Tsunami 2004 auf den Nikobaren Die fatale zweite Welle

Auf den indischen Nikobaren lebten viele Urstämme Jahrtausende ungestört - bis der Tsunami alles vernichtete. Die danach eintreffenden Hilfsgelder machten es nur schlimmer. Heute kämpft ein Stammesprinz um die alte Lebensweise - um jeden Preis.

Von den Andamanen berichtet


Prinz Rashid: "Wir waren so glücklich."
Karin Wenger

Prinz Rashid: "Wir waren so glücklich."

Prinz Rashid Yusoof steht in seiner neuen Heimat: Vor ihm der Strand, neben ihm hüpfen Papageien durch das Mangrovendickicht, das bis in die spiegelglatte See ragt. Kokosnusspalmen rascheln, am Himmel segeln ein paar Wölkchen dahin. Ein Paradies, über das Rashid sagt: "Hier ist es bei Weitem nicht so schön wie bei uns zu Hause."

Das geschmähte Paradies befindet sich im Süden der Andamanen. Das gepriesene Zuhause heißt Nancowry, ein Eiland der indischen Inselgruppe Nikobaren rund 500 Kilometer südlich der Andamanen.

Hier und auf Nachbarinseln lebten seit Jahrtausenden Ureinwohner: Als Nikobaresen sind sie bekannt, sie nennen sich selbst Pajuh. Ein Volk, das von Königinnen regiert wird, das Entscheidungen aber gemeinsam trifft.

Die Pajuh betrieben Tauschhandel, Geld war nicht wichtig. Ein Leben in Kontakt mit der Zivilisation, aber soweit geschützt, dass alte Sitten blieben, dass sich die Kultur kaum veränderte. "Wir waren so glücklich", sagt Rashid, der heute 44 Jahre alt ist.

Zwei Wellen sorgten dafür, dass die Pajuhs ihre Heimat verloren haben: Erst kam der Tsunami, dann die Hilfsorganisationen.

"Wir sahen zu, wie unser Leben zerstört wurde"

Am Abend des 25. Dezember 2004 hatten sie noch ausgelassen das von Missionaren eingeführte Weihnachtsfest gefeiert, am frühen Morgen darauf lagen fast alle in ihren Palmhütten, die auf Stelzen in den Strand gebaut waren. Es war 6 Uhr, als plötzlich die Erde bockte, "wie ein wildes Tier", sagt Rashid. Schreiend liefen die Menschen aus ihren wankenden Behausungen, warteten darauf, dass die Stöße des Erdbebens abflauen. Dann zog sich auf einmal der Ozean zurück. "Und dann sahen wir eine riesige Welle langsam auf uns zurollen", erzählt Rashid.

Rashid Yusoof

Die Insel Nancowry: Als die Wellen kamen, flüchteten viele Einwohner auf den Hügel, der auf dem Foto zu sehen ist. Doch viele Menschen überlebten die Flutkatastrophe nicht.

Rashid Yusoof

Hier, am Strand von Nancowry, stand das Dorf von Prinz Rashid Yusoof. Es wurde wie fast alle Dörfer auf der Insel zerstört.

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So sehen die Hütten aus, in denen die Ureinwohner der Nikobaren leben.

privat

Eins der wenigen Bilder eines Pajuh-Rituals auf den Nikobaren: Prinz Rashid Jusoof wird als Jugendlicher von einem Schamanen in einer langen Zeremonie gesegnet.

Karin Wenger

Prinz Rashid Yusoof lebt nun auf den Andamanen. Dort will er ein neues Dorf für die Pajuhs bauen, das von Touristen besichtigt werden soll.

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Der in Port Blair ansässige Journalist Denis Giles betreibt seine Tageszeitung "Andaman Chronicle" als Ein-Mann-Betrieb. Im Herbst 2004 war er für zwei Monate auf den Nikobaren, filmte für einen Anthropologen das Leben der Stämme. Nach dem Tsunami war Giles auf dem ersten Schiff, das den Nikobaren-Völkern Hilfe brachte. Seitdem dokumentiert er den irreparablen Schaden, den die Welle und fehlgelaufene Hilfe der Inselkultur zugefügt haben.

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Rashid sagt über die Hilfeleistungen nach dem Tsunami: "Das Geld war wie der Teufel, es hat unser Glück zerstört."

Rani Ayesa, Rashids Schwester und aktuelle Königin der Pajuhs, reagierte schnell. Sie wies die 1200 Dorfbewohner an, sich auf einen etwa 200 Meter entfernten Hügel zu flüchten. Nach etwa zehn Minuten stieß eine über 15 Meter hohe Welle auf Land, riss das Dorf weg. Das Wasser brandete um den Hügel. "Wir waren in Panik. Nass von der Gischt sahen wir zu, wie unser Leben zerstört wurde", sagt Rashid.

Sieben Tsunami-Wellen brachen sich an den Stränden von Nancowry und deren Nachbarinseln. Von den 14.000 Einwohnern starben bis zu 6000. Fast alle 40 Dörfer der Pajuhs wurden zusammen mit deren Kokosnussplantagen weggerissen. Schlimmer noch: Das Salzwasser machte die Quellen und das Ackerland unbrauchbar, die Inseln waren vorerst unbewohnbar. Der Kultur der Insulaner wurde ein Schlag versetzt, von dem sie sich nicht mehr erholen zu können scheint.

Die zweite Flut

Einer der Ersten, die den Pajuhs zu Hilfe eilte, war Denis Giles. Der Journalist, der auf den nördlich der Nikobaren gelegenen Andamanen die Tageszeitung "Andaman Chronicle" betreibt, kennt den Stamm gut. Das ist selten, denn der indische Staat verbietet Fremden jeden Zutritt zu den Nikobaren. Doch im Herbst 2004 hatte Giles eine Sondergenehmigung erhalten: Im Auftrag eines Anthropologen wohnte er zwei Monate lang bei Rashid und filmte das Leben der Pajuhs. Es sollte das letzte Zeugnis dieser Kultur werden.

Vier Tage nach dem Tsunami lief Giles mit einem vom indischen Militär entsandten Hilfsschiff in Car Nikobar ein. Die Überlebenden drängten sich in den Trümmern der Hafenanlage, es gab kaum noch Wasser oder Nahrung. "Es war wie bei Darwin: Die Stärksten überlebten, die Schwachen starben", erzählt Giles, 38, im Büro seiner Zeitung. Den Matrosen blieb nichts anderes übrig, als die Toten auf dem Kai zu stapeln, mit Benzin zu übergießen und zu verbrennen. Giles filmte apokalyptische Bilder, die bald auf allen Nachrichtensendern liefen.

Unwissentlich löste Giles damit eine zweite Welle aus, die kaum weniger Zerstörungskraft entfaltelte als die erste, wie Giles sagt: Der indische Staat und lokale wie internationale Hilfsorganisationen wurden auf die Lage auf den Nikobaren aufmerksam. Rashid und 4000 Angehörige seines Stammes wurden auf einer indischen Militärbasis der Nikobaren in Zelten untergebracht und dort verpflegt.

Angesichts des enormen Bedarfs an Hilfe lockerte Neu-Delhi vorübergehend die Zutrittsbeschränkungen zu den Inseln - ein Fehler, wie Yusoof heute sagt. "Es war wie eine zweite Flut. Die NGOs kamen, machten sich untereinander Konkurrenz, wollten Projekte durchführen, ihre Budgets rechtfertigen."

Das Problem: Die Helfer gingen nicht auf die Wünsche der Stämme ein - und diese waren zu höflich, um sich durchzusetzen. "Unsere Kultur beruht auf Konsens. Streit können wir nicht", sagt Prinz Rashid, der viel von gut gemeinten aber schlecht gemachten Projekten erzählen kann. Von den Bergen an Wolldecken, die im tropischen Klima nicht gebraucht wurden. Oder von dem Wassertank, den eine NGO auf dem höchsten Punkt einer Insel baute - nur gibt es dort kein Wasser, mit dem man den Tank füllen konnte. In dem wenigen Regenwasser, dass sich sammelt, brüten bis heute Mücken, die Malaria übertragen.

"Das Geld war wie der Teufel"

Auf die Bitte der Pajuhs, ihnen Werkzeuge zu geben, damit sie sich neue Palmhütten bauen können, seien weder die Regierung noch die NGOs eingegangen. Stattdessen mussten sich die Nikobaresen zwischen drei für das örtliche Klima völlig ungeeignete Haustypen entscheiden, die der Staat und NGOs dann für sie bauen ließen. Die Insulaner saßen derweil untätig herum, entwickelten Diabetes und Bluthochdruck. Viele - auch der äußerlich immer fröhliche Rashid - litten und leiden an Depressionen.

REUTERS
Fatal wurde die Lage, als der indische Staat den Überlebenden etwa zwei Jahre nach der Katastrophe hohe Entschädigungen für ihre Toten auszahlte. "Wir waren ein Volk ohne Bargeld, und auf einmal sind die Leute Rupien-Millionäre", sagt Yusoof. Viele Männer fingen an zu trinken, kauften Autos und Motorräder, obwohl es auf ihren Inseln weder Tankstellen noch Straßen gibt.

"Das Geld war wie der Teufel, es hat unser Glück zerstört", sagt Yusoof "Natürlich ist der Wandel auch schon vorher in unsere Kultur gesickert. Aber dann brach er mit der Welle über uns hinein und hat uns mitgerissen."

Der Spuk endete erst, als alle Hilfsgelder aufgebraucht worden waren, vor etwa vier Jahren. Dann setzte die Ernüchterung ein, denn die Pajuhs, einst Selbstversorger, hatten sich an Geld und den westlichen Lebensstil gewöhnt. Nur nützt ihnen ihr Naturwissen in der modernen Welt nichts, sie finden keine Arbeit.

Prinz Rashid trieb all dies auf die Andamanen, in das Paradies, das nicht seines ist. Er will auf einer touristisch erschlossenen Insel ein Pajuh-Dorf bauen. Dorthin soll sein Stamm von Nancowry und anderen Inseln umsiedeln, dort sollen seine Leute leben wie früher: Fische harpunieren, Feste feiern, Kokosnüsse ernten - nur, dass ihnen dabei etwa hundert Touristen zuschauen werden. Ist das nicht eine schreckliche Idee, wie ein Zoo für Menschen? "Was bleibt uns denn anderes übrig?" fragt Yusoof. "Nur so können wir leben, wie wir es wollen und dadurch Geld machen."

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Kartengrundlage: DER SPIEGEL



Ulrike Putz berichtet seit März 2014 für SPIEGEL ONLINE aus Asien. Sie lebt in Neu-Delhi.



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agua 21.12.2014
1.
Ich habe nun alle Schicksale gelesen. Jedes berührt auf seine Weise, aber die Geschichte hier schockt mich am meisten. Um so leben zu können,wie sie es gewohnt waren,müssen diese Menschen in einer Art Zoo leben:(
gopferklemmi 23.12.2014
2.
Ich finde es schlimm dass diese Kultur nun so gut wie verschwunden ist, allerdings wären ohne die Hilfen die Überlebenden wohl alle verhungert (laut Artikel war ihre Heimat ja unbewohnbar), dann gäbe es diese Kultur auch nicht mehr. Ganz klar ist aber nicht warum sie nicht zurück auf ihre Inseln können, die müssten doch wieder bewohnbar sein oder ?
EmmaDiel 24.12.2014
3. Tja
Schock-Dokrin halt, läuft immer & überall so.
cococ1 24.12.2014
4. Mit dem
Geld kam das Unglück? Wieso war das klar?
datura2 24.12.2014
5.
In diesem Artikel zeigt sich mal wieder die Arroganz der sogenannten ach so zivilisierten 1. Welt. WIR haben uns an eine bestimmte Art der Lebensführung gewöhnt, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, das es andere Kulturen mit anderen Wertvorstellungen gibt. Das hier ist ein erschütterndes Beispiel dafür, wie gut gemeinte Hilfe eben nicht Gutes bewirkt. Natürlich brauchten diese Menschen Hilfe nach dieser Katastrophe. Frisches Wasser, Lebensmittel, Werkzeuge und Material für neue Unterkünfte. Statt dessen hat man sie mit den Segnungen der modernen Welt überschüttet, ohne darauf zu hören, dass sie diese gar nicht wollen. Die Arroganz und Ignoranz von Regierungen und NGOs erstaunt mich immer wieder. Afghanistan in Asien, Somalia und weitere Staaten in Afrika sind weitere Beispiele dafür, wie mit "gut gemeinter Hilfe", egal ob mit militärischen Mitteln (Afghanistan und Somalia) oder mit Lebensmittellieferungen lokale und regionale Strukturen zerstört werden.
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