Tsunami 2004 auf Sri Lanka Die Geschichte von "Baby 81"

Als der Tsunami ihr Dorf im Osten von Sri Lanka zerstörte, dachten Murugupillai und Junitha, sie hätten ihren neun Wochen alten Sohn verloren. Was folgte, berichteten Medien weltweit. Wie geht es ihnen heute? Ein Besuch.

Aus Kurukkalmadam, Sri Lanka, berichtet


Vater und Mutter mit ihrem Sohn
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Vater und Mutter mit ihrem Sohn

Als im einzigen Friseursalon des Dörfchens Kurukkalmadam der Strom ausfällt, schreckt niemand auf. An der ländlichen Ostküste Sri Lankas ist Elektrizität Glückssache. Murugupillai Jeyaraj schneidet gerade einem Kunden die Haare, nun unterbricht er und setzt sich mit den anderen vor den Laden in den Schatten von Kokosnusspalmen. Es ist der 26. Dezember 2004. Die Männer schwatzen.

Ein Mann fährt auf seinem Moped heran, er ist aufgeregt. Er sagt, er habe aus der Ferne beobachtet, wie Meerwasser Felder überflutet habe. Die Männer versammeln sich um ein Autoradio. Eine große Welle habe im Osten Sri Lankas Überschwemmungen verursacht, heißt es.

Als Murugupillai an diesem Morgen zur Arbeit aufgebrochen war, blieb seine Frau Junitha mit dem erst neun Wochen alten Sohn daheim, im 22 Kilometer südlich gelegenen Ort Kalmunai. Ihr Haus steht keine 300 Meter vom Strand entfernt, fast jeden Tag gehen sie schwimmen. Als er von der Welle hört, sucht sich Murugupillai ein Festnetztelefon, wählt die Handynummer seiner Frau. Sie ist nicht erreichbar.

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Gegen halb neun Uhr am Morgen verwüstet ein Monstrum aus Wasser die Ostküste Sri Lankas, ein Wort dafür gibt es in den verschiedenen Inselsprachen nicht. Der Tsunami trifft die Insulaner unvorbereitet. Kalmunai, wo Familie Jeyaraj lebt, ist einer der ersten Orte, den die Wasserwand zerstört. 3000 Einwohner sterben. Insgesamt kommen auf Sri Lanka an diesem Tag rund 31.000 Menschen ums Leben, fast die Hälfte sind Kinder.

Als seine Frau nicht abnimmt, läuft Murugupillai los, nach vielen Stunden Fußmarsch erreicht er sein Heimatdorf: eine Trümmerwüste, aus der Strünke von Kokosnusspalmen ragen. "Ich kletterte über den nassen Schutt, suchte nach meinem Haus", erzählt Murugupillai, zehn Jahre sind seit dem furchtbaren Tag vergangen.

Chaos nach dem Tsunami - der Kampf um "Baby 81"

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Besonders schlimm traf der Tsunami den Ort Kalmunai, in dem die Familie Jeyaraj 2004 lebte.

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Mehr als 30.000 Menschen kamen in Sri Lanka durch den Tsunami ums Leben. Im Süden des Landes, in Nähe von Hikkadua, wurde ein Zug von den Riesenwellen erfasst. Allein hier starben mehr als 1000 Menschen.

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In dem Chaos, das der Naturkatastrophe folgte, bangte Ehepaar Jeyaraj um seinen Sohn, der nach dem Tsunami verschwunden war. Erst nach acht Wochen bekamen die Eltern ihr Baby zurück.

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Bis zu einem Dutzend Familien behaupteten, der Junge sei ihr Kind. Der Säugling wurde nach der Nummer seines Bettchens "Baby 81" genannt. Im örtlichen Krankenhaus kam es zu dramatischen Szenen, als die Jeyarajs versuchten, ihren Sohn mit nach Hause zu nehmen.

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Schließlich wurde im Krankenhaus bei "Baby 81" ein DNA-Test vorgenommen. Allen voran die Klinik wollte niemandem mehr trauen, der sich als Vater oder Mutter des Kindes ausgab.

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Schließlich: das Happy End. Murugupillai und Jenita Jeyarajah durften ihr Baby wieder an sich nehmen.

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Die Familie heute: Muruhupillai Jeyaraj, sein Sohn Abilash (das "Baby 81") und die lange nach dem Tsunami geborene Tochter Abis. Der Vater arbeitete früher im Ausland, das tut er nun nicht mehr. "Wenn man so etwas erlebt hat, kann man seine Familie nie mehr aus den Augen zu lassen", sagt er.

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Abilash Jeyaraj war neun Wochen alt, als ihn der Tsunami aus den Armen seiner Mutter riss. Heute ist er zehn, ein schüchterner, schlacksiger Junge, nicht der Beste in der Schule. Die Katastrophe hat für ihn nur kleine, aber schmerzhafte Folgen: Sein Eltern lassen ihn nicht mit den anderen Jungen an den Strand gehen. Sie haben das Meer zu fürchten gelernt.

Der heute 40-Jährige sitzt auf der Veranda seines Hauses, das er in Kurukkalmadam gebaut hat: in der Nähe seines Friseursalons und mit zwei Kilometer Sicherheitsabstand zum Meer. Im warmen Sand des Vorgartens scharren Hühner zwischen Blumentöpfen, Palmen rascheln, Vögel singen. Als die Welle kam, schlug sie in einem paradiesischen Fleckchen Erde ein.

"Es war wie in der Hölle"

Murugupillai irrte damals zwei Tage lang durch die Ruinen, schaute jeder Frauenleiche ins Gesicht, schob sich durch die Kliniken, in denen Überlebende schluchzten und Verletzte schrien. "Es war wie in der Hölle", sagt er, der der Minderheit der Tamilen angehört. Nach zwei Tagen begegnete er einer Frau. "Sie sah aus wie eine Verrückte. Wildes Haar. Irrer Blick." Es ist seine Ehefrau.

Junitha stand in der Küche, als die Welle kam. Sie presste ihren Sohn an sich, wurde vom Wasser mitgerissen, verlor das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, war ihr Baby verschwunden.

Von nun an suchen die Jeyarajs gemeinsam nach dem kleinen Abhilash. Irgendwann hören sie, dass eine Klinik einen einsamen Säugling beherbergt, in Bett Nummer 81 der Kinderstation. Die Jeyarajs werden nicht zu ihm vorgelassen. Die Presse jedoch hat Zugang zur Säuglingsstation. Die Jeyarajs erfahren am nächsten Morgen aus der Zeitung, dass ihr Kind überlebt hat. "Ich kam an einem Kiosk vorbei. Auf der ersten Seite der Zeitung war ein Foto unseres Sohnes."

Als die Eltern im Krankenhaus ankommen, stehen dort schon bis zu 15 andere Paare, die Säuglinge verloren haben und nun behaupten, "Baby 81" sei ihres. Die ohnehin völlig überlastete Klinikleitung mauert, lässt niemanden zu dem Kind. Die Jeyarajs gehen zur Polizei, dann zum Gericht. Das entscheidet, dass die Jeyarajs vermutlich die Eltern des Kindes sind, aber noch weiter ermittelt werden müsse. In den nächsten zwei Wochen dürfen die Eltern ihren Sohn sehen, doch nur in der Klinik, für zwei mal zwei Stunden am Tag.

"Niemand handelte normal"

Junitha schläft kaum, sie isst wenig, sie verkriecht sich in dem Lager, in dem Tausende Überlebende vegetieren. Sie fürchtet sich vor den Journalisten, die auf den Fall aufmerksam geworden sind und die Jeyarajs belagern. Alle wollen die eine Tsunami-Geschichte mit Happy End erzählen, die Geschichte vom verloren geglaubten Sohn.

Nach zwei Wochen erteilt das Gericht den Jeyarajs die Erlaubnis, ihr Kind mit nach Hause zu nehmen. Doch das Krankenhaus weigert sich, "Baby 81" herauszugeben. Vater Murugupillai weint und schreit und droht, Gift zu schlucken. Junitha rangelt mit den Schwestern, die ihr das Kind wegnehmen wollen. Die Eltern landen in der Arrestzelle der örtlichen Polizeistation. Ohne ihr Baby.

"Ich weiß auch nicht, was die Krankenhausleitung damals getrieben hat", sagt Murugupillai heute. Vorwürfe macht er der Klinik nicht. "Alle waren damals bis ins Innerste erschüttert. Niemand handelte normal."

"Wir wollten unseren Sohn, die fuhren uns in den Zoo"

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen befreit die Eltern aus der Polizeigewahrsam, schafft sie weg von den Kameras. Unicef meint es gut, will die Eltern zur Ruhe kommen lassen, bringt sie in schönen Hotels unter, organisiert Ausflüge. Genießen können die Jeyarajs all das nicht. "Wir wollten unseren Sohn, die fuhren uns in den Zoo", sagt Vater Murugupillai.

Nach Wochen wird endlich der DNA-Test gemacht, auf den die Eltern gedrängt haben. Am 16. Februar, 52 Tage nach dem Tsunami, stehen die Jeyarajs wieder vor einem Richter. "Wenn ihr Sohn eines Tages anzweifelt, dass ihr wirklich seine Eltern seid: Hier habt ihr es schriftlich", sagt der und überreicht dem Paar das positive Ergebnis das DNA-Tests. Mit dem inzwischen fast vier Monate alten Abhilash im Arm drängen die Eheleute Jeyaraj durch einen Pulk von Journalisten ins Freie. Auf dem Heimweg halten sie an einem Hindu-Tempel an, zerbrechen Kokosnüsse, sprechen Dankgebete.

Wenige Tage später fliegt der Kanal ABC sie in die USA, sie treten in der Sendung "Good Morning America" auf. Der Trip sei ein Fehler gewesen, sagt Vater Murugupillai heute - denn Behörden sowie Hilfsorganisationen seien fortan immer davon ausgegangen, dass die Eltern mit ihrer Geschichte mächtig Geld verdient hätten. "Allen unseren Nachbarn hat die Regierung ein Haus gebaut. Uns aber nicht", sagt der Friseur.

Der Tsunami habe ihn arm gemacht, argumentiert er: Vor der Katastrophe habe er vier Jahre lang in Saudi-Arabien als Gastarbeiter Geld gemacht. Danach brachte er es nicht mehr über sich, wie geplant zurück ins Ausland zu gehen. "Wenn man so etwas erlebt hat, kann man seine Familie nie mehr aus den Augen zu lassen. Man hat ständig Angst um sie." Abhilash lebt, doch der Tsunami hat ihm auch ein Stück seiner Freiheit geraubt: Seine Eltern lassen ihn nicht mit den anderen Jungs an den Strand gehen. Sie haben gelernt, das Meer zu fürchten.

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Kartengrundlage: DER SPIEGEL



Ulrike Putz berichtet seit März 2014 für SPIEGEL ONLINE aus Asien. Sie lebt in Neu-Delhi.



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