Trennungsausstellung Bis diese Messe euch scheidet

Privatdetektive, Seelsorger, Anwälte: Auf der weltweit ersten Scheidungsmesse in Wien suchten Trennungsexperten ihre Kunden - und fanden sie. Mehr als 1000 Singles in spe folgten den Lockrufen der Liebestöter und brachten mitunter sogar ihre Partner mit.

Von Alexandra Sillgitt, Wien


Wien - Karin Lierske* hat keine Arbeit, keine Wohnung. Sie lebt bei der Caritas. Vor vier Jahren ließ sie sich scheiden. Nach 15 Jahren Ehe. Sie und ihr Mann waren gerade umgezogen, hatten den zweiten Sohn bekommen. Eine Phase der Umstellung, die ihre Beziehung nicht verkraftete. Aus Frust habe der Mann eines Tages zugeschlagen - und sich das niemals verzeihen können.

Bei der Scheidung wurden die Kinder getrennt. Der ältere Sohn, heute 9, blieb beim Vater. Der jüngere, heute 4, damals noch ein Baby, bei der Mutter. Die ganze Familie habe unter der Situation gelitten, sagte Lierske. "Ich wusste, dass es so nicht weitergeht."

Heute leben beide Kinder beim Vater. Lierske hofft, ihr Leben neu ordnen zu können, will eine Wohnung, mit Betten für die Söhne. "Kinder unter 14 Jahren sollten bei der Mutter leben", liest sie aus der Messe-Broschüre vor und lacht auf. Jedes zweite Wochenende im Monat besucht sie die beiden. Manchmal erlaubt der Vater einen spontanen Besuch, manchmal nicht. "Er sagt, ich bringe die Tagesordnung durcheinander. Am Anfang war es schwer", sagt Lierske. Mittlerweile habe sie sich aber daran gewöhnt, "so schlimm das auch klingen mag".

Auf der weltweit ersten Scheidungsmesse, die am Wochenende in Wien stattfand, informiert sich die arbeitslose 39-Jährige über ihre Ansprüche. Ihr Mann verweigert ihr Unterhalt – sie blättert in ihrer Broschüre und tippt auf einen Absatz, der ihren Anspruch bestätigt.

Auf der Messe hat sie auch den Anmeldebogen zum Speed-Dating ausgefüllt; eine zweite Ehe kann sie sich gut vorstellen, sagt sie. "Ich möchte doch nicht alleine alt werden."

Pärchen auf der Scheidungsmesse

"Bis der Tod euch scheidet" - immer häufiger ist es nicht der letzte Atemzug, der zwei Eheleute voneinander trennt, sondern das Ende der Liebe. Jede zweite Ehe in Deutschland geht mittlerweile in die Brüche. "Warum also keine Scheidungsmesse?", sagt Organisator Anton Barz.

20 Aussteller sind da, vom Privatdetektiv über DNS-Labor bis hin zu Partnervermittlung und Organisatoren von Scheidungsfeiern. Sie informieren an zwei Tagen Geschiedene, Getrennte oder Ehegatten in spe im luxuriösen Ambiente des Wiener Marriott-Hotels. Dicht an dicht stehen die kleinen Tische der Aussteller. Das Publikum ist bunt gemischt, Junge und Alte. Auch Pärchen schlendern Hand in Hand an den Ständen vorbei, und während viele Frauen mit weiblicher Verstärkung aufschlagen, mit bester Freundin oder Tochter, schleichen die meisten Männer alleine durch die beiden Ausstellungsräume.

Heirat und Scheidung in Deutschland

Jahr Scheidung Heirat
1990 154.786 516.388
1991 136.317 454.291
1992 135.010 453.428
1993 156.425 442.605
1994 166.052 440.244
1995 169.425 430.534
1996 175.550 427.297
1997 187.802 422.776
1998 192.416 417.420
1999 190.590 430.674
2000 194.408 418.550
2001 197.498 389.591
2002 204.214 391.963
2003 213.975 382.911
2004 213.691 395.992
2005 201.693 388.451

Quelle: Statistisches Bundesamt 2007

"Neustart" heißt die ganze Veranstaltung, es geht nicht nur um Tränen und Trauer. "Ich hoffe, die Messe rettet die eine oder andere Ehe", sagt Barz.

Der Wiener, selbst seit vier Jahren verheiratet, kommt ursprünglich aus der konkurrierenden Branche. Bisher organisierte er Hochzeitsmessen, wies den Weg zum Standesbeamten - jetzt den Weg zum Scheidungsrichter.

Zum Beispiel den Kollers*. Die Eheleute sind auf den ersten Blick ein attraktives Paar, tauschen wissende Blicke aus, wirken vertraut und harmonisch. Seit 32 Jahren sind sie verheiratet. Doch sie will jetzt die Scheidung. "Seit 18 Jahren quäle ich mich nur noch durch", sagt Erika Koller, "wegen der Kinder und der Kosten." Nun ist sie der Vernachlässigung und Verletzungen überdrüssig. "Ich werde die Scheidung in den kommenden Monaten durchziehen." Ihre Kinder, beide erwachsen, "wollen auch, dass die Mama endlich glücklich wird", sagt Koller. Den Mann habe sie auf die Messe mitgeschleppt: "Jetzt weiß er wenigstens, dass ich es ernst meine." Allerdings befürchtet die 56-Jährige, dass der Gatte nun über manches zu gut Bescheid weiß, zum Beispiel über Vermögensaufteilung. Was, fragt sie sich, wenn sie dadurch einen strategischen Vorteil verspielt hat?

Anwälte sind auf der Scheidungsmesse heiß begehrt. Während die Aussteller bei Scheidungsparty und Speed-Dating gelangweilt dreinblicken, bildet sich vor dem Tisch der Kanzlei "HHL" eine lange Schlange. Der Andrang ist so groß, dass Anwältin Ursula Hubacek Samstagnachmittag zum Telefon greift und ihre Kollegen für den Sonntag zur Verstärkung ruft. Auch Anwalt Martin Weiser muss sein Angebot ausbauen. Eigentlich sollte er nur zwei Vorträge halten, doch der Andrang ist so groß und der Raum - ausgelegt für 35 Personen - so klein, dass er nun zusätzlich zwei Referate zum österreichischen Scheidungsrecht hält. Der Großteil seiner Zuhörer: Frauen.

65 Prozent der Scheidungen gehen von Frauen aus. Mangelnde Kommunikation, fehlende Sensibilität und Lieblosigkeit sind die häufigsten Scheidungsgründe, sagen die Experten. "Ein Seitensprung beendet heutzutage kaum eine Ehe mehr", sagt Mediator Wolfgang Mayrl. Die Scheidung war früher ein Stigma, heute ist sie laut Weiser ein natürlicher Produkt der Konsumgesellschaft und weiblicher Emanzipation: "Frauen sind selbständiger und nicht mehr von einer Ehe abhängig."

Auf der Suche nach Antworten

Nach dem halbstündigen Vortrag bildet sich auch vor Anwalt Weiser eine lange Schlange. Messebesucher klagen dem anwaltlichen Seelsorger ihr Leid, geben Nöte ihres Lebens preis, in unmittelbarer Hörweite zum Hintermann. Nur wenige bitten den Anwalt, sich ein wenig von der Menschentraube zu entfernen, nur wenige sind auf Diskretion bedacht. Sie wollen nur Antworten. Alles andere scheint ihnen egal.

Auf der Scheidungsmesse wimmelt es von Getriebenen, getrieben von Neugierde oder Verzweiflung. Einer davon ist Gregor Welz*. Er steht in der Schlange vor Weiser, wippt ungeduldig auf den Fersen, beobachtet den Anwalt, den er zu seinem Retter auserkoren hat, von dem er sich Antworten erhofft. Dann ist er an der Reihe und schildert seine Situation: zweimal verheiratet, zweimal geschieden, zwei Kinder, zweimal Unterhalt, 23.000 Euro pro Jahr. Er glaubt, seine zweite Ex-Frau lebe mit einem Mann zusammen. Wäre das der Fall, müsste Welz nach österreichischem Recht keinen Unterhalt mehr zahlen. "Was soll ich tun?", fragt er verzweifelt, beinah flehend. Weiser spricht leise und sanft, erklärt ihm eindringlich, dass er rechtsgültige Beweise brauche. Solche, wie sie ihm nur ein Privatdetektiv beschaffen könnte. Einen privaten Schnappschuss dürfe der Richter nicht berücksichtigen.

Kein Geld für Kinkerlitzchen

Welz sucht auf der Messe sofort einen Fachmann für solche Angelegenheiten auf, den Detektiv Christoph Jäger. Er sagt: "Ein solcher Auftrag kostet in der Regel zwischen 5000 und 10.000 Euro." Das hänge von der Dauer der Ermittlungen ab.

Jägers Kunden sind zu 40 Prozent Menschen, die wegen einer Scheidung seine Hilfe suchen. Er spürt untreue Ehepartner auf, durchleuchtet ihre Leben, sucht dunkle Flecken. "Es ist ein wachsender Markt", sagt Jäger. Das zeige auch die Messe.

Barz zufolge sind rund 1000 Menschen zu der Veranstaltung gekommen. Gewinn habe er keinen gemacht, doch in Zukunft hofft er auf mehr Aussteller und mehr Besucher - zum Beispiel auf der nächsten Scheidungsmesse in Linz am 17. und 18. November.

"Es ist ein wachsender Markt", sagt Barz. Für das kommende Frühjahr plane er Messen in München und Berlin.

Nicht jeder Besucher ist allerdings glücklich mit den extravaganteren Ideen, die auf der Messe präsentiert werden. "Scheidungsparty? Machen wahrscheinlich nur Leute, die sich das nach dem Termin beim Richter noch leisten können", sagt Welz. Geknickt macht er sich auf den Heimweg. "Für solche Kinkerlitzchen habe ich jedenfalls kein Geld übrig."

* Name geändert



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