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Transsexuelle in der Türkei: Michelles Kampf

Von , Istanbul

Transsexuelle in der Türkei: Michelles Kampf Fotos
Hasnain Kazim

Vor 15 Jahren beschloss ein junger Journalist in der Türkei, fortan als Frau zu leben. Seither erlebt Michelle Demishevich Diskriminierung und Gewalt. Und führt einen Kampf für eine offenere Gesellschaft in der Türkei.

Er war 20 Jahre alt, die Wehrpflicht stand an, er wollte verweigern, das war klar. "Als ich ihnen sagte, dass ich Männer liebe, wollten sie von mir einen Beweis", sagt Demishevich. "Ich fragte: Wie beweist man, dass man schwul ist? Aber sie antworteten nicht, sondern grinsten nur."

Also rief er kurzerhand ein paar Freunde zusammen, und sie drehten gemeinsam einen Sexfilm.

"Den reichte ich beim Militär ein."

Sie lacht.

"Sie haben mich tatsächlich freigestellt."

Anders als in vielen islamischen Staaten ist Homosexualität in der Türkei nicht strafbar, wird aber von weiten Teilen der Gesellschaft abgelehnt. Eine Ministerin erklärte 2010, es handele sich bei Homosexualität um eine "biologische Fehlfunktion", die man behandeln müsse. Beim Militär ist das die offizielle Haltung: Homosexualität gilt als Krankheit und rechtfertigt den Ausschluss vom Wehrdienst.

"Bist du eigentlich ein Mann oder eine Frau?"

Die staatliche Diskriminierung ermöglichte dem jungen Mann die Befreiung von der Wehrpflicht, danach begann sein Kampf für ein freies Leben. Oder besser: ihr Kampf. Am 1. Juli 1999 gab er sich den Vornamen Michelle, Michelle Demishevich. An jenem Donnerstag, sagt Michelle, wurde sie in Istanbul neu geboren. Der Mann, der sie vorher war, hörte auf zu existieren. Nicht einmal den Namen will Demishevich heute erwähnt wissen.

Zu schmerzhaft war die Zeit vor ihrer Wandlung. "Einmal fragte mich ein Vorgesetzter: 'Sag mal, bist du eigentlich ein Mann oder eine Frau?', weil ich so feminin wirkte." Kurz darauf verlor er seinen Job. "Da fing ich erstmals an, mir einzugestehen, dass meine Seele die einer Frau ist."

Heute ist Michelle berühmt, sie ist Fernsehjournalistin und in der Türkei ein bekanntes Gesicht.

Es war eine schwierige, eine mutige Entscheidung in einer Gesellschaft, in der es wenig Verständnis gibt für alles Fremde und Andersartige. "Man muss Türke, männlich, Sunnit und heterosexuell sein, dann ist man akzeptiert. Alles andere ist problematisch", sagt Demishevich. Schon als Frau habe man Schwierigkeiten. Kurde, Armenier, Schiit, Christ, schwul oder lesbisch - "alles ein Problem in der Türkei", sagt sie.

"Hauptsache, Liebe!"

Homosexualität gilt geradezu als Schande, außer auf der Bühne, wo schon vor Jahrzehnten selbst konservative Türken für die transsexuelle Diva Bülent Ersoy schwärmten oder für den Sänger Zeki Müren, der gelegentlich mit Highheels und Perücke auftrat.

Demishevich hat Glück, dass ihre Eltern sie immer so akzeptiert haben, wie sie ist. "Mein Vater hat zu mir gestanden, als ich ein schwuler Mann war. Und auch jetzt stehen sie zu mir." Die meisten Transsexuellen werden von ihren Familien verstoßen, auch Schwule und Lesben haben es schwer. Viele erinnern sich an Ahmet Yildiz, der nach seinem Coming-out im Sommer 2008 in Istanbul auf offener Straße von seinem Vater erschossen wurde.

Bei Demishevich liegt die Buntheit in der Familie: Ihre Mutter hat griechische Wurzeln und ist muslimisch, ihr Vater stammt aus Mazedonien und ist Christ. Sie selbst kam in der Türkei zur Welt und wuchs in Istanbul auf. "Ich bin nicht religiös", sagt Demishevich. "Hauptsache, Liebe!", ergänzt sie und lacht wieder.

In Istanbul hat es die sogenannte LSBT-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) einfacher als in den ländlichen Gebieten der Türkei. Unter Recep Tayyip Erdogan, bis zum Sommer Premierminister und seit August Staatspräsident, ist das Land einerseits konservativer geworden. Es hat sich auf islamische Werte besonnen, Alkohol wurde teurer, Tausende Moscheen wurden gebaut. Erdogan selbst plädierte dafür, dass Studentinnen und Studenten in getrennten Wohnheimen leben und türkische Frauen mindestens drei Kinder gebären sollten.

Für die LSBT ist bei solch traditionellen Geschlechterbildern wenig Raum. Nach Angaben der türkischen Organisation Lambda verschweigen etwa 90 Prozent aller Homosexuellen ihre sexuelle Identität. Mehr als die Hälfte täuscht vor, in einer heterosexuellen Partnerschaft zu leben.

Andererseits hat sich in den vergangenen Jahren manches zum Besseren entwickelt. In Metropolen wie Istanbul, Ankara und Izmir haben Cafés, Bars und Diskotheken für Homosexuelle eröffnet, und die Zahl der Teilnehmer an der Gay Pride in Istanbul ist von 30 im Jahr 2003 auf mehr als 100.000 in diesem Jahr gestiegen.

Michelles Kündigung

"Einfach ist es trotzdem nicht", sagt Demishevich. Im Gegensatz zu vielen Schwulen, die sich verstecken können, ist Transsexualität sichtbar.

Was genau erleben Sie, Frau Demishevich?

"Neulich war ich bei Starbucks. Als ich dran war, fragte mich der Typ, der die Namen auf die Pappbecher schreibt: 'Ist Michelle eigentlich ein Frauen- oder ein Männername? Mischaaal? Mischell? Wie spricht man das aus?' Und dann grinste er dämlich." Vor ihm stand Demishevich, elegantes Kostüm, dunkle Strumpfhose, lange, blonde Haare, geschminkt. Sie beschwerte sich beim Manager, immerhin bat der um Entschuldigung.

Demishevich sagt, so etwas passiere ständig. Man wird ausgegrenzt, beleidigt, belästigt. "Ich musste erst einmal lernen, dass ich weder krank noch ein schlechter Mensch bin." Die Türkei verlassen will sie trotzdem nicht. "Ich will bleiben und für eine offenere, liberalere Gesellschaft kämpfen. Gegen das jetzige System."

Viele Menschen sehen in ihr, der mutigen, selbstbewussten Transsexuellen, ein Vorbild.

Vor ein paar Wochen hat ihr Sender, IMC TV, sie entlassen. Demishevich sagt, sie sei schlechter bezahlt worden als ihre Kollegen. Auch eine Krankenversicherung habe man ihr verweigert. Schließlich hätten ihre Chefs ihren Kleidungsstil bemängelt und ihr vorgehalten, sie sei keine richtige Journalistin.

Jetzt arbeitet sie freiberuflich für die Internetzeitung T24, für die auch Journalisten schreiben, die von ihren Redaktionen entlassen wurden, weil sie regierungskritisch berichtet haben.

Aber es gibt viel schlimmere Geschichten als die von Demishevich. In den vergangenen Jahren wurden in der Türkei Dutzende transsexuelle Frauen umgebracht, mehrere davon in Istanbul. "Kein einziger Täter wurde zur Rechenschaft gezogen", sagt Demishevich. "Die Polizisten sagen sich: 'Ist ja nur eine Transsexuelle.'"

Wie viele Transsexuelle es in der Türkei gibt, weiß niemand. In Istanbul leben schätzungsweise 5000, die meisten davon arbeiten als Prostituierte. "Eine andere Arbeit bekommen sie ja kaum", sagt Demishevich.

Auch da hatte sie selbst großes Glück.

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Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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1.
deus-Lo-vult 09.12.2014
Na, unter Erdogan ist das wohl ziemlich aussichtslos.
2. Teilweise richtig
bildungistgut 09.12.2014
Ihr Bericht enthält teilweise wahre Inhalte. Ich beobachte seit längerer Zeit ihre Berichterstattung u. Spon gehörte für mich zu den seriösesten Medien, aber mittlerweille ist das Niveau abgestürzt. Es vergeht kein Tag an dem kein Türkei bashing betrieben wird. Fragen sie mal in Rußland, China, USA, Indien, Afrika oder Südamerika nach wie Transsexuells behandelt werden u. Sie werden merken, dass man den Bericht kopieren kann!
3. Esc
jjcamera 09.12.2014
Michelle sollte sich einen Bart wachsen lassen und am Eurosong-Contest teilnehmen. Da landete die Türkei bisher immer auf den letzten Plätzen.
4. :)
lyrasaturn 09.12.2014
Toll eine mutige und starke Frau ! Weiter so !
5.
zerr-spiegel 09.12.2014
Zitat von bildungistgutIhr Bericht enthält teilweise wahre Inhalte. Ich beobachte seit längerer Zeit ihre Berichterstattung u. Spon gehörte für mich zu den seriösesten Medien, aber mittlerweille ist das Niveau abgestürzt. Es vergeht kein Tag an dem kein Türkei bashing betrieben wird. Fragen sie mal in Rußland, China, USA, Indien, Afrika oder Südamerika nach wie Transsexuells behandelt werden u. Sie werden merken, dass man den Bericht kopieren kann!
Die Türkei möchte aber Mitglied in der EU werden, die anderen Staaten nicht.
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