Tsunami 2004 "Mama, wie sagt man so etwas?"

15 Meter hoch war der Tsunami, der 2004 Banda Aceh verwüstete und Zehntausende in den Tod riss. Ein Team von SPIEGEL TV hat die junge Indonesierin Tya und den deutschen Arzt Wolfgang Rieffel an den Ort begleitet, an dem sich die Leben der beiden kreuzten.

SPIEGEL TV

Von Georg Heil


Die Geschichte von Dr. Dr. Wolfgang Rieffel und seiner Pflegetochter Meutia Purmana Rieffel, die alle nur Tya nennen, beginnt an einem Sonntagmorgen vor neun Jahren, am 26. Dezember 2004. Um 7:58 Uhr reißen Erdstöße die damals 16-jährige Tya und ihre Familie aus dem Schlaf, sie fliehen ins Freie. Erdbeben sind in ihrer Heimat nicht selten, doch diesmal ist es heftiger als sonst. "Die Erde hat richtig gewackelt. Wir haben auf dem Boden gesessen. Man konnte überhaupt nicht mehr stehen", erinnert sich Tya heute.

Rieffel, 59, ist Reserve-Offizier, hat als Marinearzt jahrelang auf dem Bundeswehr-Schulschiff "Deutschland" die Weltmeere bereist, bevor er sich im westfälischen Lippstadt mit einer Praxis für Allgemein- und Zahnmedizin niedergelassen hat. Tya und ihre Familie hat Rieffel in Banda Aceh kennengelernt. Gemeinsam wollen sie SPIEGEL TV die Geschichte erzählen, die ihr aller Leben veränderte.

Was Familie Purmana an jenem Tag vor neun Jahren nicht weiß: Das Erdbeben, das unter dem Meeresboden im indischen Ozean vor Banda Aceh entstand, ist das drittstärkste, das bisher in der Geschichte der Erdbebenforschung gemessen wurde. Die Energie, die sich dabei entlädt, gleicht der von 23.000 Atombomben.

Auf einer Länge von 1200 Kilometern hebt sich der Meeresboden um bis zu zehn Meter an, löst einen Tsunami aus. Mit bis zu 800 Kilometern pro Stunde rasen Flutwellen über den indischen Ozean. 16 Minuten später erreichen die Wassermassen, die sich bis zu 15 Meter hoch türmen, Banda Aceh. Ohne Vorwarnung kommt die Katastrophe über die 500.000-Einwohner-Stadt, etwa 25.000 Menschen sterben alleine hier. Insgesamt verlieren etwa 230.000 Menschen in zwölf Ländern ihr Leben.

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Tsunami 2004: Banda Aceh
Tya und ihre Familie wohnen drei Kilometer entfernt vom Strand. Auch sie sind vor den Flutwellen nicht sicher. Als das Wasser kommt, gelingt ihnen im letzten Moment die Flucht ins Haus der Großmutter. Die Fluten steigen und steigen, die Familie zieht sich in die erste Etage zurück. Schließlich schlagen sie ein Loch in ein Fenster, um sich auf das Hausdach zu retten. Als Tya endlich an der Reihe ist, steht das Loch im Fenster bereits unter Wasser. Die damals 16-Jährige erinnert sich: "Ich habe gedacht: Da ist das Loch, da musst du jetzt durch. Dann habe ich die Augen geschlossen und bin getaucht." Das Wasser ist pechschwarz, giftig, Trümmer und Müll schwimmen darin, Abwässer, Chemikalien - und Leichen. Für Tya wird der Tauchgang gesundheitliche Folgen haben.

Erst auf dem Dach erkennt das Mädchen das Ausmaß der Katastrophe: "Als ich auf dem Dach ankam, habe ich nur Meer gesehen. Ich habe mich gefragt: Ist es gerade auf der ganzen Welt so? Da habe ich den Mut verloren." Sie muss mit ansehen, wie ihre Nachbarn ertrinken und ihr Elternhaus zerstört wird. Es gelingt ihr und ihrem Vater, eine schwerverletzte Frau, die an dem Haus vorbeitreibt, zu packen und zu sich auf das Dach zu ziehen. Mit den Ärmeln ihrer Jacke verbindet die 16-Jährige notdürftig die Wunden der Frau, die bis auf die Knochen reichen.

Als Tya uns ihre Geschichte erzählt, sind wir im Haus der Großmutter. Gemeinsam mit ihrem Vater und ihrer Mutter geht sie in die erste Etage, um uns ihren Fluchtweg zu zeigen. Für ihre Mutter ist es das erste Mal seit jenem Tag vor neun Jahren, dass sie das Obergeschoss wieder betritt. Man merkt ihr deutlich an, dass es ihr nicht leicht fällt, wieder hier zu sein.

Meterhohe Trümmer rechts und links

In Deutschland verfolgt der Arzt Wolfgang Rieffel die Katastrophe am Fernseher. Er wundert sich, dass es zunächst kaum Nachrichten aus Banda Aceh gibt, obwohl das Epizentrum nah an der Küste Sumatras lag. "Ich habe mir gedacht, da muss es besonders schlimm sein, wenn man von dort nichts hört". Rieffel sollte recht behalten. Den 59-Jährigen verbindet viel mit Indonesien: Als Student bei der Bundeswehr hat er dort stets seine Semesterferien verbracht und indonesisch gelernt. Später absolvierte er seine Famulatur in einem abgelegenen indonesischen Hospital und erwarb dabei von einem deutschen Arzt, der einst in der Weimarer Republik bei der Reichswehr ausgebildet wurde, Kenntnisse in Tropenmedizin. Der Reservist Rieffel ruft kurz nach der Katastrophe das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam an und bietet seine Dienste an für den Fall, dass die Bundeswehr einen Hilfseinsatz durchführen wird.

Und tatsächlich beschließt das Bundeskabinett einen humanitären Militäreinsatz in Banda Aceh. Anfang Januar 2005 werden die ersten Ärzte und Sanitätssoldaten an die Nordspitze Sumatras verlegt. Sie sollen das zerstörte Zentralkrankenhaus von Banda Aceh wieder aufbauen und in der Zwischenzeit ein Feldlazarett betreiben. Die Marine setzt ihr größtes Schiff in Marsch: An Bord des Einsatzgruppenversorgers "Berlin" befindet sich ein komplettes Rettungszentrum mit Intensivstation. Auch Wolfgang Rieffel wird nach Indonesien beordert, um als Verbindungsoffizier der Bundeswehr den Kontakt zu den indonesischen Behörden zu halten.

Anfang Februar trifft der Arzt aus Lippstadt vor Ort ein. Bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt offenbart sich ihm auch noch sechs Wochen nach dem Tsunami ein verheerendes Bild. "Die Trümmer lagen rechts und links meterhoch. So weit das Auge blicken konnte, waren keine Häuser mehr vorhanden, nur vereinzelte Ruinen. In den Trümmern suchten viele Leute nach Opfern, nach ihrem Eigentum, versuchten sich zu orientieren. Die Leichen wurden in Plastikbahnen verpackt und an den Straßenrand gelegt, bis dann Lastwagen vorbeikamen, die sie aufgeladen und zu den durch Bagger ausgehobenen Massengräbern gebracht haben."

Ein schwieriger Job für die 16-jährige Tya

Rund zwei Wochen nach dem Tsunami bekommt Tya starke Atemprobleme. Ihr Vater bringt sie in das Feldlazarett der Bundeswehr, wo schon viele Patienten mit ähnlichen Symptomen behandelt werden. Die Bundeswehrärzte nennen die unbekannte Krankheit "Tsunami-Lunge", ganz erklären können sie sich das Atemwegssyndrom nicht. Fest steht aber, dass nur die krank werden, die die dreckige Brühe, die der Tsunami durch die Straßen schob, inhaliert oder geschluckt haben. Als Tyas Zustand immer schlimmer wird, wird sie mit dem Hubschrauber auf die "Berlin" geflogen. An Bord des Bundeswehrschiffes kommt es zum Herzstillstand - Tya muss mit einem Defibrillator wiederbelebt werden. Nach einigen Tagen bessert sich ihr Zustand, sie wird zurück in das Feldlazarett verlegt. Als sie entlassen werden kann, bitten die deutschen Soldaten das Mädchen zu bleiben, denn Tya spricht neben indonesisch auch gut englisch und die lokale Sprache Aceh, für die kaum Dolmetscher vorhanden sind. Also arbeitet die 16-Jährige als Dolmetscherin für die Bundeswehr. Tya ist froh, etwas Sinnvolles tun zu können, denn ihre Schule ist zerstört und sie lebt seit Wochen mit ihrer Familie in einem Zelt. Der Job ist nicht einfach für das Mädchen. "Schwierig war, den Familien zu berichten, dass ihre Kinder gestorben sind. Das war für mich sehr schwierig. Da habe ich meine Mutter gefragt: 'Mama, wie sagt man so etwas? Wie sagt man das höflich? Welches Wort benutzt man?'"

Irgendwann bekommt Tya starke Zahnschmerzen in einem Backenzahn. Man ruft Wolfgang Rieffel, der auch Zahnarzt ist, um sie zu behandeln. Bei schlechtem Licht und ohne Betäubung muss der Arzt aus Lippstadt den Zahn ziehen. Das Mädchen und der Offizier aus Deutschland freunden sich nach der Behandlung an. In den Arbeitspausen unterhalten sie sich auf Indonesisch über Tyas Zukunft - und die sieht damals düster aus: Ihr Vater hat seine Autowerkstatt und fast alle seiner zwanzig Mitarbeiter verloren, die Familie ist obdachlos, und die Universität, an der Tya eigentlich studieren wollte, gibt es nicht mehr.

Als wir mit Tya Purmana und Wolfgang Rieffel im wiederaufgebauten Zentralkrankenhaus drehen, ist die Stimmung gelöst. Nach den langen Interviews, in denen sie von Leid, Tod und Zerstörung erzählt haben, fangen sie bei der Erinnerung an den faulen Backenzahn an zu lachen. Rieffel kommentiert das Erlebnis mit den Worten: "Zahnpflege lohnt sich halt nicht immer."

Wandel zwischen zwei Kulturen

Als die Bundeswehr Ende März 2005 aus Banda Aceh abziehen soll, beschließen sechs Ärzte, unter ihnen Wolfgang Rieffel, und eine Rettungssanitäterin, den Menschen der Stadt künftig privat durch einen gemeinnützigen Hilfsverein zu helfen. Sie wollen ein Waisenheim und eine Einrichtung für behinderte Kinder unterstützen, und auch Tya wollen sie eine Zukunft ermöglichen. Mit den Spenden, die sie in Deutschland bei Privatpersonen, Firmen und der Stadt Lippstadt sammeln, gelingt es ihnen schließlich, das Waisenheim komplett neu zu bauen - nach deutschen Bauvorschriften und erdbebensicher. Und auch für Tya bietet sich eine Chance: Sie kann mit Rieffel nach Lippstadt kommen. Hier wohnt sie zunächst mit ihm, seiner Frau, den zwei Kindern und einem Hund und lernt deutsch. Als sie die Sprache beherrscht, zieht sie nach Münster, um am Studienkolleg die Studienzulassung zu erwerben. 2008 fängt die junge Frau aus Banda Aceh in Greifswald an, Zahnmedizin zu studieren. Finanziert wird das Studium hauptsächlich durch den Arzt aus Lippstadt, denn das deutsche Finanzamt hat Einwände dagegen, dass der gemeinnützige Verein eine Einzelperson unterstützt.

Inzwischen ist Tya 24 und seit acht Jahren in Deutschland. Sie wandelt zwischen zwei Kulturen und ist selbst schon ein wenig deutsch geworden. "Die Deutschen arbeiten richtig zack, zack. Es geht wirklich schnell und das gefällt mir sehr! Das ist nicht wie bei uns. Bei uns ist mehr Gespräch, als dass man etwas macht." Als wir mit ihr in Greifswald drehen, frage ich Tya, wo ihr Zuhause ist. Ihre Antwort kommt prompt: "Wenn ich sage, ich komm nach Hause, dann meine ich Greifswald. Wenn ich sage, ich flieg nach Hause, meine ich Aceh."

Heute kommt Tya nur noch in den Semesterferien nach Banda Aceh. Als wir mit Wolfgang Rieffel, ihr und ihrer Familie an den Strand von Banda Aceh fahren, ist es das erste Mal seit dem Tsunami, dass die Familie Purmana wieder dort ist. Es herrscht strahlender Sonnenschein, der feine Sand glitzert weiß, und im indischen Ozean baden zahlreiche Kinder und Jugendliche. Und auch Familie Purmana, die mit gemischten Gefühlen hierher kam, kann an diesem Tag, neun Jahre nach der Katastrophe, wieder einen Tag am Strand genießen.

TV-Tipp: "Tsunami Weihnachten 2004". Sechsstündige SPIEGEL-TV-Dokumentation, 26.12., ab 16:15 Uhr, VOX.

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fd53 25.12.2013
1. wer nicht betroffen ist
hat keine reale Vorstellung. Und die Größe von Leid kann kaum jemand real erfassen. Wobei manche Vorgänge einfach irreal wirken. Beispiel dafür ist das Schicksal eine Familie aus Indonesien. Deren 2 erwachsene Kinder, blieben daheim in Indonesien. Sie überlebten unverletzt und unbeschadet. Während Ihre Eltern weit weg davon in Khao Lak bei einem Treffen mit den Eltern und ihren 3 Geschwistern sowie deren Angehörige Opfer allesamt des Tsunami wurden. Viele schaffen es das Leid zu vergessen und neu anzufangen, andere schaffen es nicht - das Leben geht trotzdem weiter und das Rad der Zeit rollt immer weiter.
live_aus_bangkok 25.12.2013
2.
meine Lebensgefährtin war damals als Reporterin vor Ort. sie kämpft heute noch mit den Erlebnissen die sie dort hatte. ich hoffe niemand muss so etwas je wieder erleben.
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