Trauerfeier: Opferfamilien aus Winnenden verlangen Killerspiel-Verbot

Winnenden trägt Trauer: An diesem Samstag gedenkt der Ort der Opfer des Amoklaufs, Tausende Teilnehmer werden erwartet. Die betroffenen Familien wenden sich in einem offenen Brief an Bundespräsident Köhler und Kanzlerin Merkel - und fordern Konsequenzen aus der Bluttat mit insgesamt 16 Toten.

Winnenden - Es ist eine deutliche Botschaft der Hinterbliebenen an die Politik: "Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden", schreiben sechs Familien in einem von der "Winnender Zeitung" am Samstag veröffentlichten Brief. In dem Schreiben wenden sich die Betroffenen an Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU).

Auch müsse der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt und der Jugendschutz im Internet verstärkt werden, heißt es weiter. "In unserem Schmerz und in unserer Wut wollen wir nicht untätig bleiben", schreiben sie, und "wir wollen wissen, an welchen Stellen unsere ethisch-moralischen und gesetzlichen Sicherungen versagt haben."

Die derzeitige gesetzliche Regelung ermögliche die Ausbildung an einer großkalibrigen Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr. Eine Heraufsetzung der Altersgrenze auf 21 Jahre sei unerlässlich, fordern die Hinterbliebenen. "Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob der Schießsport nicht gänzlich auf großkalibrige Waffen verzichten kann." Der Gesetzgeber müsse Verstöße gegen das geltende Waffenrecht deutlicher und stärker ahnden.

"Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann." Die Opferfamilien sprachen sich auch für weniger Gewalt im Fernsehen aus. Das Fernsehen setze heute die ethischen und moralischen Standards. "Wenn wir es zulassen, dass unseren Mitbürgern weiterhin täglich Mord und Totschlag serviert werden, ist abzusehen, dass die Realität langsam, aber stetig dem Medienvorbild folgen wird." Die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche fernsehen, sollten generell gewaltfrei sein, hieß es weiter.

Kritik an den Medien

Auch an der Berichterstattung über die Tat übten die Familien Kritik: "Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden." Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeige sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch Medien nicht dazu geeignet sei, zukünftige Gewalttaten zu verhindern.

"Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge", hieß es in den Schreiben. Die Unterzeichner forderten, dass bei Gewaltexzessen wie in Winnenden die Medien dazu verpflichtet werden müssen, den Täter zu anonymisieren. "Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten."

Der 17-jährige Tim Kretschmer hatte bei seinem Amoklauf am 11. März 15 Menschen erschossen und sich anschließend selbst getötet. Die meisten Opfer waren Schüler und Lehrerinnen der Albertville-Realschule in Winnenden. Die Stadt erwartete am Samstag mehrere zehntausend Besucher zu der zentralen Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs. An der Feier in der Borromäus-Kirche nehmen unter anderem auch Köhler, Merkel und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) teil.

suc/AFP/AP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Amoklauf von Winnenden
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Trauerfeier in Winnenden: Eine Stadt gedenkt ihrer Toten