Interview mit Partnerschaftstesterin "Liebe gibt es, ewige Treue nicht"

Seitensprünge sind ihr Geschäft: Therese Kersten ist Treuetesterin, sie stellt potenzielle Fremdgeher auf die Probe. Wie macht sie das - und was sind verdächtige Anzeichen für eine Affäre?

Lukas Beck

Ein Interview von Viktoria Degner


Therese Kersten, 27, hat vor acht Jahren die Agentur "Die Treuetester" gegründet. Die Österreicherin betreibt zudem das Portal "Loyal Match" und bloggt auf ihrer Website "Die Liebesfiebel" unter anderem über die Themen Beziehung, Sex und Schwangerschaft.


SPIEGEL ONLINE: Frau Kersten, warum gehen Menschen fremd?

Therese Kersten: Dafür braucht es keinen Grund. Einige trinken zu viel Alkohol, und dann passiert es eben. Andere suchen nach Anerkennung und wollen ihr Selbstwertgefühl steigern. Manche Menschen gehen aus Rache fremd. Ich glaube, dass die meisten Menschen mit sich selbst nicht im Reinen, unglücklich und unzufrieden sind, wenn sie ihren Partner betrügen. Also suchen sie das Glück woanders, obwohl sie dafür eigentlich selbst verantwortlich sind.

SPIEGEL ONLINE: Seit acht Jahren betreiben Sie Ihre Agentur und bieten Ihren Kunden verschiedene Möglichkeiten an, die Treue des Partners zu überprüfen. Sie checken, ob sich der mutmaßlich Untreue auf Seitensprungportalen tummelt, schicken eine verlockende SMS oder baggern ihn bei einem persönlichen Treffen an.

Kersten: Unsere Kunden kontaktieren uns per E-Mail oder rufen uns an. Wenn sie sich für eine Testform entschieden haben, besprechen wir den Ablauf. Ich frage, welcher Typ Frau oder Mann den Test durchführen und in welcher Stadt er stattfinden soll. Außerdem muss ich wissen, was die Kunden über ihre Partner herausfinden wollen. Geht es darum, ob er oder sie bereitwillig die Handynummer zum Flirt austauscht, wird der Tester genau dies versuchen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Kersten: Ein Kunde überhäufte uns einmal mit einer Lawine von Paketen. Darin lagen vorwiegend Damenslips. Er war sich sicher, dass seine Frau ihn betrog, also machten wir einen Spermatest. Als der erste Test im Labor wiederholt werden musste, schickte er uns weitere Slips. Der Mann schlief zwischenzeitlich selbst mit seiner Frau und kam deshalb ebenfalls als Spurenleger infrage. In den Paketen lagen auch ein Rasierer seines Sohnes und ein Taschentuch seiner Tochter. Er beauftragte uns auch, einen Vaterschaftstest zu machen. Eines der Kinder war tatsächlich ein Kuckuckskind.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann?

Kersten: Ein Detektiv sollte seine Frau überwachen, weil der Peilsender an ihrem Wagen nicht überall funktionierte. Als aber weiterhin unklar war, ob und mit wem seine Frau ihn betrog, schlug ich vor, sie längere Zeit observieren zu lassen. Immerhin hatte er bereits Zigtausende Euros investiert, vor allem in die Laboranalysen. Das lehnte er ab. Zu teuer, schrieb er per SMS. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit gehen Ihre Tester bei ihren Einsätzen?

Kersten: Beim Kuss ist Schluss, sage ich immer. Unsere Kunden fragen das aber auch nicht explizit an. Letztlich wollen die ja nicht, dass der Partner mit jemand anderem Sex hat. Für viele beginnt die Untreue schon früher. Ihnen ist es einfach nur wichtig zu wissen, wie der Partner auf einen Flirt reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie ziehen sich die Tester aus so einer Situation zurück?

Kersten: Ich lasse meine Leute selbst entscheiden, wie sie aus der Nummer wieder rauskommen. Das hängt natürlich auch immer von den Umständen ab. Bislang hatten wir aber noch keine Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Wie weisen Sie die Untreue nach?

Kersten: Bei einem Test per SMS oder Chat wird natürlich alles aufgeschrieben. Das können wir problemlos als Screenshot weiterleiten. Nach einem persönlichen Treffen schicken die Tester mir eine Sprachnachricht und erzählen, was passiert ist. Meist direkt, damit noch alles frisch ist. Darüber schreibe ich dann einen Bericht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mehr als 350 Tester. Casten Sie Ihre Leute, bevor sie zum Einsatz kommen?

Kersten: Nein, das nicht. Wir nehmen zwar jeden in die Kartei auf, das heißt aber nicht, dass auch jeder zum Einsatz kommt. Bevor ich Testern einen Auftrag gebe, stelle ich sie erst einmal auf die Probe und prüfe, ob sie zuverlässig sind und flirten können.

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SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die Agentur gegründet?

Kersten: Ich hatte damals einen Partner, der mich betrogen hat. Also fing ich an, Sherlock Holmes zu spielen, um ihm auf die Schliche zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gemacht?

Kersten: Wenn mein früherer Partner geschlafen hat, dann habe ich sein Handy nach Nachrichten durchsucht, bin zum Auto und habe mir die letzten Ziele im Navi angesehen. Fast jeden Abend habe ich mich hochschwanger vor der Wohnung seiner "Ex" positioniert, um zu sehen, ob er dort aus der Garage fährt. Damals gab es noch keine Agentur, an die ich mich hätte wenden können. Irgendwann kam mir der Gedanke, dass es ja nicht nur mir so gehen kann und es viele Menschen geben muss, die sich fragen, ob der Partner treu ist. Ich wollte diesen Menschen helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erfolgreich sind Sie damit?

Kersten: Bei uns melden sich täglich mehrere Kunden, im Durchschnitt haben wir etwa 30 Aufträge pro Monat.

SPIEGEL ONLINE: Die Preise für die Treuetests variieren - von 34 bis 250 Euro. Können Sie von Ihrer Arbeit leben?

Kersten: Ja, hauptberuflich bin ich Treuetesterin. Damals war es schwierig, ein passendes Gewerbe anzumelden. Wer ist denn schon Treuetesterin?

SPIEGEL ONLINE: Wie vielen Menschen sind Sie bereits auf die Schliche gekommen?

Kersten: Wir haben keine Trefferquote. Jeder definiert Treue und Untreue anders. Da gibt es keine Standards.

SPIEGEL ONLINE: Wie lauten Ihre persönlichen Standards?

Kersten: Wenn mein Partner mich bewusst verletzen würde, wäre das für mich schon grenzwertig. Es ist aber wichtig, die Gesamtsituation zu betrachten. Natürlich wäre mein Partner untreu, wenn er mit einer anderen schlafen würde. Manchmal fängt Untreue aber auch schon früher an.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Ihre Kunden das?

Kersten: Meist bekommen wir überhaupt keine Rückmeldung darüber, wie die Geschichte ausgegangen ist. Wir wissen also nicht, ob unsere Kunden ihrem Partner verzeihen oder ob sie das, was wir festgestellt haben, überhaupt als Anzeichen von Untreue gewertet haben.

SPIEGEL ONLINE: Also können Sie nicht sagen, wie vielen Beziehungen Ihre Treuetester schon zu einem vorzeitigen Ende verholfen haben.

Kersten: Drei Monate später fragen wir per E-Mail nach, wie die Geschichte ausgegangen ist. Feedback gibt es da eher selten. Einige Kunden melden sich höchstens noch einmal, um einen weiteren Test zu buchen.

SPIEGEL ONLINE: Seltsam, oder? Schließlich geben die Kunden mit ihrer Anfrage doch schon ihre intimsten Sorgen preis.

Kersten: Das ist wie beim Friseur: Da hat man am Ende ja auch das, was man will, und geht nicht noch einmal hin, um zu sagen, ob man damit zufrieden ist oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Beweggründen kommen die meisten Menschen auf Sie zu?

Kersten: Die meisten Kunden sind aus ihren vorherigen oder aktuellen Beziehungen vorbelastet, weil der Partner anderen geschrieben hat oder sexuellen Kontakt mit anderen hatte. Unsere Kunden wollen wissen, ob der Partner ehrlich ist oder es noch einmal tun würde. Andere buchen uns, bevor sie heiraten oder Kinder bekommen wollen. Sie wollen sichergehen, ob ihre Partnerin die richtige Frau ist oder ob sie sich auf jeden Flirt einlassen würde.

SPIEGEL ONLINE: Wer geht öfter fremd - Männer oder Frauen?

Kersten: Da wir mehr Männer testen, sind bei uns natürlich auch mehr Männer untreu. Ich glaube aber, dass Mann und Frau sich da nichts nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennt man Untreue eigentlich?

Kersten: Ein typisches Anzeichen ist, wenn das Handy des Partners auf einmal einen neuen Code hat, sodass der andere nicht darauf zugreifen kann. Viele drehen das Handy weg und schreiben ständig Nachrichten. Oft verändern sich auch die Interessen des Partners. Das kommt ja nicht von irgendwo her, sondern braucht Input von außerhalb. Ein weiteres Anzeichen ist, wenn der Partner plötzlich sehr stark auf sein Äußeres achtet.

SPIEGEL ONLINE: Sind das alles Erfahrungswerte?

Kersten: Natürlich spielen meine eigenen Erfahrungen da hinein. Ich ziehe die Informationen aber auch aus den Nachrichten meiner Kunden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie wegen Ihrer Arbeit manchmal ein schlechtes Gewissen?

Kersten: Nein, ich sehe meine Arbeit aus der Perspektive des Kunden. Die stellen sich letztlich immer die Frage, ob der Partner treu ist oder nicht. Ich selbst weiß, dass es psychisch sehr belastend sein kann, wenn man nicht weiß, woran man ist. Für mich war das der absolute Horror.

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch ein Buch über Ihre Arbeit geschrieben. Welche Geschichte erzählen Sie darin?

Kersten: Das Buch basiert auf wahren Begebenheiten. Es erzählt meine Geschichte und die Geschichten meiner Kunden. Ich schildere darin, wie ich dazu gekommen bin, Treuetesterin zu werden. Das ist auch eine Form von Vergangenheitsbewältigung.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeuten Liebe und Treue heute für Sie?

Kersten: Liebe heißt für mich, dass man angekommen ist und nicht mehr nach links und rechts schaut.

SPIEGEL ONLINE: Daran glauben Sie trotz der 30 Kundenanfragen pro Monat?

Kersten: Ja, daran glaube ich. Ich sage immer: Liebe gibt es, ewige Treue nicht.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Fa_hh 19.03.2018
1. stimmt!
dieser Satz stimmt: "Ich glaube, dass die meisten Menschen mit sich selbst nicht im Reinen, unglücklich und unzufrieden sind, wenn sie ihren Partner betrügen. " Dies kann einem wohl nahezu jeder paar Psychologe bestätigen. wieso aber dann diese reisserische Überschrift? Clickbaiting? Jeder mensch darf selber Entscheidungen treffen. daher sind absolute aussagen wie "das gibt es nicht" Unsinn. nichts weiter.
heinz-aus-fo 19.03.2018
2. Fragwürdige Methode
Höchst fragwürdig das alles. Kuss ist das Maximum. Aber welcher Mann läßt sich von einer höchst attraktiven Frau nicht küssen? Wenn sie obendrein die ganze Nummer vielleicht auch noch total abgebrüht und link daher bringt...Solche Beauftragungen sind wohl eher etwas für Leute, die charakterlich nicht in Ordnung sind. Die ihrem Partner unbedingt irgendwas in die Schuhe schieben wollen. Ansonsten würde ein stinknormaler Detektiv ausreichen, der checkt, ob der Partner was am Laufen hat.
blödbacke 19.03.2018
3. Fremdgehen...
Warum macht mann/frau das? Um Abwechslung zu haben, warum denn sonst? Man kann ein Leben lang mit einem geliebten Menschen zusammen sein, aber Sex ist doch was ganz anderes. Genauso könnte man sagen, dass man mit dem geliebten Menschen nur Tennis spielen darf, aber nicht mit anderen. Denn man verbringt die Zeit ja nicht mit dem Partner. Oder eine Massage? Ich sehe da keinen Unterschied. Sex wird überbewertet. Da halte ich es lieber mit den sneaky fuckers, wie man salopp bei einigen Affenarten sagt... Menschen sehen unterschiedlich aus, riechen unterschiedlich, haben unterschiedliche Vorlieben. Was spricht da gegen etwas Abwechslung?
al2510 19.03.2018
4. Statistik ist nicht Ihr Ding
Eine gute Partnerschaft braucht keinen Tester. Da hat man die Gewissheit, dass der Partner nicht fremd geht. Sie testen nur schlechte Partnerschaften, wo das Fundament der Liebe fehlt:Treue. Also haben Sie überhaupt keine Erfahrung.
MisterD 19.03.2018
5. Ein offensiv durchgeführter Treuetest...
dürfte einen Großteil der Getesteten überhaupt erst zum "Fremdgehen" verleiten... Da kommt eine attraktive Frau, in den meisten Fällen wahrscheinlich sogar noch deutlich attraktiver als die Partnerin, und baggert einen an. Sowas erleben die meisten Männer in ihrem Leben ohnehin schon selten bis nie und dann noch eine wunderhübsche Frau? Dann ist die Frage... was bewertet die Partnerin als fremdgehen? Allein schon auf ein Gespräch einzugehen? Ein kleiner Flirt? Ein Kuss? Wieviele Männer überlegen es sich auf dem Weg vom Kuss ins Bett noch anders, weil sie es (ihre Frau betrügen) eben doch nicht fertig bringen? Ich glaube ein großer Teil der "Untreu Getesteten" hätte ohne den Treuetest seine Partnerin/seinen Partner nie betrogen. Allein schon mangels Reiz oder Gelegenheit...
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