Tsunami 2004 in Indonesien Das Schiff, das ihr Zuhause stahl

Der Tsunami spülte einen Kutter auf das Dach ihres Hauses - das rettete Habasiah Hanafiah das Leben. Das Schiff ist immer noch da, die Lehrerin hat ihr Haus verloren. Die Katastrophe hat die Hilfsbereitschaft der Indonesier zerstört, sagt sie heute.

Aus Banda Aceh berichtet  


Habasiah vor ihrem alten Haus in Banda Aceh. Als am 26. Dezember 2004 der Tsunami über das Land rollte, trug er einen Fischkutter auf das Dach. Für Habasiah war das die Rettung: Sie und mehr als 50 weitere Menschen schafften es an Deck und blieben dort, bis das Wasser sank.

Die Küste vor Banda Aceh, von hier aus überflutete der Tsunami vor zehn Jahren die Stadt.

Am 26. Dezember 2004 wurde Banda Aceh so schnell überflutet, dass viele sich nicht retten konnten. In Banda Aceh starben rund 25.000 Menschen, in der Provinz Aceh etwa 170.000.

Das Wasser drang damals kilometerweit ins Land vor, wie diese Aufnahme vom 4. Januar 2005 zeigt.

Schiffe wurden an Land gespült, überall lagen Trümmer.

Habasiah (r.) und eine Nachbarin stehen in den Ruinen von Habasiahs altem Haus in Banda Aceh.

Habasiah wohnt nicht mehr in dem Haus, die Stadt machte aus ihm eine Gedenkstätte und ließ den Kutter auf dem Dach.

Eine wuchtige graue Rampe führt zu einer Aussichtsplattform, von der aus Besucher den Fischkutter betrachten können.

Habasiahs Nachbarin, Frau Bundiah, hatte die Familie damals vor den Fluten gewarnt. Gemeinsam retteten sie sich auf das Schiff. Frau Bundiah sagt, Habasiah sei seit dem Tsunami wie eine Tochter.

Der Kutter hat der Familie das Leben gerettet, doch zugleich sorgte er dafür, dass sie nicht zurück konnte in ihr Haus. Die Stadt kaufte das Haus ab, viel Geld bekam die Familie nicht.

Der Tsunami spülte auch dieses 2600 Tonnen schwere Kraftwerksschiff fünf Kilometer ins Land.

Das Schiff ist eine weitere Gedenkstätte in der Stadt Banda Aceh und wird heute von Touristen besucht.

Es war ungefähr zweieinhalb Jahre her, dass der Tsunami ihre Heimatstadt verwüstet hatte, als sie ins Büro des Gouverneurs marschierte. "Was habt ihr mit meinem Haus vor?", fragte sie. "Wenn ihr es nicht kaufen wollt, holt endlich das Schiff da runter!" Die Behörden vertrösteten sie noch ein halbes Jahr. Dann zahlten sie. Und Habasiah, 49, verkaufte die Hoffnung, je in ihr Zuhause zurückzukehren.

Eigentlich hatte Habasiah Binti Muhammad Hanafiah großes Glück, als der Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 auf die Küste von Banda Aceh krachte. Sie war mit ihren vier Kindern in den zweiten Stock geflüchtet, die schwarze Brühe stand ihr bis zum Hals. Die Wellen spülten einen Mann heran, der das Balkongeländer zu packen bekam. "Rettet euch aufs Schiff!", rief er. Welches Schiff?, fragte sich Habasiah. Keiner der 30 Menschen im Raum hatte den Fischkutter bemerkt, der auf dem Hausdach festsaß. Über Unrat und Treibholz kletterten sie an Deck. "Ich hatte schon mit meinem Leben abgeschlossen", sagt Habasiah.

Der Tsunami tötete in Banda Aceh rund 25.000, in der Provinz Aceh mehr als 170.000 Menschen. Viele gelten immer noch als vermisst. Auch in Thailand, Sri Lanka und Indien starben Tausende. An Sumatras Westküste verschwanden ganze Dörfer, in Banda Aceh walzten die Wellen sogar Stadtviertel platt, die mehrere Kilometer vom Meer entfernt lagen.

REUTERS
Das eigene Haus als Denkmal

Habasiah ist eine elegante Frau. Dezenter Lippenstift, makellose Augenbrauen, goldene Armbanduhr. Sie trägt einen Jilbab, ein langes, muslimisches Gewand, und der Stoff schmiegt sich um ihr herzförmiges Gesicht. Es ist ein heißer Mittag in Banda Aceh, ihr Knie schmerzt, Arthrose, aber Habasiah klagt nicht. Vorsichtig setzt sie sich auf das Denkmal aus Beton, das jetzt dort steht, wo einst ihr Ehebett stand. Über ihrem Kopf thront der Kutter, der ihrer Familie das Leben rettete und das Zuhause nahm. "Wir dürfen nicht so viel grübeln", sagt sie, wie um sich selbst daran zu erinnern. "Allah bereitet unseren Weg und wir folgen ihm."

Banda Aceh, Hotel Medan

Links ein Foto vom 28. Dezember 2004, rechts vom 5. Dezember 2009

Täglich pilgern Touristen zu Habasiahs altem Haus, lesen die Namen der Toten auf der Garagenwand, rund tausend Menschen kamen in diesem Stadtteil um. Die Fremden steigen die Treppe hoch, über die Habasiah vor dem Tsunami flüchtete, betrachten die Fotos der Katastrophe, die im zweiten Stock hängen. Möbel, Spielzeug, alles weg. Die Badezimmer sind mit Wellblech verrammelt, in der Küche liegt Schutt. Es sind keine Spuren von Habasiahs Leben geblieben. Keine sichtbaren.

"Ich vermisse meine alten Nachbarn", sagt Habasiah und seufzt. Frau Bundiah, 65, von gegenüber legt ihr eine Hand auf den Arm. Sie verkaufte süßen Kokosbrei auf dem Fischmarkt in der Nähe, als die Erde bebte, und warnte Habasiah und ihre Kinder. Gemeinsam beteten sie zu Gott, als das Wasser stieg, gemeinsam saßen sie auf dem Kutter, bis das Wasser sank, sahen Kokosnüsse, Leichen und die Trümmer ihres Viertels Lampulo vorbeitreiben. "Seitdem ist sie wie meine Tochter", sagt Frau Bundiah und lächelt ihr gütiges, fast zahnloses Lächeln.

Keine Rückkehr in die alte Nachbarschaft

Habasiah unterrichtet seit beinahe 20 Jahren Englisch in einer Grundschule in der Nähe. Sie hätte sich ein neues Heim in ihrer alten Straße suchen können. "Mein Mann erlaubte es nicht", sagt sie. "Er wollte nicht zurück." Und dem Willen des Mannes hat die Familie in der streng islamischen Provinz zu folgen.

Banda Aceh, Baiturrahman-Moschee

Links ein Foto vom 29. Dezember 2004, rechts vom 3. Dezember 2009

Vier Wochen nach der Katastrophe kauften sie ein Haus im Süden von Banda Aceh, in einem unversehrten Viertel. Dort wohnt die Familie nun seit zehn Jahren. Hocker aus chinesischem Porzellan, ein goldener Vorhang mit Quasten, Vitrinen voller Kristallglas, der Marmorboden glänzt und schimmert. Ein komfortables Haus, Habasiahs Mann arbeitet für eine Ölfirma. Ja doch, die Nachbarn seien nett, sagt Habasiah. "Aber es ist nicht dasselbe."

Der Kutter hätte auf dem Dach ihrer Schwester auf der anderen Straßenseite landen können. Dann wäre dieses Haus jetzt auf jeder Touristenkarte verzeichnet, würden Schilder den Weg dorthin weisen, stünde in ihrer Einfahrt ein Kiosk mit T-Shirts und Getränken. Doch ihre Schwester durfte ihr Heim reparieren, während Habasiahs Haus verfiel.

Das gespendete Geld hat die Menschen verändert

"Es ist nicht mehr mein Haus", sagt Habasiah. "Also sage ich auch nichts dazu." Die Regierung habe ihr nicht viel für die Ruine gegeben. Aus den Mauerresten ragen verbogene Metallstreben. Ein Palmenstamm und ein Betonpfeiler stützen den Kutter zusätzlich, das Segeldach, das ihn vor dem Wetter schützen sollte, hat der Wind weggerissen. Zurück blieb ein hässliches Metallgestell und eine Rampe zur Plattform, von der Touristen auf das Deck schauen können, auf das sich damals 59 Menschen flüchteten. Und dann rümpft Habasiah die Nase und sagt es doch: "Es tut mir leid, dass unser Haus in einem solchen Zustand ist."

Auch andere Orte in Aceh, die an die Katastrophe erinnern, wirken vernachlässigt. Das Wasserbecken im Tsunami-Museum hat die Farbe von Kaffee, die Namen mancher Opfer hängen schief an der Wand, die Tafeln im Park davor, die den Gebernationen danken, haben Kratzer. "Seit dem Desaster denken viele Menschen nur noch an sich selbst", sagt Habasiah.

Banda Aceh, Baiturrahman-Moschee

Links ein Foto vom 27. Dezember 2004, rechts vom 4. Dezember 2009

Früher habe man sich geholfen, ohne etwas zu erwarten. Das Motto "gotong royong" - "alle packen mit an" - hat in der indonesischen Kultur einen hohen Stellenwert. Doch mit dem Hilfsgeldern sei auch der Neid gekommen, sagt Habasiah. Mehr als fünf Milliarden Euro gaben Regierungen, Privatleute und Organisationen für den Wiederaufbau der Provinz. Zeitweise engagierten sich hier mehr als 400 NGOs, bauten neue Häuser, Schulen, Straßen. Heute ist Banda Aceh ein aufgeräumter, freundlicher und vor allem friedlicher Ort, denn die Katastrophe beendete auch den 30-jährigen Bürgerkrieg.

Die Menschen in Banda Aceh sind dankbar für die Hilfe. Oft hört man den Satz, den auch Habasiah sagt: "Unsere Stadt ist besser geworden." Doch die Lehrerin fügt hinzu: "Für unseren Charakter gilt das nicht." Der Besuch des Hauses, das nun ein Wahrzeichen ist, ist kostenlos. Spenden sind jedoch erwünscht. Die Nachbarn munkeln, dass das Geld nicht bei der Moschee ankommt, für die es bestimmt ist. Habasiah könnte spekulieren, wer die Spenden einsteckt. Aber sie will nicht. Es ist ja nicht mehr ihr Haus.

Lesen Sie weitere Artikel aus dieser Reihe

Kartengrundlage: DER SPIEGEL



Heike Klovert ist Redakteurin für SPIEGEL ONLINE, zurzeit bereist sie Südost-Asien.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
never-stop 25.12.2014
1. Danach
Schön mal wieder etwas zu dem Thema zu lesen. Üblicherweise spülte der News-Tsunami ja alles weg was nicht mehr aktuell und sensationell ist. Man würde sich wünschen dass man mehr Informationen dazu bekommt wie konkret sich die Lage der Menschen geändert hat, und wie die Hilfe funktioniert hat. Scheinbar hat sie ja einigermaßen funktioniert. Wobei erst gestern über die Andamanen zu lesen war dass das Spendengeld dort eher unheilvolle Auswirkungen gehabt haben soll. Dass der "Westen" zu spät, zu wenig, zu viel oder falsch geholfen hat, dieser Nebensatz gehört aber vermutlich in jeden anständigen Bericht...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.