Von Dürre betroffener Landwirt "Beschissen wäre geprahlt"

Seit April hat es auf Hans-Friedrich Stegens Feldern nicht mehr richtig geregnet. Die Kornernte war miserabel, nun kämpft er um seinen Mais. Besuch bei einem Landwirt nahe der Verzweiflung.

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Aus Dehnsen berichtet


Mit ganzer Kraft rammt Hans-Friedrich Stegen seinen Spaten in die Erde. Es knirscht und staubt, während er auf seinem Maisfeld ein Loch aushebt. Eine Schaufel Erde nach der anderen landet auf einem Haufen. Als das Loch mehr als einen halben Meter tief ist, hört Stegen auf.

Vorsichtig kratzt er mit seinem Spaten die kleinen Wurzeln frei. Selbst tief unter der Pflanze ist die Erde zu trocken. "Auf meinem Feld fehlen 80 Liter Wasser pro Quadratmeter. Mein Mais verdurstet", sagt der 63-Jährige.

Nachdenklich schaut Stegen über sein Feld. Die Sonne brennt vom Himmel. Es ist noch früh am Tag und trotzdem schon 30 Grad heiß. Bis zu 36 Grad werden es an diesem Julitag werden. Während sich die Menschen im Norden und Osten des Landes über den besten Sommer seit Jahren freuen, verzweifeln die Landwirte dort an der anhaltenden Trockenheit. Am 13. April hat es auf den Feldern von Hans-Friedrich Stegen im Landkreis Lüneburg zuletzt richtig geregnet. Das ist mehr als dreieinhalb Monate her, und das ist ein Problem.

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Als es Anfang Mai immer noch nicht regnete, ahnte Stegen, dass dieses Jahr hart werden würde. 2017 war es auf seinen Äckern zu nass und zu feucht, 2018 ist es zu trocken. "Damit haben wir zwei extrem schlechte Jahre hintereinander", sagt der Landwirt. Ihm bleibe nicht viel übrig, als das Wetter hinzunehmen und sich den Bedingungen anzupassen - so wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater vor ihm auch.

Stegens Vorfahren bewirtschafteten schon vor mehr als 500 Jahren die Flächen in der Lüneburger Heide. Als junger Mann übernahm er nach dem Tod seines Vaters den Hof in Dehnsen, einem Ortsteil in der Gemeinde Amelinghausen. Bis in die Siebzigerjahre züchtete die Familie Kühe, bis in die Neunzigerjahre hielt sie Schweine. Auch Kartoffeln und Zuckerrüben baute Stegen einmal an. Heute wachsen auf seinen 135 Hektar Land vor allem Gerste, Weizen, Roggen und Mais.

Sein Korn hat Stegen bereits geerntet. Drei bis vier Wochen früher als in den vergangenen Jahren fuhr der Mähdrescher über seine Felder. Das extreme Wetter setzte seinen Pflanzen zu. Die Böden waren irgendwann so ausgetrocknet, dass das Korn keine Nährstoffe mehr aufnehmen konnte. Stegen steuerte mit seiner Bewässerungsanlage gegen. Von Mitte Mai an ließ er Grundwasser auf seine Felder regnen, dann entschied er sich zu ernten.

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Landwirte und Dürre: Staubtrockene Erde

Der Ertrag ist miserabel. Zwischen 30 und 40 Prozent weniger Korn als im Vorjahr hat er geerntet. "Beschissen wäre geprahlt", antwortet der Landwirt auf die Frage, wie es ihm damit geht.

So wie Stegen kämpfen momentan viele Ackerbauern in Nord- und Ostdeutschland. Schon Anfang Juli warnte der Deutsche Bauernverband, dass die schlechteste Getreideernte seit Jahren drohe. Mit 45,5 Millionen Tonnen Gerste, Hafer, Roggen und Weizen war der Ertrag schon 2017 unterdurchschnittlich. In diesem Jahr gehen die Landwirte von nur 41 Millionen Tonnen aus. In einigen Regionen rechnet der Verband gar mit Einbußen zwischen 50 und 60 Prozent. Für manche Betriebe ist das existenzbedrohend.

Denn das Wetter in Deutschland interessiert den internationalen Markt nicht. Kornsorten wie Weizen oder Gerste werden weltweit gehandelt. Selbst wenn die Ernte deutscher Bauern dieses Jahr schlecht ausfällt, so werden laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weltweit stabile bis steigende Erträge erwartet. So müssen die deutschen Bauern ihre kleine Ernte zu internationalen Preisen verkaufen und nehmen dadurch weniger ein.

"Das wäre für uns ein Katastrophenjahr geworden"

"Die Börse bestimmt unsere Preise", sagt Stegen. Für den Landwirt bedeutet dies: Vor vier Jahren erhielt Stegen für 100 Kilogramm Sommerbraugerste noch 25 Euro, heute 17 Euro. Die Einnahmen decken kaum noch seine Kosten. "Meine Kollegen und ich stehen massiv unter Druck", sagt er. Landwirte seien auf kostendeckende Preise für ihre Erzeugnisse angewiesen, um Böden fruchtbar zu halten und Humus aufzubauen.

Dabei sieht er die deutschen Bauern im Nachteil: "Was mich ärgert, ist, dass in vielen anderen Ländern chemische Pflanzenschutzmittel erlaubt sind, die wir hier nicht benutzen dürfen." Er muss also einen höheren Aufwand betreiben, sich dann aber auf dem internationalen Markt mit Konkurrenten messen, die weniger Auflagen beim Anbau haben.

Der Landwirt sieht auch die Bürger in der Pflicht. "Ein Großteil der Verbraucher will auf der einen Seite nicht viel zahlen und auf der anderen Seite Umweltstandards gewahrt wissen." Preiskampf und der Wunsch nach hoher Qualität würden die Belastung der Bauern verstärken.

Angesicht der schlechten Kornernte will sich Stegen nicht vorstellen, wie es dem Hof ohne seine Bewässerungssysteme gehen würde. "Ohne die wäre es für uns ein Katastrophenjahr geworden." Er habe schon lange nicht mehr so viel bewässert. In den vergangenen zwei Monaten pumpten seine Anlagen so viel Wasser auf die Felder wie sonst in zweieinhalb Jahren für die Beregnung verbraucht wird.

Auch an diesem Tag ist der Wasserstrahl auf seinen Äckern schon von Weitem zu sehen. Denn seinen Mais möchte der 63-Jährige nicht der trockenen Hitze überlassen. Am Rande seiner Felder stehen Pflanzen, die die Bewässerungsanlage nur schlecht erreicht. Ihre Stängel sind schmal, nur wenige Kolben hängen daran, sie überragen den Landwirt kaum. Hunderte Meter entfernt stehen die bewässerten Pflanzen. Stolz ragen ihre kräftigen Stängel in den Himmel; grüne Blätter und große Kolben wachsen hier. Manche der Pflanzen werden bis zu 3,50 Meter groß.

Bis zu 18 Stunden am Tag lässt Stegen den Mais beregnen, in einer 400 Meter langen Schneise fahren seine Maschinen durch verschiedene Abschnitte der Felder. Eine andere Lösung gibt es für ihn nicht. "Ich darf nicht auf die Wasseruhr schauen, ich darf nicht an den Stromzähler denken, ich darf nicht aufgeben", sagt der Bauer. Trotzdem sorgt ihn sein immenser Wasserverbrauch.

Wegen der Kosten einerseits. Zudem aber darf er den Grundwasserpegel auf seinem Land nicht beliebig reduzieren. Auch wenn die Landwirtschaftskammer nicht einzelne Jahre betrachtet, sondern einen längeren Zeitraum, sie also die vergangenen Jahre miteinander vergleicht und Stegen 2017 nur wenig Wasser entnahm, hat er Angst, dass ihm eines Tages die Bewässerung verboten wird. "Dann müssten wir unter Umständen aufgeben und die Flächen verkaufen", sagt er. Ohne Wasser geht es nicht.

Noch denkt Stegen nicht ans Aufgeben. Er spart Geld, indem er auf seine alten Maschinen setzt, die ihn weniger kosten. Seine Rücklagen verwendet er, um die schlechte Kornernte auszugleichen. Sein Mais entwickelt sich bislang gut. Ende September will Stegen mit der Ernte beginnen. Bis dahin wartet er ab und hofft weiter - auf Regen.



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