Toter Enthüllungsreporter Sean Hoare "Sagt, dass ich nicht da bin"

Er brachte die Abhöraffäre ins Rollen, nun wurde der ehemalige "News of the World"-Reporter Sean Hoare tot in seiner Wohnung gefunden. Lange war er Teil des Systems - dann aber plagten den schwer Suchtkranken Gewissensbisse.

Von Jochen Brenner und


Hamburg - Sean Hoare war der erste, der mit dem Finger auf Andy Coulson zeigte, den früheren Chefredakteur der "News of the World". Dann brach der Sturm los, der die britische Medienlandschaft gerade überzieht. Murdoch taumelnd, der Premierminister in der Bredouille, Scotland Yard angeschlagen. Hoares Fingerzeig erschüttert das Vereinigte Königreich - und er bedeutet das Ende einer langen Männerfreundschaft.

Sean Hoare und Andy Coulson begannen in den Neunzigern als junge Reporter ihre Karriere beim Klatschblatt "The Sun". Sie stiegen auf in Rupert Murdochs Imperium, der eine bis zum Chefredakteur. Auf dem Gipfel seiner Macht beriet er den britischen Premierminister David Cameron. Der andere geriet ins Straucheln. Als Klatschreporter feierte Sean Hoare mit den Stars und irgendwann müssen für ihn die Grenzen zwischen Prominenz und Alltag verschwommen sein: Er begann den Tag mit Koks und Whiskey und so beschloss er ihn auch. Es war sein alter Freund Coulson, der ihn 2005 schließlich rauswarf. Danach versuchte er, als freier Journalist Fuß zu fassen.

Im vergangenen Herbst packte Hoare in der "New York Times" aus. Er sagte, Andy Coulson habe nicht nur von Abhöraktionen gewusst, sondern als Chefredakteur von "News of the World" seine Mitarbeiter bewusst animiert, Telefongespräche von Prominenten mitzuschneiden, die gerade im Fokus der Berichterstattung standen.

Ein liebenswerter Mensch

Und er ging noch weiter: Der BBC sagte er später, dass Coulson ihn persönlich beauftragt habe, Telefone abzuhören. Der stritt alles ab. "Ich habe das Abhören von Telefonen niemals geduldet und ich erinnere mich an keinen Anlass, an dem jemals ein Telefon abgehört wurde", sagte Coulson, nachdem der Artikel erschienen war. Gegen ihn ermittelt nun die Londoner Polizei.

Jetzt ist Sean Hoare tot. Am Montagvormittag kurz vor elf fand ihn die Polizei in seiner Wohnung in Watford. Offiziell gilt die Todesursache noch als unklar, doch die Polizei geht nicht von einem gewaltsamen Tod aus. Nachbarn beschrieben den Mittvierziger, der um sein Geburtsjahr ein Geheimnis machte, als freundlichen Mann. Er habe oft auf seinem Balkon gesessen und immer wieder den Rasen gesprengt. Zuletzt soll Hoare besorgt gewesen sein, dass jemand von der Regierung komme, um "ihn zu holen". Den Nachbarn habe er gesagt: "Falls jemand nach mir fragt, sagt, dass ich nicht da bin." Das berichtet der "Daily Mirror".

In einem sehr persönlichen Nachruf gibt Hoares Kollege Nick Davies Einblicke in das Leben des Klatschreporters. Es sei wichtig, schreibt der "Guardian"-Journalist, sein Ansehen gerade jetzt zu wahren, wo der Ruf von "News of the World"-Journalisten auf einem Tiefpunkt angekommen sei. "Hoare war ein liebenswerter Mensch", schreibt Davies.

"Ich wollte ein Unrecht wiedergutmachen"

Aus seiner Drogen- und Alkoholsucht hatte der Reporter Hoare nie einen Hehl gemacht, sein Aufenthalt in einer Entzugsklinik war vielen bekannt. "Aber das spielt dafür keine Rolle", sagte Hoare der "New York Times" im Hinblick auf den Skandal. "Es wird noch mehr kommen. Und es wird nicht aufhören."

Hoare musste es wissen. Lange Zeit war er Teil des Systems, das er nun bekämpfte. Er wünsche sich, sagte er noch in der vergangenen Woche, dass der Skandal zu einem saubereren Journalismus führe. "Ich wollte ein Unrecht wiedergutmachen", zitiert "Guardian"-Kollege Davies aus einem Gespräch mit ihm.

Vielleicht war es genau diese Wandlung, die seine Glaubwürdigkeit nun ausmachte. Er war ein Aussteiger, der die Droge Aufmerksamkeit genauso gut kannte wie den Whiskey. Wohl deswegen wurde er für seinen alten Freund Coulson zu einem immer größeren Problem.

Denn schon in den gemeinsamen Jahren als Reporter bei der "Sun" hatte Hoare seinem Freund und Kollegen Mitschnitte abgehörter Telefongespräche vorgespielt, so erzählte er es später. Bei "News of the World" habe man genau so weitergemacht. "Er ermunterte mich, es zu tun."

Das Orten von Mobiltelefonen, "Pinging" genannt, sei bei "News of the World" wie selbstverständlich eingesetzt worden. Die Reporter hätten sich an die Chefs der Nachrichtenredaktion gewandt, um den Aufenthaltsort einer bestimmten Person zu erfahren. "Niemand stellte Fragen. Man betrachtete die Sache dann als erledigt. Die Befehlskette folgte einer strengen Disziplin, weswegen ich es Andy nie abgekauft habe, dass er nichts wusste. Das ist einfach Schwachsinn", sagte Hoare dem "Guardian". "Wie oft wir abgehört haben, weiß ich nicht. Aber wenn schon ich als kleiner Reporter Zugang hatte...", sagte Hoare in einem Interview und beendete den Satz nicht.

Ein langjähriger Kollege verabschiedete sich nun auf sehr eigene Weise von Hoare. Bei Twitter nannte er den Toten einen Journalisten alter Schule. "Immer im Pub, aber immer mit einer Geschichte im Block."

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insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
mofateam 19.07.2011
1. Klarer Fall....
Zitat von sysopEr*brachte die Abhör-Affäre ins Rollen, nun wurde der ehemalige "News of the World"-Reporter Sean Hoare tot in seiner Wohnung gefunden. Lange war er Teil des Systems* - dann aber plagten den schwer Suchtkranken Gewissensbisse. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,775258,00.html
Klarer Fall von Selbstmord. Und wirkt auch nicht abschreckend für Whistleblower, die ähnliches vorhaben.
Stampler 19.07.2011
2. hm...
Zitat von sysopEr*brachte die Abhör-Affäre ins Rollen, nun wurde der ehemalige "News of the World"-Reporter Sean Hoare tot in seiner Wohnung gefunden. Lange war er Teil des Systems* - dann aber plagten den schwer Suchtkranken Gewissensbisse. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,775258,00.html
Also dass das ein "natürlicher" Tod war wage ich sehr zu bezweifeln...
_meinemeinung 19.07.2011
3. Wie passend
Ein Schelm, der denkt, dieser Klatschreporter hätte zufällig wegen schlechten Gewissens usw. Selbstmord begangen. Oder er wäre an seinem Suff usw. zum allergünstigsten Zeitpunkt gestorben. Da denkt tatsächlich jemand, alle Menschen wären blöd...
christoph. 19.07.2011
4. Seltsam und beunruhigend finde ich diesen ....
.. plötzlichen Tod eines potenziellen Kronzeugen für die Machenschaften im politisch-medialen Komplex Grossbritanniens, an dem Punkt, an dem die ganze Affäre aus dem Ruder läuft und "höchste" Kreise erreicht. Menschen so zu beseitigen, dass jeder an einen natürlichen Tod glaubt, dass ist vermutlich Standardrepertoire aller Geheimdienste.
barcadero 19.07.2011
5. o.T.
Ein Reporter tritt einen Skandal los, der den Polizeichef und dessen Stellvertreter den Job kostet. Bevor die Aufarbeitung des Skandals mit ihren Befragung richtig anfängt, stirbt der Reporter. Die Polizei geht nicht von einem gewaltsamen Tod aus. Würde ich auch nicht.
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