Tsunami 2004 in Indonesien Der Surfer, dem die Wellen alles nahmen

Seine Familie kam beim Tsunami im indonesischen Aceh um. Trotzdem zieht es Dian Faizin in das Dorf zurück, in dem er alles verlor. Neben den Ruinen seines alten Lebens will der 24-Jährige ein neues aufbauen.

Aus Lampuuk berichtet


Der Strand von Lampuuk in Aceh ist ein beliebtes Ausflugsziel. Der Tsunami, der hier an die Küste rollte, zerstörte das ganze Dorf.
Marcel Klovert

Der Strand von Lampuuk in Aceh ist ein beliebtes Ausflugsziel. Der Tsunami, der hier an die Küste rollte, zerstörte das ganze Dorf.

Nach dem Tsunami, der sein Heimatdorf Lampuuk in der indonesischen Provinz Aceh auslöschte, schloss Dian Faizin mit Gott einen Deal. "Ich sagte zu Allah: Wenn sie noch leben, dann bring meine Familie zu mir zurück. Wenn sie tot sind, will ich sie im Paradies wiedersehen." Dian Faizin war 14 Jahre alt, als er seine Mutter, seinen Vater und seine drei Geschwister verlor.

Das Meer in der Bucht von Lampuuk leuchtet türkisblau, ein Pärchen sitzt verliebt am Strand, nur die Schultern berühren sich, in der konservativen islamischen Provinz sind Zärtlichkeiten vor der Ehe verboten. Wellen schäumen gegen die Felsen am Ende der Bucht. Dian liebt die Wellen. Jedes freie Wochenende fährt er mit dem Moped aus Banda Aceh herüber, um zu surfen.

Dian hat keine Tränen mehr übrig

Am Tag, bevor der Tsunami kam, war Dian auch auf dem Wasser. Nach der Schule lieh er sich ein Brett von Freunden, er hatte Spaß, die Wellen waren gut für Anfänger wie ihn. Es war ein ganz normaler Samstag. Bis Mitternacht half er seinem Vater, sie verkauften Obst am Straßenrand, Orangen, Bananen, Papayas. Das brachte genug, um zu leben. "Genug, um glücklich zu sein", sagt Dian.

Unkraut wuchert über die Ruinen seines alten Hauses. Das Fundament ist im dichten Gras noch zu erkennen, daneben liegt ein Haufen Steine. Nichts weiter hat ihm der Tsunami gelassen. Keine Andenken, keine Möbelstücke, keine Kleider, auch nicht die Leichen seiner Eltern und Geschwister. Dian weint nicht, wenn er davon spricht. "Ich habe so viel geweint", sagt er. "Ich bin es müde zu weinen."

Dian Faizin war 14, als der Tsunami sein Dorf fast komplett zerstörte. "Ich habe so viel geweint", sagt er. "Ich bin es müde zu weinen."

Von Dian Faizins Elternhaus in Lampuuk sind nur noch ein paar Steine und das Fundament übrig.

Das einzige Gebäude in Lampuuk, das den Tsunami ohne großen Schaden überstand, war die Moschee. Im Vordergrund das Fundament eines zerstörten Hauses.

Auch wenn der Tsunami ihm seine Familie nahm, liebt Dian Faizin das Meer. Er surft oft in der Brandung von Lampuuk.

Dian Faizins neues Haus in Lampuuk. Der Türkische Rote Halbmond hat das ganze Dorf Lampuuk neu aufgebaut, darunter auch Dians Haus.

Dian Faizin will bald in das Haus einziehen. Im Moment übernachtet er hier nur an den Wochenenden, um surfen zu gehen.

Im Moment liegt in dem neuen Haus nur eine Matratze, auf der Dian übernachtet, wenn er zum Surfen an die Küste kommt.

Seit dem Tsunami gibt es in vielen Küstenorten in Aceh Hinweisschilder, die den Fluchtweg anzeigen.

An jenem Sonntagmorgen aß er mit seiner Mutter einen Teller Bratreis, dann machte er sich auf zu seiner Großmutter. Sie redeten wenig, verabschiedeten sich nicht. Er sah sie nie wieder.

Vor dem Tsunami lebten in Lampuuk 4000 Menschen. Am 26. Dezember 2004 starben 3000. Fast alle von Dians Schulkameraden kamen um, fast alle seine Freunde, Nachbarn, Lehrer. "Vielleicht wollte Allah unseren Glauben auf die Probe stellen", sagt Dian. Es ist das, was die Imame nach der Katastrophe überall in Aceh predigten, an was sich Muslime überall in der Provinz klammerten. Wer Allahs Test besteht, wird in seiner Gunst steigen.

Lernen aus der Trauer

Die Wellen fanden Dian im Wohnzimmer eines fremden Hauses. Nach dem Erdbeben war er in den Garten seiner Oma gegangen. Auf der Straße rannten Menschen vorbei, ihre Gesichter vor Angst verzerrt. "Air laut naik!" - "Das Meerwasser kommt!" Hinter ihnen sah Dian das Wasser. Er lief los, schaffte es bis in das fremde Haus, das Wasser stieg fast bis zur Decke. Dian konnte noch atmen. Bis die zweite Welle kam. Sie zog ihn unter die Trümmer, er strampelte, schluckte Wasser, als er die Augen wieder öffnete, war das Haus fort und er trieb in einem Meer aus Unrat.

REUTERS
Dian schleppte sich ins nächste Dorf und dann bis nach Banda Aceh. Dort wohnte er bei einer Tante, bis sein Onkel ihn nach Pulau Weh holte, auf eine Insel vor der Küste, heute wieder ein beliebtes Urlaubsziel. Der Onkel lebte dort mit seiner Familie. Dian schlief mit seinen beiden Cousins in einem Zimmer. Er fand Freunde in der Schule. Er betete fünfmal am Tag. Er war einsam, aber nie allein.

"Der Tsunami hat mich viel gelehrt", sagt Dian. "Vor dem Tsunami war ich dumm und faul." Er grinst. "Danach habe ich jeden Tag für die Schule gelernt." Wenn Dian lacht, strahlen seine Augen. Er ist geduldig, aufmerksam, wirkt weise für seine 24 Jahre.

Es dauerte zwei Jahre, bis Dian nach Lampuuk zurückkehrte. Es stand nur noch die Moschee, strahlend weiß inmitten einer braunen Ödnis, so wie an vielen Orten entlang der Küste. Ein Zeichen Gottes, sagt Dian. Am zweiten Jahrestag betete er in dem einzigen Haus, das Gott verschont hatte. "Vielleicht haben wir vor dem Tsunami nicht genug gebetet", sagt er, "vielleicht wollte Allah uns warnen." Warum musste dann sein Vater sterben, der immer zur Moschee gegangen war, wenn der Muezzin gerufen hatte? Er hat keine Antwort.

Er hätte gern IT studiert, doch sein Geld reichte nur fürs erste Jahr. Den Rest lernte er in einem Computerladen. Er jobbte auch in einem Motorradladen, in einer Shopping Mall, in einer Softwarefirma, bei einer Radiostation. Jetzt hilft er an der Rezeption eines Hotels aus. Die Arbeit mag er am liebsten, er trifft Menschen, lernt Englisch.

Die Flutwelle hat den Bürgerkrieg beendet

Dian wohnt in Banda Aceh, aber er hat in Lampuuk seit 2007 ein Haus. Die Hilfsorganisation Türkischer Roter Halbmond hat es gebaut, wie alle Häuser in Lampuuk. Das "türkische Dorf" heißt Lampuuk seitdem. Über jeder Tür prangen ein Mond und ein Stern in einem Kreis. Die Hecke um Dians Haus ist hoch, der Garten verwildert, wer hineinwill, muss über den Zaun klettern. Drinnen lehnt ein Surfbrett in der Ecke, auf dem Betonboden liegt eine Matratze, im Bad rasiert sich Dian vor einem Motorradspiegel. Er fährt nur an den Wochenenden auf seinem Moped her, um zu surfen.

Wenn noch ein Tsunami käme, würde Dian in die nahen Berge fliehen. Damals hätte er sich das nicht getraut. In den Bergen hausten die Gam-Rebellen, die für ein unabhängiges Aceh kämpften. Nach der Katastrophe, die in der Provinz mehr als 150.000 Menschen tötete, schlossen die Gam und die Regierung in Jakarta ein Abkommen, das den 30-jährigen Bürgerkrieg beendete.

Zurück nach Hause

Der Tsunami traf Aceh härter als irgendeine andere Region. Doch für den Frieden, den er brachte, sind die Menschen dort sehr dankbar - und für die große internationale Hilfsbereitschaft. Mehr als fünf Milliarden Euro flossen in den Wiederaufbau der Provinz. Die Hauptstadt Banda Aceh ist heute sauberer, aufgeräumter und einladender als die meisten anderen indonesischen Städte, und an der Küste führt ein neuer, schlaglochfreier Highway nach Süden.

Sobald er genug für das traditionelle Brautgeschenk, 33 Gramm Gold, gespart hat, will Dian seine Freundin heiraten und mit ihr nach Lampuuk ziehen. Dian sagt, sie möge das Dorf, wo Kühe neben der Straße grasen und wo sich alle grüßen. Mehrere Hundert Menschen wohnen hier, neben den Fundamenten ihrer alten Häuser.

Die vielen Toten, dieser unfassbare Verlust bedrückt Dian nicht mehr. "Die Erinnerungen machen mich stark. Wir hatten hier so viele glückliche Jahre." Er liebt die Berge, das Meer, den Strand, an dem Schildkröten ihre Eier vergraben. Dian sagt: "Das ist mein Zuhause."

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Kartengrundlage: DER SPIEGEL



Heike Klovert ist Redakteurin für SPIEGEL ONLINE, zurzeit bereist sie Südost-Asien.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
DjaliZwan 26.12.2014
1. opium
Es ist schon erstaunlich zu welch akrobatischen Meisterleistungen das menschliche Gehirn imstande ist, wenn es darum geht, seine religiösen Vorstellungen mit der Realität in Einklang zu bringen. Ich wünsche diesem armen Mann alles gute für die Zukunft, ich kann mir das Leid das er ertragen musste kaum vorstellen.
franke2010 26.12.2014
2. @DjyliZwan
Was für ein Hochmut! Sie schreiben über den Glauben dieses Mannes so herablassend, was für ein Hochmut. Wenn Sie nichts glauben, dann lassen Sie doch den anderen Ihren Glauben! Der Glaube (egal ob muslimsisch oder christlich oder...) hilf den Menschen das Unglück zu überleben und ein neues Leben anzufangen. Wenn Sie dies Opium nennen, dann halte ich Ihre Meinung für Arogant, Hochnäsig , Nichtswissend. Ihre Wünsche für den jungen Mann können dann auch nicht ehrlich sein. Lassen Sie es einfach und spritzen Sie Ihr Gift in Ihrer Umgebung. Armer Mensch!!
spatzi 26.12.2014
3. Warum so aggressiv, franke2010?
Ist die weihnachtliche Soße vom Fest der Liebe schon wieder von Ihnen abgeperlt? Als ich las "Es dauerte zwei Jahre, bis Dian nach Lampuuk zurückkehrte. Es stand nur noch die Moschee, strahlend weiß inmitten einer braunen Ödnis, so wie an vielen Orten entlang der Küste. Ein Zeichen Gottes, sagt Dian. Am zweiten Jahrestag betete er in dem einzigen Haus, das Gott verschont hatte. "Vielleicht haben wir vor dem Tsunami nicht genug gebetet", sagt er, "vielleicht wollte Allah uns warnen." Warum musste dann sein Vater sterben, der immer zur Moschee gegangen war, wenn der Muezzin gerufen hatte? Er hat keine Antwort." hatte ich genau den gleichen Reflex wie der Poster unter Nr. 1: Ich bin fassungslos, dass sich Menschen selber so betrügen können. Aber an dem Beispiel wird wieder mal vor Augen geführt, wie Religionen entstehen: man sucht einen imaginären übermächtigen Schuldigen und huldigt ihm, damit er einen verschont. Echt krank.
chr_zei 26.12.2014
4. (k)eine glaubensfrage ...
engagement im kontext (als lebenserfahrung) ohne grosse unterscheidungen und gemeinsames handeln (als bleibende persönliche erfahrung) http://meinbummelumdiewelt.blogspot.pt/2012/10/zu-besuch-auf-nias-7-jahre-nach-tsunami.html
maxih. 26.12.2014
5. wie wäre es,...
wenn hier mal kein Streit über Grundsatzfragen zu Sinn und Unsinn von Religion entsteht, sondern sich alle darauf einigen, dass man einem Menschen, der so etwas durchmachen musste, einfach das lässt, was er nach der Katastrophe noch hat. irgendwie muss jeder mit so etwas fertig werden, und wenn es über abstruse religiöse Erklärungen funktioniert, dann sei es so. Können Sie diesem Mann das absprechen, was er als einziges noch hat? Ich jedenfalls nicht, und wenn der Glaube an einen Test Allahs ihm hilft, dann sei es so. Was gibts da zu diskutieren?
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