Tsunami-Alarm Pazifikstaaten fürchten die Fünf-Meter-Welle

Eingestürzte Häuser, zerstörte Stromleitungen, mehr als 120 Tote: Ein schweres Erdbeben hat den Westen Chiles in ein Katastrophengebiet verwandelt. Nun droht sich im Pazifik eine enorme Flutwelle aufzutürmen - die Anrainerstaaten sind alarmiert.


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Erdbeben in Chile: Zerstörung, Chaos, Angst

Santiago - Ein Erdbeben der Stärke 8,8 hat am Samstag in Chile mindestens 122 Menschen das Leben gekostet. Präsidentin Michelle Bachelet rief für die Regionen in der Nähe des Epizentrums den Katastrophenzustand aus. Es sei damit zu rechnen, dass sich die Zahl der Opfer noch erhöhen werde, sagte sie. Überdies wurde eine Tsunami-Warnung für den Westen Südamerikas, Hawaii, Australien, Neuseeland, Japan, die Philippinen und Russland herausgegeben.

Die Pazifik-Anrainer fürchten, dass eine bis zu fünf Meter hohe Flutwelle über ihre Küsten hereinbrechen könnte. Das Tsunami-Warnzentrum verlangte in Hawaii nach "dringend notwendigen Aktionen, um Leben und Eigentum zu schützen".

Der chilenische Innenminister Edmundo Pérez Yoma sprach von einem verheerenden Erdbeben. Über die zu Chile gehörenden Robinson-Crusoe-Inseln sei bereits eine riesige Welle hereingebrochen, so Präsidentin Bachelet. Berichte über größere Schäden auf den rund 660 Kilometer westlich der chilenischen Küste gelegenen Inseln lagen zunächst aber nicht vor.

Häuser stürzten ein

Das Beben hatte sich um 3.34 Uhr Ortszeit (8.34 Uhr MEZ) ereignet. In der Hauptstadt Santiago schwankten für eineinhalb Minuten Gebäude, einige stürzten ein, darunter der Glockenturm der Kirche Nuestra Señora de la Providencia. In einigen Vierteln fiel der Strom aus. Telefonverbindungen im gesamten Land waren unterbrochen. Mehrere Krankenhäuser wurden laut Bachelet wegen Erdbebenschäden evakuiert.

Auf den gewaltigen Erdstoß folgten binnen zweieinhalb Stunden elf zum Teil schwere Nachbeben, wie die US-Erdbebenwarte mitteilte. Das chilenische Fernsehen zeigte Bilder zerstörter Häuser, beschädigter Autos und von Trümmern übersäter Straßen. Dutzende Menschen irrten umher. Das zweigeschossige Parkhaus eines Mietshauses stürzte ein und begrub etwa 50 Autos unter sich.

Am Rand von Santiago stürzte eine Brücke ein. Der Flughafen der Hauptstadt wurde nach Angaben seines Direktors Eduardo del Canto für mindestens 24 Stunden geschlossen. Das Passagierterminal sei bei dem Beben schwer beschädigt worden, sagte er im Fernsehen.

Zentrum des Bebens

Das Zentrum des Bebens lag 115 Kilometer von der zweitgrößten Stadt Concepción entfernt, in der mehr als 200.000 Menschen leben. Die Telefonverbindungen in die Stadt waren mehrere Stunden nach dem Beben noch immer unterbrochen, so dass sich die Schäden dort zunächst schwer abschätzen ließen. Noch näher am Zentrum des Bebens liegt der Skiort Chillan, der bei einem Erdbeben 1939 zerstört wurde.

"Das ist wie der Weltuntergang", sagte ein Mann dem örtlichen Fernsehen in der Stadt Temuco. "Ich habe noch nie in meinem Leben ein solches Erdbeben erlebt." Julio Alvarez aus Viña del Mar berichtete einem lokalen Radiosender: "Es war schrecklich, die Leute schrien und rannten, andere wiederum waren so gelähmt wie ich."

Das stärkste jemals registrierte Beben wurde am 22. Mai 1960 in derselben Region gemessen. Bei dem Erdstoß der Stärke 9,5 kamen damals 1655 Menschen ums Leben, zwei Millionen wurden obdachlos. Der davon ausgelöste Tsunami tötete Menschen in Hawaii, Japan und auf den Philippinen, an der Westküste der USA richtete er Schäden an.

Flutwelle bis zu fünf Meter Höhe

Dem australischen Amt für Meteorologie zufolge dürfte die Ostküste entlang eines Streifens nördlich von Sydney bis nördlich von Brisbane betroffen sein. "Die Beobachtungen des Meeresspiegels haben bestätigt, dass ein Tsunami ausgelöst wurde", hieß es in einer Erklärung. Schaulustige sollten sich nicht zum Strand begeben, um die Welle zu beobachten.

Hawaii und Australien liegen Tausende Kilometer von dem Epizentrum des massiven Bebens in Chile entfernt. Die Welle dürfte den Vorhersagen zufolge um etwa 22 Uhr MEZ in Hawaii und 22.45 Uhr MEZ in Australien ankommen.

Chiles Staatspräsidentin Bachelet hat unterdessen sofortige Hilfe für die von einer großen Flutwelle heimgesuchten Robinson-Crusoe-Inseln angekündigt. Zwei Schiffe, zwei Hubschrauber und ein Flugzeug seien unterwegs zu dem rund 660 Kilometer vor der chilenischen Pazifikküste gelegenen Eiland.

Auf der Robinson-Crusoe-Insel leben gut 600 Menschen. Bachelet teilte ferner mit, dass die Marine mit der vorsorglichen Evakuierung der ebenfalls zu Chile gehörenden Osterinsel begonnen habe, die rund 3000 Kilometer vom Festland entfernt ist.

jdl/apn/Reuters/AFP/dpa



insgesamt 197 Beiträge
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Joachim Baum 30.09.2009
1.
Ampeln, Verkehrsschilder, Leitplanken, Navi, StVO und Flensburg - Unfälle und Staus sind doch an der Tagesordnung. Wenn schon menschengemachte Probleme nicht hundertprozentig in den Griff zu bekommen sind, wie dann Naturphänomene?
SeltenPoster 30.09.2009
2. Hilfe!
Wenn man sowas liest: "Von einer Anhöhe aus sahen sie, wie zwei riesige Wellen, geschätzte sechs Meter hoch, mit mehr als 5000 Kilometern pro Stunde den Süden von Samoas Hauptinsel Upulo erreichten." dann scheinen viele Menschen (Spiegelredakteure leider eingeschlossen) noch nicht einmal die physikalischen Grundlagen der Ausbreitung von Wasserwellen zu kennen.
FatherMacKenzie 30.09.2009
3.
Zitat von sysopBei dem Tsunami auf Samoa wurden mehr als hundert Menschen getötet, viele konnten sich in Sicherheit bringen - hat die Welt aus der Katastrophe von 2004 die richtigen Schlüsse gezogen? Sind wir nun besser gerüstet?
Offensichtlich nicht. Daher: Tsunamis verbieten und aus die Laube!
Rübezahl 30.09.2009
4. Die Technik haben wir
Die Technik zur Vorwarnung haben wir, nur die armen Länder können sich die Installation nicht leisten. Hier muss Entwicklungshilfe ansetzen !
The Godfather 30.09.2009
5.
Zitat von SeltenPosterWenn man sowas liest: "Von einer Anhöhe aus sahen sie, wie zwei riesige Wellen, geschätzte sechs Meter hoch, mit mehr als 5000 Kilometern pro Stunde den Süden von Samoas Hauptinsel Upulo erreichten." dann scheinen viele Menschen (Spiegelredakteure leider eingeschlossen) noch nicht einmal die physikalischen Grundlagen der Ausbreitung von Wasserwellen zu kennen.
noch nicht einmal das, sowas aber auch.
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