Tote bei Zugspitz-Extremlauf "Sie haben sie in ihr Unglück rennen lassen"

Zehn Minuten vor dem Ziel brachen sie entkräftet zusammen, auch Ärzte konnten nicht mehr helfen: Zwei Sportler starben bei einem Extremlauf auf die Zugspitze. Teilnehmer sprechen von "desolatem Krisenmanagement" und "totalem Chaos". Die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet.

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Hamburg - Sie wollten ihre körperlichen Grenzen austesten: Hans P., 45, und Uwe M., 41, starteten im Teilnehmerfeld von 585 Sportlern am Sonntag zum Extremlauf auf die Zugspitze, ihr Ausgangspunkt lag im österreichischen Ehrwald. Am Ende bezahlten beide Männer den sportlichen Belastungstest mit dem Leben.

Die äußeren Bedingungen für den Lauf waren schlecht: "Es regnete in Strömen", sagt Dirk Schurig, Extremsportler und ebenfalls Teilnehmer des Laufs, SPIEGEL ONLINE. "Mit zunehmender Höhe gingen die Niederschläge in Schnee über, dazu wehte ein eisiger Wind."

Die meisten Sportler, angereist aus ganz Deutschland, trugen bei Temperaturen von 15 Grad im Tal lediglich kurze Hosen und T-Shirts - und wurden in Gipfelnähe von zehn Zentimeter Neuschnee überrascht. Ihr Traum war es, den vom Veranstalter als "Hochgeschwindigkeitsbesteigung" bezeichneten Extremlauf zu bestehen: 16,1 Kilometer bei fast 2200 Metern Höhenunterschied. Die Zugspitze, der höchste Berg Deutschlands, ist 2962 Meter hoch.

Zehn Minuten vor dem Ziel, an der alten Zollhütte in rund 2700 Metern Höhe, brachen Uwe M. aus dem nordrhein-westfälischen Witten und Hans P. aus Ellwangen in Baden-Württemberg tot zusammen. Retter versuchten vergeblich, die beiden Männer zu reanimieren. Die beiden hätten sich "bis zur völligen Erschöpfung" verausgabt, erklärte ein Sprecher der Bayerischen Bergwacht im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Der Lauf hätte spätestens an der Station Sonnalpin abgebrochen werden müssen", sagt Läufer Schurig. Die Station Sonnalpin ist am Zugspitzplatt gelegen, von dort aus geht es durch ein Geröllfeld steil nach oben. Es sind die letzten Meter zum Gipfel, begehbar nur über einen schmalen Grat.

GoogleEarth / SPIEGEL ONLINE

Schurig, ein erfahrener Bergsportler, passierte die Station gegen 11 Uhr als fünfter Läufer. "Da sah man ganz klar, dass sich das Wetter sehr verschlechtert. Ich ging davon aus, dass der Lauf abgebrochen wird, was ganz normal gewesen wäre." Doch es gab keine Anzeichen für einen Laufstopp. Schurig quälte sich den letzten und schwersten Kilometer zum Gipfel - von den Dramen, die sich hinter ihm abspielten, bekam er zunächst nichts mit.

45 Minuten später ging der erste Notruf ein. Dann wurden von mehreren Hütten aus Rettungskräfte alarmiert, die Bergwachten und die Alpintruppe der Polizei suchten nach hilflosen Läufern.

Körpertemperatur zwischen 30 und 32 Grad Celsius

In den Berghütten spielte sich nach Berichten von Augenzeugen ein "totales Chaos" ab. Viele erschöpfte Sportler mussten mit Tragen zur Seilbahn gebracht und hinuntergefahren werden. Auch die Hubschrauberpiloten der Bergwacht kämpften mit dem schlechten Wetter: Von vier angeforderten Helikoptern konnten sich nur zwei einen Weg durch die dichten Wolken auf die Zugspitze bahnen, um Verletzte ins Tal zu fliegen.

Sechs Läufer kamen völlig erschöpft und mit schweren Unterkühlungen auf die Intensivstation des Klinikums Garmisch-Partenkirchen. "Ihre Körpertemperatur lag zum Teil zwischen 30 und 32 Grad Celsius", sagt der behandelnde Chefarzt Johann Meierhofer SPIEGEL ONLINE. "Sie schweben nicht mehr in Lebensgefahr, sondern haben sich alle erfreulich schnell wieder erholt."

Mehr als 30 weitere entkräftete, in Aludecken gehüllte Sportler wurden in Krankenhäuser in Murnau und Mittenwald gebracht. "Insgesamt waren 94 Helfer des Bayerischen Roten Kreuzes und der Bergwacht im Einsatz", sagte eine BRK-Sprecherin SPIEGEL ONLINE.

"Es war der größte Einsatz auf der Zugspitze seit der Jahrhundertlawine 1965", sagt Peter Huber, Chef der bayerischen Zugspitzbahn, SPIEGEL ONLINE. Rund 200 völlig durchnässte Bergläufer wurden in der Talstation einer Sesselbahn versorgt. "Es ist leider die Folge eines sehr drastischen Wetterumschwungs", sagt Huber. "Das war so nicht absehbar."

Dem widerspricht Bergsportler Schurig, der bei dem Lauf den achten Platz belegte und nicht das erste Mal am Lauf auf die Zugspitze teilnahm. Der 39-Jährige hatte bereits um 5.30 Uhr die Webcams auf der Zugspitze wegen des Wetters überprüft. "Es war klar, dass es schneien würde. Aber meine Leute und ich wussten: Wir sind schnell, wir schaffen es noch rechtzeitig."

"Ich bin regelrecht über die Ziellinie gekrochen"

Der Streckenrekord für den Extremberglauf liegt nach Veranstalterangaben bei zwei Stunden und drei Minuten. Schurig war nach zwei Stunden 27 Minuten oben. Normale Bergsteiger brauchen bis zu neun Stunden für die Strecke.

"Ich bin mit allerletzter Kraft oben angekommen, bin über die Ziellinie regelrecht gekrochen", sagt Schurig. "Wenn Spitzenläufer schon so aussehen, hätte man den Lauf abbrechen müssen. Für viele war er einfach eine Nummer zu groß."

Um am Extremlauf teilnehmen zu können, war kein Nachweis von Bergsporterfahrung erforderlich. Der Lauf wurde stattdessen mit dem Hinweis beworben, von der Bergwacht begleitet zu sein. "Die Bergwacht rettet Leute in Bergnot. Dann können sie doch nicht zusehen, wenn Leute beim Laufen so durchhängen", empört sich Teilnehmer Schurig. "Dann müssen sie die betreffenden Läufer rigoros aus dem Rennen nehmen. Stattdessen haben sie sie buchstäblich in ihr Unglück rennen lassen."

Erst gegen 12.30 Uhr entschied Veranstalter Peter Krinninger aus Garmisch-Partenkirchen, den Lauf abzubrechen. Doch zu diesem Zeitpunkt sei es längst zu spät gewesen, sagt Läufer Schurig. Hunderte Teilnehmer befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch auf der Strecke, immer wieder entdeckten die Bergwachtler neue Opfer, stützten und schleppten sie zur Station Sonnalpin am Zugspitzplatt und zur Gipfelstation.

Die Läufer zitterten, weinten, konnten nicht mehr sprechen

"Aber auch dort waren alle endlos überfordert, das Krisenmanagement war desolat", sagt Extremsportler Schurig. Auf dem Gipfel habe es weder Decken noch warme Getränke gegeben, was bei solchen Sportevents üblich sei. "Wir haben so gezittert, wir konnten uns nicht umziehen." Einige weinten, manche waren nicht in der Lage, ein Wort zu sprechen. Nach Angaben auf der Internet-Seite des Veranstalters erreichte nur ein Drittel der gestarteten Läufer das Ziel.

Bereits 2007 war der Extremlauf aufgrund schlechten Wetters vorzeitig abgebrochen worden, niemand kam ernsthaft zu Schaden. Das Jahr zuvor sei es "superwarm" gewesen, erinnert sich Schurig. Damals habe man weder Decken noch Tee gebraucht. Ebenso 2005, als Alfred Busse aus Bad Oldesloe an der Veranstaltung teilnahm. "Wenn das Wetter gut ist, ist der Lauf völlig unproblematisch", sagt der 55-jährige Bergsportler SPIEGEL ONLINE. "Die Strecke ist nicht gefährlich, nur das Wetter kann gefährlich werden."

Die Leichen der beiden verstorbenen Sportler sollen noch am Montag in München obduziert werden, um die genaue Todesursache festzustellen, sagte ein Sprecher der Polizeidirektion Weilheim.

Die Münchner Staatsanwaltschaft prüft, ob sie gegen den Veranstalter Ermittlungen aufnehmen muss. Wenn der Sachverhalt "in groben Zügen" bekannt sei, werde entschieden, sagt Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl SPIEGEL ONLINE. "Im Moment sammeln wir noch die Fakten." Zeugen würden befragt, Wetterdaten ausgewertet. Zu klären sei, ob und wann es eine Unwetterwarnung gab und wer davon wusste; wann das Rennen abgebrochen wurde und auf welchem Wege diese Information den Läufern weitergeben wurden.

Mit dem Veranstalter des Laufs, Peter Krinninger von der getgoing GmbH, habe man bereits gesprochen. Gegen ihn gebe es derzeit kein Ermittlungsverfahren, betonte Hödl. Im Grundsatz habe jeder Läufer auch eine Verantwortung für sich selbst.

"Laut Staatsanwaltschaft darf ich momentan nichts zu dem Vorfall sagen", sagte Krinninger SPIEGEL ONLINE und betonte sichtlich bewegt: "Ich bin sehr deprimiert und zutiefst erschüttert. Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen der Opfer."

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Seite 1
Hilfskraft 14.07.2008
1. Zugspitze
Zitat von sysopDas Unglück beim diesjährigen Zugspitz-Lauf sorgt für Diskussionen. Ambtionierte Athleten suchen die Herausforderung, oft ohne die Gefahren wirklich zu kalkulieren. Müssen allzu risikobereite Sportler vor sich selbst geschützt werden?
Sie suchten die Herausforderung und ihre Grenzen. Beides haben sie ja wohl auch gefunden. Ein Wunder, dass es nur 2 Tote waren. Wie banane muß man eigentlich sein? Hilfskraft
lpino 14.07.2008
2. Bei allem Bedauern.
Aber hier geht es um Eigenverantwortung. Man kann nicht nur halbnackt bei Schlechtwetter ins Hochgebirge laufen, sich bis zur Erschöpfung verausgaben, nur um den Kick der Leistungsgrenze zu erfahren. Man kann auch bei Anzeichen der Unterkühlung und schlechter werdenden Bedingungen den Lauf SELBST einfach abbrechen. Aber das liegt zuerst in der Verantwortung jedes Einzelnen.
marc_malone 14.07.2008
3.
Zitat von sysopDas Unglück beim diesjährigen Zugspitz-Lauf sorgt für Diskussionen. Ambtionierte Athleten suchen die Herausforderung, oft ohne die Gefahren wirklich zu kalkulieren. Müssen allzu risikobereite Sportler vor sich selbst geschützt werden?
Die Organisatoren haben zwei Menschen auf dem Gewissen. Diese Verantwortung mögen sie juristisch vielleicht abschütteln können, dennoch werden sie auf immer damit zu leben haben. Die Organisatoren sind schuld, definitiv. Man wird ansonsten daraus lernen müssen, so etwas Irres niemals wieder zu veranstalten. Die Teilnehmer täten in Zukunft gut daran zu verbergen, dass sie an diesem Schwachsinn überhaupt teilgenommen haben.
tanni95, 14.07.2008
4. So...
Zitat von sysopDas Unglück beim diesjährigen Zugspitz-Lauf sorgt für Diskussionen. Ambtionierte Athleten suchen die Herausforderung, oft ohne die Gefahren wirklich zu kalkulieren. Müssen allzu risikobereite Sportler vor sich selbst geschützt werden?
...schlimm das Ganze ist, muss doch jeder auch selbst wissen, auf was er sich einlässt. Offenbar können das viele nicht. Alles auf den Veranstalter abzuwälzen ist wohl am einfachsten. "Idiotische" Wettbewerbe sollten verboten sein, aber man darf ja nicht zuviel verbieten, sonst heißt es wieder "Der böse böse Staat, der alles verbietet und die Menschen in ihrer Freiheit beschneidet". In kürzester Zeit auf einen Berg rennen, das erinnert mich irgendwie an die Wettbewerbe, wenn jemand 50 Hamburger in 5 Minuten in sich hineinstopft und dann verwundert ist, wenn er wegen Überfressens tot umfällt.
iGoA 14.07.2008
5.
Eigenverantwortung wird hier mal wieder ganz ganz klein geschrieben. Dafür Sündenbock groß.
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