Tsunami 2004 in Phuket Der einarmige Koch, den die Schuld zermürbt

Warum ließ er nur ihre Hand los? Seit der Tsunami ihm seine einzige Tochter nahm, ist Boonchup Saeaew von Schuldgefühlen zerfressen. Aus Geldnot arbeitet der Koch noch immer in dem Einkaufszentrum, in dem seine Tochter ertrank.

Aus Phuket berichtet


Marcel Klovert

Boonchup Saeaew am Strand von Patong auf Phuket: Sein Arbeitsplatz ist nur wenige Meter vom Meer entfernt.

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Am Strand von Patong auf Phuket beten Touristen die Sonne an. Das hat sich seit dem Tsunami nicht geändert.

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Im Einkaufszentrum Ocean Plaza am Patong Beach betreibt Boonchup Saeaew mit seiner Frau Janpen eine Garküche.

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Boonchup Saeaew und seine Frau Janpen wurden am Tag des Tsunami in Ocean Plaza in Patong von den Wassermassen überrascht. Damals war ihr Essensstand im unteren Stockwerk des Gebäudes. Ihre Tochter kam in den Fluten um.

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Das Shoppingzentrum lief voll Wasser, als der Tsunami kam. Es wurde für Dutzende Menschen zum Grab.

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Patong ist für sein Nachtleben berühmt, in der Bangla Road reiht sich eine Bar an die andere. Nach dem Tsunami trank auch Boonchup Saeaew lange viel zu viel. Heute sagt er: "Mein Herz hat sich gegen den Alkohol entschieden."

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In der Bangla Road, einer der berüchtigten Straßen von Patong, tanzen nachts die Gogo-Girls.

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Ladyboys zum Anfassen kobern Touristen. Die schrecklichen Folgen des Tsunami sind vergessen.

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An der Wand des Einkaufszentrums Ocean Plaza am Patong Beach in Phuket erinnert ein Schild an den Tsunami. Gedenkstätten wie in Khao Lak oder Aceh gibt es nicht.

Boonchup Saeaews Gedanken kreisen um diesen einen Tag wie Motten ums Licht. Es ist der Tag, an dem seine Tochter ertrank, in der Tiefgarage eines Einkaufszentrums in Phuket, Thailand. Es ist zehn Jahre her, es könnten auch zehn Stunden sein. Saeaew kann nicht vergessen. Wie auch?

Jeden Morgen fährt er in das Einkaufszentrum, das seiner Tochter zum Grab wurde, und kocht Nudeln, Gemüse, Hühnchen und was die Gäste noch bestellen. Saeaew, 50, betreibt mit seiner Frau einen Essensstand im Ocean Plaza am Patong Beach auf Phuket. Genau wie vor dem Tsunami.

Der Tag, von dem Saeaew nicht loskommt, ist der 26. Dezember 2004. Morgens bebte vor der Küste Sumatras die Erde. "Hast du das gespürt?", fragte Nim, seine Tochter, als er vom Markt zurückkehrte. Sie war 14 Jahre alt. Er hatte nichts bemerkt.

Boonchup Saeaews kurze, graue Haare stehen ab wie Stacheln. Er trägt ein ausgewaschenes Hemd, billige, blaue Gummischlappen, eine Cargohose. Er kann freundlich und traurig zugleich schauen, und wenn er vom 26. Dezember und dem erzählt, was danach kam, spricht er plötzlich schnell.

Sie hatte Ohrringe angezogen, die sie sonst nie trug, und die Uhr, die er ihr geschenkt hatte. "Du sieht heute aber hübsch aus", sagte er. Sie waren mit dem Pick-up zum Ocean Plaza gefahren, mit dem Gemüse und allem anderen, was sie für den Tag brauchten. Sie kochten für die Angestellten des Einkaufszentrums, in der Garage neben den Autos und Mopeds. Nim half ihren Eltern, wie jeden Sonntag.

"Nim heißt weich", sagt Boonchup Saeaew. Er lacht gequält und zupft an der weichen Haut auf seinem linken Arm. Sein rechter Arm fehlt, ein Mopedunfall vor 18 Jahren. In den Monaten nach dem Tsunami soff Saeaew, bis er nicht mehr denken konnte. Ein Freund wies ihn zurecht: "Du bist nicht der Einzige, der jemanden verloren hat, lass dich nicht so gehen!" Beim Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 kamen mehr als 230.000 Menschen um. Auf der Urlaubsinsel Phuket in Thailand starben überwiegend Touristen. Es war Hochsaison.

"Schau mal, das Wasser", sagte seine Frau. Es stand knöcheltief in der Garage. Er dachte sich nichts dabei. Das Wasser lief häufiger hier hinunter, wenn es stürmte. Das Ocean Plaza liegt direkt am Strand. Er ging mit Nim die Einfahrt hinauf, um nachzusehen, was los war.

Das Einkaufszentrum Ocean Plaza wurde zur Falle

Seit den Siebzigerjahren pilgern Touristen nach Patong. Am Strand liegen rotgebrannte Leiber neben Bierflaschen, umschwärmt von Sonnenbrillen- und Getränkeverkäufern. Jetskis brettern über die Wellen. In den Straßen reihen sich Bars an Maßschneider und Apotheken. Vor den Massagesalons sitzen aufgehübschte Frauen und flöten Passanten nach. Es ist eine künstliche Welt. Es ist Boonchup Saeaews Heimat. Er kam in einem Dorf in der Nähe zur Welt.

"Alles in Ordnung", sagte er, zurück in der Garage, zu seiner Frau. Da kam die zweite Welle. Sie reichte bis in den ersten Stock des Einkaufszentrums. Seine Tochter konnte nicht schwimmen, er griff nach ihrer Hand, doch das Wasser riss sie fort. Er war gefangen unterm Tiefgaragendach, ihm blieb ein Spalt Luft so breit wie seine Nase. Einmal atmete Saeaew noch und dann tauchte er durch die Brühe, in der Dosen, Flaschen, Tüten aus dem Supermarkt im Untergeschoss schwammen, und schaffte es ins Freie. Auch seine Frau überlebte. Sein siebenjähriger Sohn war zu Hause geblieben.

REUTERS
Das Ocean Plaza ist Patongs ältestes Einkaufszentrum. Es war mal der Stolz des Ferienorts, in dem Touristen gern günstig Klamotten und Souvenirs shoppen. Am 26. Dezember 2004 wurde er für Dutzende Menschen zur Falle. Nur eine kleine Tafel neben dem Eingang erinnert daran. Im Untergeschoss logiert heute wieder ein Supermarkt, in den Etagen darüber hängen Damenblusen und Badehosen an verstreuten Ständern. Die Mall wirkt leer und trist, viel Ladenfläche ist frei. Das Ocean Plaza ist abgeschrieben, seit einige Monate nach dem Tsunami das viel modernere Jungceylon eröffnete.

Saeaew sah sich alle Toten an, die man in der Nähe des Ocean Plaza fand. Am 26., als im Krankenhaus von Patong noch Chaos herrschte, nahm er jeder Leiche das Tuch vom Kopf. Am 27. waren dort Bilder der Opfer auf einem PC hinterlegt. Saeaew klickte sich durch die entstellten, aufgedunsenen Gesichter. Ein Mädchen hätte Nim sein können. Die Krankenschwester sagte, Persönliches habe man bei der Leiche nicht gefunden.

Saeaew suchte weiter. Stundenlang sah er zu, wie Taucher tote Körper aus dem gefluteten Untergeschoss des Ocean Plaza zogen. Am 29. war die Garage endlich leergepumpt. Saeaews Pick-up holten sie unversehrt aus dem Schlamm. Nim fanden sie nicht.

Er hatte mit ihr geschimpft: "Du sitzt immer nur faul herum, hilf doch mal im Haus!" In der Woche vor der Katastrophe wusch Nim plötzlich jeden Tag die Wäsche. "Vielleicht spürte sie, dass das ihre letzten Tage waren?" Er schließt die Augen im Schmerz.

Jeden Tag betrachtet Saeaew das Bild von Nim

Es ist nicht das erste Mal, dass das Leben Boonchup Saeaew bestraft. Er trank, seit er mit 15 auf dem Bau schuftete. Er hatte getrunken, als er vor 18 Jahren aufs Moped stieg. Auf dem Heimweg stieß er mit einem Lastwagen zusammen. Er verlor seinen Arm und seine Stelle als Techniker in einem Hotel. Er trank trotzdem weiter. "Papa, bitte lass das", sagte Nim oft. Erst nach dem Tsunami begriff er, dass er auf sie hätte hören sollen. Ohne den Alkohol würde er noch im Hotel arbeiten - und seine Tochter würde leben. Seither rührt er keinen Tropfen mehr an.

Am 29. Dezember ging er noch einmal ins Krankenhaus, sah sich noch einmal das Bild des Mädchens an, fragte die Krankenschwester noch einmal nach persönlichen Gegenständen. "Oh doch, wir haben da etwas", sagte sie diesmal, und brachte ihm Nims silberne Ohrringe und die Uhr.

Nach dem Tsunami kochten Saeaew und seine Frau weitere sieben Jahre lang in der renovierten Tiefgarage Bratreis und Nudeln. Heute haben sie einen Essensstand im dritten Stock, Ko Sith Thai Food, wo auch die Touristen bestellen. Sie hatten erst Angst, dass sie sich die Standgebühr nicht leisten können. Im ersten Jahr machten sie Verlust, im zweiten lief es passabel, dieses Jahr sieht es wieder schlecht aus. Hongkong House und Steak vs Seafood nebenan haben schon aufgegeben.

Jeden Tag betrachtet Saeaew das Bild von Nim, das in seinem Haus an der Wand hängt. "Sie fehlt mir so." Wenn er wenigstens von ihr träumen würde. Aber er ist an einem Donnerstag geboren, genau wie sie, und Donnerstagskinder träumen selten, sagt Saeaew. Seine Frau kam an einem Montag zur Welt, die sei sensibler. Wenn ihr Nim im Traum begegnet, gehen die Eltern in den Tempel und beten.

Saeaew würde gern an einem Ort arbeiten, an dem er nicht immer daran denken muss, dass er Nims Hand nicht hätte loslassen dürfen und dass er sie vielleicht hätte retten können, wenn er sie nur gleich gefunden hätte. Er wünscht sich ein eigenes Restaurant. Aber er hat kein Geld. Seit dem Tsunami haben sich die Landpreise in Phuket verdreifacht, in Patong sogar fast verfünffacht.

Und so zeigt Boonchup Saeaew weiter jeden Tag, wenn Touristen etwas bestellen wollen, mit seinem Arm auf die bunten Fotos von Gerichten vor seinem Stand und erklärt: "Scharf, nicht scharf, scharf, scharf, nicht scharf..."

Dabei lächelt er freundlich und traurig zugleich.

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Kartengrundlage: DER SPIEGEL



Heike Klovert ist Redakteurin für SPIEGEL ONLINE, zurzeit bereist sie Südost-Asien.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
lemmy 21.12.2014
1. berührende Geschichten
Liebe Frau Klovert, ich bin von dieser und den anderen Artikeln und Geschichten derer, die überlebt haben sehr bewegt. Ich wünsche Ihnen und den Überlebenden dieser schrecklichen Katastrophe ein frohes Weihnachtsfest und dass so etwas nie wieder passiert.
quarry 23.12.2014
2. Könnte man
mir das mal erklären:"Er lacht gequält und zupft an der weichen Haut auf seinem linken Arm. Sein rechter Arm fehlt, ein Mopedunfall vor 18 Jahren."
antoniakonrad 23.12.2014
3. @quarry
Ganz einfach: er fasst mit der linken Hand an den linken Oberarm. Mal selbst versuchen. Geht schneller, als einen Besserwisser-Kommentar zu verfassen
mulili 23.12.2014
4. Verstehe nicht ganz
wann er aufgehört hat zu trinken. Zitat1: In den Monaten nach dem Tsunami soff Saeaew, bis er nicht mehr denken konnte. Ein Freund wies ihn zurecht: "Du bist nicht der Einzige, der jemanden verloren hat, lass dich nicht so gehen!" Zitat2: Er trank trotzdem weiter. "Papa, bitte lass das", sagte Nim oft. Erst nach dem Tsunami begriff er, dass er auf sie hätte hören sollen. Ohne den Alkohol würde er noch im Hotel arbeiten - und seine Tochter würde leben. Seither rührt er keinen Tropfen mehr an. War es nun seine Tochter oder sein Bekannter, der ihn bekehrt hat?
zafoilyx 23.12.2014
5. Erschütternd
mehr kann man dazu nicht sagen.
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