Tsunami-Gedenken Die ewige Angst vor den Wellen

Genau sechs Monate nach der Tsunami-Katastrophe haben in Indien, Sri Lanka, Thailand und anderen Nationen Asiens die Menschen der 178.000 Toten und 50.000 Vermissten gedacht. Die Angst vor einer neuen Flutwelle bleibt: In Indonesien haben Erdstöße heute neue Panik ausgelöst.


Vakarai/Sri Lanka - Im südindischen Bezirk Nagapattinam steckte der Fischer Ravi Shankar Räucherstäbchen vor dem Sprössling einer Kokosnusspalme an, der nach seiner Nichte Nandini benannt ist. 207 Bäume wurden an der Küste zur Erinnerung an die Kinder gepflanzt, die dort am 26. Dezember von der Flutwelle getötet wurden.

Gedenken mit Kerzen in Nagapattinam: Gerüchte verbreiten Unruhe
AP

Gedenken mit Kerzen in Nagapattinam: Gerüchte verbreiten Unruhe

Rund 1000 Kinder versammelten sich später mit Kerzen in den Händen zum Gedenken versammeln. In Indien starben mehr als 11.000 Menschen. Es herrsche weiter Angst vor einem neuen Tsunami, sagte Namaswaya, der Chef einer örtlichen Fischerkooperative in Nagapattinam. "Es gab ein Gerücht, dass es um sechs Uhr morgens einen neuen Tsunami geben könnte."

In Indonesien schürte ein Beben der Stärke 5,8 Panik auf der Insel Sulawesi große Ängste vor einer neuen Katastrophe. Doch der dreiminütige Erdstoß rund 50 Kilometer unter dem Meeresboden östlich von Manado verursachte ersten Meldungen zufolge keine Schäden. In dem südostasiatischen Land gedachten die Menschen bereits am Samstag der Katastrophe vom Dezember, die dort 131.000 Menschen das Leben kostete.

Noch immer Taschen und Kleidung am Strand

Am schlimmsten betroffen war die Provinz Aceh. Vor dem Tsunami seien täglich 850 bis 1000 Koranschüler in die Große Moschee Baiturrahman in Banda Aceh gekommen, sagte die Lehrerin Mutia Wati. Heute seien es nur mehr 250.

Die einst von Touristenscharen bevölkerten Strände im Süden Thailands waren heute fast menschenleer. In Khao Lak verloren sich einige Besucher. Der Strand ist übersät von halb im Sand steckenden Taschen und Kleidungsstücken, die sich um Treibholz gewickelt haben. Mehr als 5300 Menschen starben an der Südwestküste Thailands, 2900 gelten als vermisst. Hunderte kamen allein im Urlaubsort Phuket ums Leben, wo nach der Katastrophe die Zahl der Touristen eingebrochen und der Leerstand in den Hotels nach oben geschnellt ist.

"Wir können so sein, wie wir früher waren"

In Sri Lanka wurde erst letzte Woche eine Vereinbarung zwischen der Regierung und den tamilischen Rebellen über die Verteilung der Hilfsgüter in den von den Aufständischen kontrollierten Gebieten geschlossen. In der kleinen Ortschaft Vakarai nahe Batticaloa sammelten Freiwillige Trümmer zusammen, die die Flutwelle vor einem halben Jahr dort hinterlassen hat. Schultaschen, Bücher, Schuhe, Teetassen und sogar Teile von zerschmetterten Fernsehgeräten wurden in einer Schule zusammengetragen.

"Das Ziel ist es, den innerlich noch leidenden Überlebenden den psychologischen Druck zu nehmen", beschrieb Shanthi Sivanesan von der Hilfsorganisation Oxfam das Ziel dieser ungewöhnlichen Ausstellung. "Dieses Paar Schuhe hat meine Tochter am meisten Gemocht", steht neben einem Schuh geschrieben. "Wir können so sein wie wir früher waren", lautet eine andere Inschrift.

In einigen Gebieten ließen drückende Zukunftssorgen und Alltagsprobleme keine Gedenkfeiern zu. 268 Menschen, die in einem verlassenen Gebäudekomplex in der Nähe von Batticaloa wohnten, erfuhren, dass sie dem Neubau einer medizinischen Hochschule weichen müssen. "Die Universität hat uns heute gesagt, dass wir das Gebäude verlassen müssen", berichtete der 59 Jahre alte Fischer Kandiah Thangavel. "Wenn das passiert, müssen wir auf den Straßen leben."

Krishan Francis, AP



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