Tote Babys Sabine H. will Kinder im Alkoholrausch geboren haben

Die in Brandenburg verhaftete Mutter hat ausgesagt, ihre neun tot aufgefundenen Säuglinge ohne fremde Hilfe geboren zu haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sagte die Beschuldigte, sie habe sich dabei mit Alkohol betäubt. Den Ermittlern stellt sich jetzt die Frage: Was wusste der Vater?


Polizisten durchsuchen mehrere Grundstücke nach eventuell weiteren Opfern
DDP

Polizisten durchsuchen mehrere Grundstücke nach eventuell weiteren Opfern

Frankfurt an der Oder - Die Frau habe bei ihren Vernehmungen zuerst geleugnet, etwas von den toten Säuglingen zu wissen. Dann aber habe sie den Eindruck vermittelt, froh darüber zu sein, "dass die Sache vorbei ist", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Die 39-jährige Sabine H. sitzt seit gestern Abend in Untersuchungshaft und wird wegen des "dringenden Tatverdachts" des neunfachen Totschlags ihrer Babys beschuldigt. Die Leichen waren am Sonntag nach Hinweisen eines Zeugen unter Erde in Blumenkästen und -kübeln sowie einem Aquarium gefunden worden.

Sabine H. habe während ihrer Vernehmung erklärt, sie wisse nicht, wie es zu den Tötungen gekommen sei, berichtete die Behördensprecherin. Während der Wehen sei sie fast jedes Mal so betrunken gewesen, dass sie erst wieder zu Bewusstsein gekommen sei, "als die Kinder bereits verscharrt waren".

Zu den ersten beiden Todesfällen habe die Beschuldigte dagegen eigenen Angaben zufolge genauere Erinnerungen, sagte die Staatsanwältin, ohne Details zu nennen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt bestätigte unterdessen indirekt, dass es sich bei diesen Erinnerungen um ein Teilgeständnis von Sabine H. gehandelt hat: "Sie konnte sich an die Umstände der ersten beiden Geburten erinnern und alles, was damit in Verbindung steht", sagte Staatsanwalt Ulrich Scherding. Genauer könne man sich aus ermittlungstaktischen Gründen nicht äußern.

Sie habe die Kinder alleine in ihrer Wohnung geboren, keinen Arzt aufgesucht und sich niemandem anvertraut, habe Sabine H. im Verhör gesagt. Manchmal habe sie sich auch auf den Balkon ihrer Frankfurter Wohnung gesetzt, um ihren in den Blumenkästen vergrabenen Babys nah zu sein.

Nach Angaben eines Sprechers der Frankfurter Polizei war die Ehe der Arbeitslosen seit vielen Jahren zerrüttet. Wegen des privaten Konflikts und beruflicher Probleme sei der Mann nur selten in der gemeinsamen Wohnung gewesen. Seit dem Jahr 2001 lebte Sabine H. allein, erst in diesem Jahr wurde ihre Ehe geschieden. Nach Angaben der Sprecherin der Staatsanwaltschaft wurden die Säuglinge in den Jahren 1988 bis 1998 oder 1999 geboren und vermutlich kurz nach ihrer Entbindung getötet. "Alle Kinder sind ehelich geboren", sagte Staatsanwältin Kerstin Langen. Mittels DNA-Tests wollen die Ermittler nun die Vaterschaft der Kinder klären.

Die mutmaßliche Babymörderin hat noch vier weitere Kinder. Drei von ihnen im Alter von 18, 19 und 20 Jahren stammen aus ihrer ersten Ehe und leben beim Vater. Die anderthalbjährige Tochter der Beschuldigten soll dagegen aus ihrer momentanen Beziehung stammen. Unklar ist, ob einer der Partner von Sabine H. von den Geburten und eventuell auch den Tötungen wusste. Der 20 Jahre ältere Freund der Beschuldigten hatte der "Bild"-Zeitung gesagt: "Was sie vorher getan haben soll, davon habe ich nichts gewusst." Nach Angaben der ermittelnden Staatsanwältin Anette Bargenda hätten sich auch die Familie der Festgenommenen sowie ihr geschiedener Mann geschockt über die Taten gezeigt: "Sie wollen nicht mitbekommen haben, dass die Frau schwanger gewesen ist."

Von der Polizei abgesperrter Fundort in Brieskow-Finkenheerd: "Konfliktbeladene Familie"
REUTERS

Von der Polizei abgesperrter Fundort in Brieskow-Finkenheerd: "Konfliktbeladene Familie"

Ein Behördensprecher berichtete von einem Vorfall vom 21. Juni. Wegen eines Streits in der "insgesamt sehr konfliktbeladenen" Familie seien Polizisten nach Brieskow-Finkenheerd gerufen worden, um den Zwist zu schlichten. Sabine H. sei stark alkoholisiert gewesen. Den Beamten fiel dem Sprecher zufolge bei ihrem Besuch das "bekotete und nicht recht bekleidete" anderthalbjährige Kind der Beschuldigten auf. Die Beamten hätten das Kind vorläufig zu seiner Großmutter gebracht und Sabine H. wegen Verletzung der Fürsorgepflicht beim Jugendamt angezeigt. Diese Anzeige werde immer noch bearbeitet.

Laut dem Frankfurter Oberbürgermeister Martin Patzelt gab es zu keiner Zeit Hinweise auf die dramatische Situation in der Familie der Festgenommenen. Sabine H. sei niemals wegen ihrer Schwangerschaften oder wegen besonderer staatlicher Unterstützung an die Behörden herangetreten. "Wir warten mit gespannter Sorge die weiteren Untersuchungen ab."



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