Streit um Münzen Wem gehört das Geld im Trevi-Brunnen?

Das Becken der Versuchung: In den weltberühmten Trevi-Brunnen in Rom werfen Millionen Touristen Münzen hinein. Doch wer darf das Geld behalten? Die Stadt oder die Caritas?

Trevi-Brunnen
DPA/ ANSA

Trevi-Brunnen


Der Ärger, den Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi jetzt hat, geht eigentlich auf das Konto des deutschen Archäologen Wolfgang Helbig (1839 - 1915). Der verbrachte 50 Jahre seines Lebens als Professor und Kunsthändler in Rom. Weil er zudem mit einer reichen russischen Prinzessin verheiratet war, machte er sich auch als Gastgeber mondäner Festivitäten einen Namen.

Bei einem solchen Fest, heißt es, erfand er die Sache mit der Münze und dem Brunnen. Oder, so eine andere Erklärungsvariante, um die Studenten zu trösten, die traurig waren, Rom zu verlassen: rückwärts davor stehen, die Augen schließen, eine Münze über den Kopf ins Brunnenwasser werfen. Die Wiederkehr nach Rom sei dann gewiss. Noch eine Münze: Man findet die ganz große Liebe. Eine dritte: Die Liebe hält ein Leben lang.

Heute werfen fast alle jener Millionen von Touristen, die nach Rom kommen und sich dort um den wohl berühmtesten Brunnen der Welt drängen, eine Münze ins Wasser. Manche steigen sogar ins Wasser, meist rechtswidrig und betrunken. Und in Anlehnung an die schwedische Schauspielerin Anita Ekberg im Film "La dolce vita", der vor 60 Jahren gedreht wurde. Die meisten freilich wollen sich beim obligaten Münzwurf nur im Selfie verewigen.

Anita Ekberg in Federico Fellinis "La dolce vita"
ddp images

Anita Ekberg in Federico Fellinis "La dolce vita"

Jeden Morgen in aller Frühe fischen Staubsauger-bewehrte Männer im Schnitt Münzen im Wert von mehr als 4000 Euro aus dem Trevi-Brunnen - der heißt so, weil drei Straßen zu ihm führen. Im Jahr summiert sich das zur üppigen Summe von etwa eineinhalb Millionen Euro. Lange kassierte die Stadt das Geld. Bis Bürgermeister Francesco Rutelli - der erste Grüne im römischen Rathaus - im Jahr 2001 eine Idee hatte: Zu einer so "romantischen Geste", passe es, mit den Münzen, "jenen zu helfen, die darben". Drum verfügte er, dass die Einnahmen aus dem Brunnen der Caritas zukommen sollten.

So blieb es, bis Virginia Raggi, Rechtsanwältin und Politikerin der Fünf-Sterne-Bewegung das Rathaus eroberte und nach einem Jahr feststellte, das Geld reicht nicht. Immer Ärger mit dem Müll, der all überall in der "Ewigen Stadt" herumliegt, Löcher in den Straßen, in denen mitunter Autos und sogar Busse versinken, und viel zu viel altes Gemäuer in der Stadt, das vor sich hin bröckelt, weil für seinen Erhalt kein Geld da ist.

Also beschlossen Frau Raggi und ihr Stadtrat im Herbst 2017, das Brunnen-Geld künftig selbst zu behalten und für nicht näher definierte "soziale Projekte" auszugeben. Prompt gab es öffentlichen Unmut. Die neue Stadtregierung verschob das Anliegen, erst am 1. Januar 2019 werde die Verordnung in Kraft treten.

Die Liebkosung der Kirche

Im vorigen Jahr gab es dann wieder Bedenken. Raggi und Co verschoben den Tag des Abkassierens erneut, auf den 1. April 2019.

Genützt hat all das nichts. Der Unmut vieler Römer bricht sich Bahn in sozialen Netzwerken, in Zeitungen, in Protesttelefonaten mit dem Rathaus.

Mit dem Rücken zum Brunnen die Münze werfen
DPA

Mit dem Rücken zum Brunnen die Münze werfen

Nun ja, die Caritas ist nicht irgendwer, sondern eine weltweite Organisation, mit vielen Tausend Ehrenamtlichen und einem großen Stab fester Profihelfer. Sie ist der soziale Arm der katholischen Kirche. "Die Liebkosung der Kirche für ihr Volk", wie Papst Franziskus in seiner mitunter eigenwilligen Wortwahl die Hilfsorganisation genannt hat.

In Rom betreibt sie 51 Projekte, um Menschen in Bedrängnis etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf, medizinische oder soziale Betreuung zu verschaffen. Obdachlose, Roma, gestrandete Migranten, Frauen, die vor ihren Männern fliehen, Kinder, die allein auf der Straße leben. Jeden Tag. Dafür stehen 300 Beschäftigte und, sagt die Caritas, um die 5000 ehrenamtliche Helfer bereit. Entsprechend ist die Aufregung, aber auch das Protestpotenzial.

Die Bischöfe haben sich gleich gemeldet. In ihren Zeitungen, via Radio Vatikan und über Facebook mahnen sie, dass "die Dienstleistungen der Caritas-Helfer reduziert und manche ganz eingestellt werden müssten", sollte die Entscheidung der Kommune in Kraft treten. Und selbstverständlich hätte das "Auswirkungen auf das soziale Klima in der Stadt".

Natürlich ist das auch ein Fall für die Politiker der Opposition. "Die Arbeit der Caritas muss man prämieren, nicht finanziell austrocknen", schimpfen Sozialdemokraten. Aber auch in den eigenen Reihen herrscht Verdruss über den Ärger, den Frau Raggi der Fünf-Sterne-Bewegung nun wieder einbrockt.

Einfach vergessen

Deshalb sucht Raggi nun in großer Eile ein friedliches Ende des Konfliktes. Vielleicht könne man sich das Geld ja irgendwie teilen. Und die Stadt würde ihren Anteil ja auch für soziale Zwecke einsetzen. Aber wenn die Rückfrage dann kommt, wie viel mehr es kostet, wenn die Stadt einem Bedürftigen hilft, als wenn das Heer der kostenlosen Caritas-Helfer den Job machen, endet die Logik der Lastenteilung schnell.

Am Ende, so sieht es jedenfalls aus, bleibt Frau Raggi nur eines: den Griff in den mit Münzen gefüllten Brunnen einfach vergessen und andernorts fischen zu gehen. Zur Gesichtswahrung bastele man im römischen Rathaus an einem Protokoll, heißt es gerüchteweise, in dem klargestellt würde, dass das Münzgeld aus dem berühmten Becken zwar der Stadt gehöre, diese es aber - ganz oder teilweise - der Caritas überlasse. Dass die Kommune aber genau kontrollieren dürfe, wofür das Geld verwendet würde.

Selbst der Papst wäre damit wohl zufrieden.



insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
homernarr 15.01.2019
1. Nur wer hat kann geben
Das Geld gehört dem dem der Brunnen gehört und ihn pflegt. Das ist halt die Stadt Rom. Schade für die Caritas, aber die Stadt braucht das Geld auch. Nur sollte jemand auch sicherstellen, das das Geld auch in Stadtpflege gesteckt wird.
Europa! 15.01.2019
2. *****
Warum soll ausgerechnet die stinkreiche Kirche das Geld kriegen? Für den Erhalt der weltlichen römischen Baudenkmäler ist sie ja auch nicht zuständig. Und der Trevi-Brunnen ist da nur ein Beispiel.
themistokles 15.01.2019
3.
Zitat von homernarrDas Geld gehört dem dem der Brunnen gehört und ihn pflegt. Das ist halt die Stadt Rom. Schade für die Caritas, aber die Stadt braucht das Geld auch. Nur sollte jemand auch sicherstellen, das das Geld auch in Stadtpflege gesteckt wird.
Rom wird mit diesen 1,5 Millionen pro Jahr nicht sehr weit kommen. Das Geld der Caritas wieder zu entziehen, ist PR technisch ein absolutes Desaster. Das Echo darauf hätte man sich auch im Rathaus denken können. Das partielle Zurückrudern verschlimmert das PR Debakel nur noch. Man sollte alles so lassen, wie es jetzt ist. Die 1,5 Millionen bekommt die Stadt auch irgendwo anders her.
schamot 15.01.2019
4. Der Brunnen gehört der Stadt
Und damit das Geld auch. Aber typisch für die reichste Firma der Welt, daß sich deren "Paten" gleich melden und Anspruch erheben, so ganz selbstverständlich.
ruediger 15.01.2019
5.
Warum soll man das Geld der Caritas geben? Der Brunnen wird von ihr nicht gepflegt und die sozialen Dienstleistungen der Caritas werden im Normalfall ohnehin vom Staat extra bezahlt (und dann von Menschen ausgeführt für die dann nichtmal die normalen Arbeitnehmerschutzrechte gelten).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.