Tourismus im Visier: Dreifach-Anschlag erschüttert Mallorca

Aus Palma de Mallorca berichten Silke Droll und Frank Feldmeier

Explosionen mitten in der Touristenhochburg: Die Eta hat nach nur anderthalb Wochen erneut Anschläge auf Mallorca verübt. Drei Sprengsätze gingen in Palma hoch, einer am Abend an der Plaza Mayor. Die Terroristen wollen den Tourismus treffen - das Auswärtige Amt rät Urlaubern zur Vorsicht in Menschenmengen.

Palma de Mallorca - Drei Explosionen binnen weniger Stunden: Mallorca wurde an diesem Sonntag von Terrorakten der Eta erschüttert. Da die Separatistenorganisation zuvor telefonisch vor den Anschlägen warnte, kamen Menschen nicht zu Schaden. Die Polizei evakuierte Strände, Plätze und Hotels auf der Suche nach Sprengsätzen.

Das Restaurant "Rigoletta" gehört zu den etwas feineren Adressen an der Strandmeile Can Perre Antoni in Palma de Mallorca. An diesem Sonntag saßen die Gäste dort gerade entspannt beim Mittagessen, auf der Terrasse mit Blick auf den Strand von Portixol, als eine laute Explosion das Lokal erschütterte.

Eine weitere Bombe, die in einer Bar deponiert war, konnte die Polizei gezielt sprengen.

Ein dritter Sprengsatz detonierte am Abend in der Innenstadt von Palma in einem unterirdischen Einkaufszentrum unterhalb des Platzes Plaza Mayor. Die Polizei hatte das Gebiet zuvor abgeriegelt.

Nur zehn Tage nach einem verheerenden Anschlag im mallorquinischen Palmanova, bei dem zwei Menschen starben, setzt die Eta den Terror auf Mallorca fort.

"In meiner Küche zitterten die Wände"

"Die Gäste, ungefähr 40 Menschen, saßen noch draußen beim Essen, als es drinnen im Lokal einen lauten Knall gab", sagt Ricardo Chaleh. Er ist Koch in einem Lokal, das direkt neben dem "Rigoletta" liegt. Er widersprach damit den Angaben, das Lokal habe noch rechtzeitig geräumt werden können. "In meiner Küche zitterten die Wände, kurz darauf war überall ätzender Rauch."

Der deutsche Tourist Matthias Krug bestätigte diese Schilderung: "Ich saß im Restaurant, dessen Terrasse in die des "Rigoletta" übergeht. Es gab keine Warnung, wir wurden nicht evakuiert."

Verletzt wurde niemand - die Bombe hatte nur geringe Sprengkraft und befand sich in einem Rucksack, den die Terroristen in der Damentoilette versteckt hatten.

Wenig später wurde der nahe gelegene Strand geräumt. Um 16.02 Uhr war dort eine weitere laute Explosion des zweiten Sprengsatzes zu hören. Dabei soll es sich um die gezielte Bombensprengung in der "Enco Bar" durch die Polizei gehandelt haben.

Die Plaza Mayor im Zentrum von Palma hatte die Polizei vor der Detonation absperren können.

Auswärtiges Amt: Menschenansammlungen meiden

Das Auswärtige Amt riet mittlerweile Reisenden vor Ort, Menschenansammlungen zu meiden, die Anweisungen der örtlichen Sicherheitsbehörden zu befolgen und sich umsichtig zu verhalten.

Es müsse erneut mit Behinderungen durch Maßnahmen der spanischen Sicherheitsbehörden gerechnet werden, hieß es am Sonntagnachmittag auf der Homepage des Außenamts. Bei weiteren Fragen sollten sich Touristen an ihren Reiseveranstalter oder die Fluggesellschaft wenden.

Ein Ministeriumssprecher sagte, das Konsulat in Palma de Mallorca sei eingeschaltet und bemühe sich um Aufklärung darüber, ob deutsche Staatsangehörige betroffen seien.

Vor Ort ist die Stimmung gespalten: Manche Menschen sind so kurz nach den Explosionen noch deutlich vom Schrecken gezeichnet, andere liegen bereits wieder am Strand.

"Ein Glück, dass ich morgen wieder heimfahre"

"Ich habe einen Knall gehört", sagt die Putzfrau Maribel Calle, die sich zum Zeitpunkt der ersten Explosion im Außenbereich des "Rigoletta" arbeitete, SPIEGEL ONLINE. "Die Wände haben gezittert. Über dem Lokal wohnt eine Frau in einer Privatwohnung, die sagte mir, ihr Sofa sei regelrecht über den Boden geschoben worden."

Tourist Matthias Krug ist froh, dass sein Abreisetermin bevorsteht: "Ich habe jetzt tatsächlich ein mulmiges Gefühl. Ein Glück, dass ich morgen wieder heimfahre."

Die neuen Anschläge mitten in der Inselhauptstadt Palma zielen offensichtlich darauf, den Tourismus auf Mallorca zu schädigen.

Erst vor zehn Tagen waren bei einem Autobombenanschlag auf eine Kaserne der Guardia Civil in der Urlauberhochburg Palmanova zwei Polizisten getötet worden.

Geschäftsleute in Palma zeigen sich besorgt. "Das ist ein empfindlicher Schlag für den Tourismus hier", sagte Restaurantbesitzer Jorge Deltramino, dessen Lokal "La Caballeriza" ebenfalls an der Can Perre Antoni liegt. "Mallorca lebt von dem Image, eine friedvolle Insel zu sein, wo man Ruhe findet und Spaß hat. Niemand hätte nach den Anschlägen von neulich damit gerechnet, dass sowas nochmal passiert."

"Spaniens Politik beantworten wir mit Waffengewalt"

Zu diesem Anschlag bekannte sich die Eta am Sonntag wenige Stunden vor der neuerlichen Bombenexplosion einem Schreiben an die baskische Zeitung "Gara". Sie drohte mit weiteren Terroranschlägen: "Spaniens Politik der gewaltsamen Unterdrückung beantworten wir mit Waffengewalt."

Die Eta kämpft im Norden Spaniens und im Südwesten Frankreichs seit Jahrzehnten für einen unabhängigen Baskenstaat. Dabei sind insgesamt mehr als 800 Menschen getötet worden. In der Bevölkerung verlieren die Extremisten zunehmend an Rückhalt.

Experten zufolge versucht die Eta zu beweisen, dass sie trotz der Festnahme zahlreicher Führungskader in den vergangenen Monaten immer noch schlagkräftig ist. Im April war der Militärchef der Separatisten, Jurdan Martitegi, festgenommen worden. Im Juni und Juli wurden in einem Zeitraum von drei Wochen 18 weitere mutmaßliche Mitglieder gefasst.

Mallorca
DDP
Der Name Mallorca geht auf die lateinische Bezeichnung "insula maior" (die größere Insel) zurück und bezieht sich auf den Vergleich mit der Nachbarinsel Menorca.
Mallorca ist die größte Ferieninsel der spanischen Balearen. Das beliebte Reiseziel im Mittelmeer erstreckt sich über rund 3600 Quadratkilometer und ist damit etwa viermal so groß wie die Ostseeinsel Rügen. Verwaltungszentrum, wichtigste Hafenstadt sowie Hauptstadt der autonomen Region Balearen ist Palma de Mallorca.
Mallorca hat rund 750.000 Einwohner. Etwa 15 Prozent davon sind Ausländer, darunter viele Deutsche. Neben dem Tourismus ist die Landwirtschaft ein wichtiger Wirtschaftszweig.
Bundesbürger machen den Löwenanteil der Touristen aus. Jährlich kommen rund 3,5 Millionen Deutsche auf die Insel.
Neben Ballermann-Fans und Golf-Urlaubern zieht es vor allem Naturfreunde auf die Insel. Das türkisblaue Meer und das mediterrane Klima sind besonders bei Strandurlaubern beliebt. Wanderfreunde und Radfahrer genießen im Norden die Natur und das Farbenspiel von Mandelblüten, Orangenbäumen und Olivenhainen.

mit Material von Reuters/AFP/dpa

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Forum - Eta-Terror - was ist die richtige Strategie?
insgesamt 229 Beiträge
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    Seite 1    
1. Niedergang
Tanja Krienen 31.07.2009
Vom Jahr 1969 an, bis zum Jahr 2006, als ich Spanien für immer verließ, konnte ich den Niedergang des Landes in unzähligen Facetten feststellen. Spanien ist die Nation, die den größten Abstieg erlebt, und, wer das Land kennt, wird es nicht mal als tragisch empfinden, sondern als wohlverdient.
2. !
Beutz 31.07.2009
Zitat von sysopSeit Jahrzehnten bombt die Eta, der spanische Staat wird ihr weder durch Gespräche noch durch Polizeiaktionen wirklich Herr - was ist die richtige Strategie, um den Terror zu beenden?
Erst schiessen. Nicht fragen. Liebe Grüße.
3.
Rainer Eichberg 31.07.2009
Zitat von sysopSeit Jahrzehnten bombt die Eta, der spanische Staat wird ihr weder durch Gespräche noch durch Polizeiaktionen wirklich Herr - was ist die richtige Strategie, um den Terror zu beenden?
Repression - was sonst? In einem großen Europa ist kein Platz für dümmliche Kleinstaaterei, wie es sich manche Spinner im Baskenland, Korsika oder Nordirland vorstellen.
4.
Betonia, 31.07.2009
Zitat von sysopSeit Jahrzehnten bombt die Eta, der spanische Staat wird ihr weder durch Gespräche noch durch Polizeiaktionen wirklich Herr - was ist die richtige Strategie, um den Terror zu beenden?
Tja, wenn man das wuesste... Den Terroristen nachgeben, ruft neue Terroristen hervor. Den Terroristen nicht nachgeben, ruft neue Anschläge hervor. Die Terroristen bekämpfen und hart bestrafen, ruft neue Terroristen und neue Anschläge hervor.
5.
heuss 31.07.2009
Möglicherweise ist ja der ETA - Terror derzeit gegen die Spanischen Tourismus - Interessen gerichtet. Mallorca ist das zentrale Urlaubsdomizil der Deutschen. War das Attentat aus diesem Grund genau dort? Die Deutschen sind beim Spanien - Tourismus die stärkste Gruppe, sind wir daher im Visier der ETA? Erklärt sich der mysteriöse Dienstwagenraub der Deutschen Bundesministerin Schmid möglicherweise als missglückte Entführung? Diese neuen ETA - Aktivitäten, die zur Zeit wohl anlässlich eines Jahrestags dieser Organisation ablaufen, sie haben sich zum Risiko für Spanien Urlauber entwickelt.
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