Von Marc Pitzke, New York
Ihr strahlendes Lächeln ziert die Einladung: Haare in der Stirn, Augen geschlossen, wie in glücklicher Trance - ein Foto aus besseren Tagen. "In tiefster Dankbarkeit", steht darunter, "bittet die Familie Houston um die Ehre Ihrer Anwesenheit beim Home-Going-Gottesdienst für Whitney Elizabeth Houston".
Keine Beisetzung. Keine Trauerfeier. Home Going, Heimreise: Sie kehrt zurück an den Ort, wo alles begann, wo sie Gospels sang als Kind, wo sie glücklich war - und wo auch jetzt wieder Gospels erschallen, als letztes Geleit auf dem Weg in die "wahre Heimat", wie vor allem viele schwarze Gemeinden das Jenseits nennen.
Die New Hope Baptist Church in Newark, eine Backsteinkirche in einem überwiegend afro-amerikanischen Viertel westlich von New York City, war Whitney Houstons musikalische und spirituelle Heimat - auch wenn sie sich zuletzt viel zu weit davon entfernt hatte. Hier war ihre Stimme erstmals zu hören: Eine Videoaufnahme von 1973 zeigt sie als zehnjährige Solistin des berühmten Kirchenchors, dessen Direktorin ihre Mutter Cissy war. Alle trugen weiße Roben. Houston reichte kaum ans Mikrofon.
Vier Jahrzehnte später trägt der Chor wieder weiße Roben. Davor ruht Whitney Houston in einem funkelnden Sarg, unter Kaskaden aus Rosen und Lilien. Houstons Mutter Cissy kauert in der ersten Reihe, ganz in Schwarz: Sein Kind zu begraben - der Alptraum jeder Mutter.
Trauern und Feiern: Die Gefühle verschmelzen, wie üblich in einer Baptistenkirche. "Euer Herz erschrecke nicht!", zitiert Pastor Joe Carter aus dem Johannesevangelium - und ruft: "Wenn ihr Gott liebt, klatscht für ihn! Wenn ihr Jesus liebt, klatscht für ihn!" Da springen alle auf.
Anders als Michael Jacksons Memorial, jenes pompös-kitschige Megaspektakel von 2009, ist die Trauerfeier für Whitney Houston eine intime, gefühlsgetränkte und unerwartet bewegende Gospelmesse - obwohl sie live auf allen TV-Kanälen übertragen wird: Ein Revival voller Gesänge und Gebete, Tränen und Lachen, trauriger und fröhlicher Geschichten.
Persönliche Erinnerungen an die Ikone und den Menschen Houston
"Ihr habt sie mit der Welt geteilt", sagt der TV-Evangelist T.D. Jakes den Hinterbliebenen am Anfang. "Dafür wollen wir euch jetzt danken."
Seit dem Morgen strömen die 1500 Ehrengäste in die Kirche, durch ein Spalier aus Luftballons, das die Fans hinterlassen haben seit Houstons frühem Tod vor einer Woche. Die Polizei hat das Gelände weiträumig abgesperrt. Schaulustige und Reporter müssen am fernen Ende der Straße ausharren, hinter Barrikaden.
Sowie zahllose andere, die Houstons Weg gekreuzt haben: Musikmogul und Houston-Mentor Clive Davis, Bürgerrechtler Jesse Jackson, Talk-Queen Oprah Winfrey, ABC-Anchorfrau Diane Sawyer. Die hatte Houston 2002 in einem Interview gefragt, wo sie sich denn in zehn Jahren sehe: "Im Ruhestand."
Doch erst jetzt, im Tod, vereinen sich die beiden Pole ihrer Person, die sie selbst nie vereinen konnte. Hier die Ikone, der Star mit dieser Stimme, die einen zum Weinen brachte. Da der Mensch, dessen Pein und Sucht ihr erst diese Stimme raubte und zuletzt das Leben.
Es war ein Leben voller Widersprüche, dessen Abgründe und vor allem Ende gerade endlos durch die Schlagzeilen gezerrt werden, bar jeder Pietät. Nun aber treten die Redner an die Kanzel, einer nach dem anderen, um ganz andere, persönliche Erinnerungen zu teilen - in Wort, in Gesang und jenseits der Schlagzeilen.
"Keine Sorge, du bist gut genug"
Jeder offenbart eine andere Facette Houstons. R&B-Altstar Dionne Warwick, Houstons Cousine, nennt sie "Nippy", ihr Kosename aus der Kindheit. Entertainment-Mogul Tyler Perry, in dessen Privatjet ihr Leichnam von Los Angeles überführt wurde, beschwört "ihre Anmut". Gospelsänger Bebe Winans, einer ihrer ältesten Freunde, vermisst "die verrückte Whitney" und erzählt, wie sie einmal seine komplette Tournee mit Kostümen ausstattete: "Ihr seid pleite - ich bin reich."
Clive Davis berichtet, wie er Houston 1983 in einem New Yorker Nightclub entdeckte ("Auf so eine Stimme wartet man sein Leben lang"), und erinnert sich an ihre letzte Begegnung, zwei Tage vor ihrem Tod im Beverly Hilton, dem Hotel, wo sie starb. Sie sei optimistisch gewesen im Bezug auf ihr Comeback: "Clive", habe sie gesagt, "bis August bin ich soweit."
Alicia Keys, die für Houston zuletzt "Million Dollar Bill" schrieb, setzt sich ans Klavier und singt "Send Me An Angel". Stevie Wonder trägt sein Liebeslied "Ribbon In The Sky" vor, extra umgeschrieben. R. Kelly folgt mit "I Look To You", seiner Ballade von Houstons letztem Album. Mehrmals muss er weinend abbrechen.
Eine der bewegendsten Ansprachen hält Kevin Costner, Houstons Co-Star in "The Bodyguard". Stockend erinnert er sich an die Entstehung des Films 1992, dessen Soundtrack Houstons Top-Album wurde. Dass ihr Welthit "I Will Always Love You" fast nicht dabei gewesen wäre. Dass Warner Brothers ihr wegen ihrer Hautfarbe so skeptisch gegenüber gestanden habe, sie habe vorsingen müssen. Dass sie nervös und unsicher gewesen sei und sich Video-Makeup ins Gesicht geschmiert habe, das unter der Hitze der Studiolampen geschmolzen sei.
"Bin ich gut genug?", habe sie gefragt. "Bin ich hübsch genug?" Jetzt, sagt Costner, singe sie für Gott: "Keine Sorge, du bist gut genug."
Doch die harsche Realität hängt trotzdem unverkennbar über allem - die letzten Jahre Houstons, der Verlust ihrer Stimme und ihres Glanzes, die düsteren Umstände ihres Todes.
Eklat in der ersten Reihe
Pat Houston, die Schwägerin und Managerin der Verstorbenen, erklärt sich "traurig", "wütend", "fassungslos" und erkennt Houstons Zwiespalt an: "Sie hatte ein verzaubertes und wunderschönes Leben - ein Leben, das manchmal missverstanden wurde, selbst von ihr." An Houstons Mutter Cissy gerichtet, sagt sie dann: "Ja, du hast alles getan, was du tun konntest. Aber es war alles ihre Entscheidung."
Houstons Leben war selbstgewähltes Drama, und ihr Tod steht dem nicht nach. Als ihr Ex-Mann, der R&B-Sänger Bobby Brown, mit dem sie jahrelange Drogenexzesse verbanden, mit großer Entourage anrauscht, kommt es zum Eklat. Brown besteht darauf, mit neun Begleitern in der ersten Reihe Platz zu finden. Als ihm das versagt wird, stürmt er empört hinaus - trotz Intervention von Jesse Jackson.
Und so bekommt der Mann, den viele für Houstons Absturz mitverantwortlich machen, nichts mit von dem dramatischen Ende der Feier. Es wird still in der Kirche, und dann, geradezu schockierend, schallt Houstons eigene Stimme aus den Lautsprechern, a capella: "If I should stay, I would only be in your way. So I'll go, but I know I'll think of you every step of the way." Es sind die ersten Verse ihres Megahits "I Will Always Love You."
Acht Sargträger schultern den silbernen Sarg und schreiten durch den Mittelgang, gefolgt von Cissy Houston, auf zwei Freundinnen gestützt, und dem Rest der Familie. Houstons Gesang gibt ihrem Leichnam das letzte Geleit. Es ist die einzige Stimme, die ihr gerecht wird.
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