzeit, trotz der Erdbebenschäden in seinen Fabriken die Produktion zu erhöhen. Behörden befürchten, dass die Hamsterkäufe die Lebensmittellieferungen an die wirklich Bedürftigen in den Katastrophenregionen beeinträchtigen.

"Die Menschen in Tokio sind natürlich angespannt", sagt die Soziologin und Japanologin Gabriele Vogt von der Universität Hamburg. "Aber sie wollen ihre Stadt auch angesichts des drohenden Fallouts nicht verlassen - selbst wenn sie Familie im Süden haben, wo sie unterkommen könnten." Woran das liege? "Sie haben ein tief verwurzeltes Verantwortungsbewusstsein". Niemand im Land denke zuerst an sein persönliches Schicksal, sondern vielmehr daran, was passieren könne, wenn man seiner Rolle nicht nachkomme und dadurch eine Lücke in der Gemeinschaft entstehe.

Unbestritten groß sei die Unruhe unter den Ausländern, sagt Vogt, die seit dem Erdbeben und dem nachfolgenden Tsunami in engem Kontakt mit deutschen Studierenden und Freunden in Japan steht: "Von den etwa 20 Hamburger Studenten, die in der Krisenregion waren, haben alle den Rückweg in die Heimat angetreten."

Vor den Einwanderungsbehörden in Tokio bildeten sich mehrere hundert Meter lange Warteschlangen. Ausländer - teilweise mit gepackten Koffern - versuchten kurzfristig Pässe verlängern zu lassen und wollen Wiedereinreisegenehmigungen beantragen, um später nach Japan zurückkehren zu können. Ausländische Firmen und Organisationen zogen ihre Mitarbeiter aus Tokio ab.

"Die Menschen sind stolz auf ihre hohen Sicherheitsstandards"

Das Goethe-Institut wurde am Montag geschlossen, vorerst für eine Woche. "Vor allem die deutschen Mitarbeiter haben Tokio verlassen", sagt Leiter Raimund Wördemann. "Die japanischen Kollegen nehmen die Lage gelassener hin." Nur wenige Japaner, eher junge Leute, die schon mal im Westen waren und von Tschernobyl gehört haben, erwägten, die Stadt jetzt zu verlassen.

"Allgemein gesprochen kann man sagen: Japaner kennen keine Angst vor Atomkraftwerken", sagt Wördemann. "Die Menschen sind stolz auf ihre hohen Sicherheitsstandards." Die Situation könne sich aber schnell ändern: "Wir wissen nicht, was in der nächsten Nacht passiert."

Doch es gibt auch Japaner, die nicht in Tokio abwarten wollen, ob das Schlimmste eintritt. Menschen mit Babys, Kindern, Hunden, großen Koffern - die Abflughalle des Flughafens Haneda im Süden Tokios ist voll. "Wir haben eine halbe Stunde am Check-In-Schalter stehen müssen - statt fünf Minuten an einem normalen Werktag", sagt Unternehmer Matthias Ahrens. Man sehe kaum Geschäftsreisende sondern überwiegend Privatleute, etliche trügen Mundschutz. Der 30-Jährige fliegt mit seinen Eltern in den Süden des Landes. Die Familie hat zunächst für eine Woche Hotelzimmer gebucht - in zwei verschiedenen Häusern, im selben Hotel war nichts für drei Personen zu bekommen.

"Wenn man Japanern erzählt, da kommt eine Wolke auf euch zu, verstehen die meisten gar nicht, worin das Problem liegt", sagt Goethe-Institut-Leiter Wördemann. Sorge bereite den meisten vielmehr eine konkrete Furcht, weit weniger abstrakt als die radioaktive Strahlung: die Möglichkeit eines zweiten schweren Erdbebens - wie es vorausgesagt wurde.

mit Material von dpa/dapd

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Fatalismus
Fritz Katzfuß 15.03.2011
Es wäre zynisch, die ars moriendi zu verteilen. Es werden ja auch längst nicht alle sterben oder krank. Fatalismus und Solidarität im Unvermeidlichen ist die Tugend der Wahl. Oder soll man evakuieren?
2. .
Fechi 15.03.2011
Na da sieht man im TV aber andere Bilder. Die Tokyoter sind sehr wohl beunruhigt. Allerdings wissen sie - anders als die Ausländer - nicht wohin sie gehen könnten.
3. Wie lange strahlt das eigentlich?
Berta, 15.03.2011
wenn es nicht abgedeckt wird oder sowas. Darauf kommts wohl an.
4. ...
Newspeak, 15.03.2011
"Woran das liege? "Sie haben ein tief verwurzeltes Verantwortungsbewusstsein". Niemand im Land denke zuerst an sein persönliches Schicksal, sondern vielmehr daran, was passieren könne, wenn man seiner Rolle nicht nachkomme und dadurch eine Lücke in der Gemeinschaft entstehe." Na ja. In meinen Augen liegt genau da ein ganz grundlegendes Problem der Japaner. Jeder kommt seiner Rolle nach, hält sich mit Kritik und Zweifel zurück, niemand soll das Gesicht verlieren...genau diese Haltung ermöglicht es doch Firmen wie Tepco ihre kriminellen Machenschaften durchzuführen. Genau diese Haltung ermöglicht inkompetente Regierungen, die zögerlich handeln und ihre Bevölkerung im Unklaren lassen. Das hat für mich nicht viel mit Verantwortungsbewusstsein zu tun. Das ist unbegründete Angepasstheit, Autoritätsgläubigkeit, geradezu das Gegenteil von Verantwortung...Feigheit, sich auch unangenehmen Dingen zu stellen oder diese anzusprechen.
5. ...
pmax 15.03.2011
Meine Hochachtung vor den anscheinend sehr guten Nerven und der eisernen Disziplin der Tokioter Bevölkerung. Mir persönlich scheinen beide Tugenden in diesem Fall aber eher kontraproduktiv zu sein. Tokio sollte meiner Meinung nach mit internationaler Hilfe soweit wie möglich evakuiert werden. 35 Millionen Menschen sind in Gefahr und nur die Windrichtung entscheidet über das Ausmaß der atomaren Verseuchung.
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Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.
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