Tsunami-Katastrophe in Japan Flutwelle löscht Küstenstadt aus

Erst waren es Vermutungen, nun wird es Gewissheit: Der Tsunami hat die Küstenstadt Minamisanriku im Nordosten Japans völlig verwüstet, allein dort werden mehr als 10.000 Menschen vermisst - einige Tausende konnten sich in Schutzräume retten. Im ganzen Land hausen Hundertausende in Notunterkünften.

AP/ Kyodo News

Tokio - Am Münchener Flughafen landete am Samstagabend eine der ersten Maschinen aus Japan. In der Ankunftshalle flossen Tränen der Erleichterung, die Passagiere berichteten von gespenstisch leeren Straßen in Tokio. Viele Sehenswürdigkeiten wie der Tokio Tower, der Tsutenkaku Tower in Osaka, die Rainbow Bridge in Tokio und die Bay Bridge in Yokohama - sonst über Nacht beleuchtet - blieben dunkel. Die Regierung hat die Bevölkerung zum Stromsparen aufgerufen.

Bei der größten Naturkatastrophe in der Geschichte Japans sollen mehr als 1800 Menschen ums Leben gekommen sein. Diese Zahl ergibt sich nach Meldungen der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo vom Sonntagmorgen (Ortszeit) aus der bisher von der Polizei bestätigten Zahl von 687 Toten und der Zahl der Vermissten. Allerdings wird erwartet, dass die Zahl der Todesopfer noch immens steigen wird: Allein in Minamisanriku, einer Ortschaft in der schwer betroffenen Provinz Miyagi, wurden 9500 Menschen vermisst.

Das japanische Fernsehen zeigte Bilder von großflächigen Überschwemmungen an der Küste. Von Schiffen und Autos, die wie Spielzeug durch die Fluten schossen - und von Menschen, die auf den Dächern umfluteter Häuser um Hilfe baten. Viele von ihnen verbrachten die eiskalte Nacht zum Sonntag frierend im Freien.

3000 Menschen seien gerettet worden, sagte Ministerpräsident Naoto Kan am Samstag, der die Katastrophenregion per Helikopter besuchte. Er rief die Bürger auf, das beispiellose Desaster gemeinsam zu überwinden.

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Tsunami-Folgen: Explosion in Kernkraftwerk
Etwa 21.000 Menschen kamen in Notunterkünften unter, weitere 300.000 mussten nach Polizeiangaben ihre Häuser verlassen. Darunter sind auch 80.000 Anwohner des Atomkraftwerks Fukushima, in dem es nach dem Erdbeben zu einem ernsten Störfall und am Samstag zu einer Explosion kam.

Die Lage in der Krisenregion Fukushima bleibt angespannt: Lange Schlangen bilden sich bei der Ausgabe von Trinkwasser, Verletzte werden per Helikopter abtransportiert. Ein Team von Strahlenschutzexperten untersucht die Situation rund um den Unglücksreaktor, berichtet der Sender NHK.

Die japanische Armee hat für die Rettungsarbeiten bislang 50.000 Soldaten, Dutzende Schiffe und Hunderte Flugzeuge mobilisiert. Einem kurzfristigen Hilfsfonds für die Opfer hatte Japans Regierung jedoch eine Absage erteilt.

Aus aller Welt wurde der japanischen Regierung Hilfe angeboten. Die USA schickten 150 Rettungshelfer, 75 Tonnen Bergungsausrüstung sowie eine Marine-Flotte in das Katastrophengebiet. Zahlreiche weitere Staaten stellten Hilfe bereit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte langfristige Unterstützung beim Wiederaufbau der zerstörten Landstriche zu: "Wir sehen mit Schrecken, wie ein Erdbeben, ein Tsunami, Urgewalten der Natur, ein Land in die Katastrophe führt." Merkel sprach von einem "Stück Demut und Ehrfurcht" vor der Natur. Japan habe Tausende Tote zu beklagen. Das Ausmaß der Schäden und das Leiden seien enorm. "Wir stehen an der Seite Japans. Wir stehen bereit und helfen, wo wir helfen können."

Nach der Lagebesprechung mit dem Krisenstab kündigte Merkel eine Überprüfung der Sicherheitsstandards bei den deutschen Atomkraftwerken an. "Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt." Wenn in einem hoch entwickelten Land wie Japan ein solcher Unfall passiere, könne "auch Deutschland nicht einfach zur Tagesordnung übergehen".

"Es gibt keinen Grund zur Panik"

Russlands Regierungschef Wladimir Putin hat versprochen, Japan notfalls mit Flüssiggas auszuhelfen. "Japan ist ein freundlicher Nachbar, und trotz einiger Probleme müssen wir gute Partner sein und alles Mögliche dafür tun, die Energieressourcen aufzufüllen", sagte Putin nach Angaben der Agentur Interfax. Nach Ansicht der staatlichen russischen Wetterbehörde Rosgidromet droht derzeit keine Gefahr für Russland. Der Wind wehe mögliche radioaktive Wolken auf den Pazifik hinaus, sagte der Chef der Behörde. "Es gibt keinen Grund zur Panik."

Nachbeben hielten die Bewohner selbst in weit vom Epizentrum entfernten Gegenden in Atem: Die US-Wissenschaftsbehörde United States Geological Survey (USGC) registrierte seit Freitag allein 25 Beben ab der Stärke 6. Hinzu kamen über 150 schwächere Nachbeben. Satellitendaten aus Deutschland belegen, dass der Tsunami stellenweise bis zu fünf Kilometer ins Land vorgedrungen ist.

Auch im Großraum Tokio wurden die Menschen von einer neuen schweren Erschütterung aufgeschreckt. Dennoch schien zumindest auf den ersten Blick am ehesten in der Hauptstadt so etwas wie Alltag zurückzukehren. Am Bahnhof ging es am Samstag recht ruhig zu. An den Schaltern bildeten sich keine übermäßig langen Schlangen von Menschen, die vorübergehend im Süden des Landes Zuflucht suchen wollten.

Der Zug von Tokio Richtung Osaka im Süden war am Samstag ebenfalls nicht überfüllt. Der 28-jährige Software-Entwickler Shinji Masui sagte, das Erdbeben mache ihm Angst: "Deswegen fahre ich zu meiner Familie in den Süden." Auch Mirami, eine junge Frau aus Tokio, flüchtet für eine Woche nach Kyoto, "bis alles vorbei ist".

Das THW macht sich an die Arbeit

Die ersten deutschen Helfer landeten am Samstagabend in der Katastrophenregion. Darunter Experten des Technischen Hilfswerks (THW), die die Einsatzoptionen sondieren sollen, damit das zweite THW-Team sofort mit der Arbeit beginnen kann.

Ein Team der I.S.A.R. Germany (International Search and Rescue) aus Duisburg brach hingegen wegen der Gefahr durch das schwerbeschädigte AKW seinen Einsatz vorerst ab und flog direkt nach der Ankunft in Tokio wieder zurück nach Deutschland. "Wir wissen nicht, was in den nächsten Tagen passiert mit den Atomkraftwerken. Da hat die Einsatzleitung entscheiden, dass Sicherheit vorgeht und wir nicht in das Land einreisen werden."

Das Auswärtige Amt riet von nicht erforderlichen Reisen in den Großraum Tokio und den Nordosten Japans ab. Nach Angaben einer Sprecherin hat das Außenamt bislang keine Hinweise auf deutsche Opfer der Erdbebenkatastrophe. In Japan leben Schätzungen zufolge etwa 5000 Deutsche, vor allem in den Ballungszentren Tokio, Osaka und Yokohama. Etwa 100 Deutsche befinden sich in der am schwersten von der Katastrophe betroffenen Region im Nordosten der Hauptinsel Honshu.

Das gewaltige Beben hatte Japan am Freitag gegen 14.45 Uhr Ortszeit (6.45 Uhr MEZ) erschüttert. Im gesamten Pazifikraum waren danach in etwa 50 Ländern zeitweise Tsunami-Warnungen ausgelöst worden. In Kalifornien wurde ein junger Mann von der Welle mitgerissen und ertrank. In Ecuador waren mehr als 260.000 Menschen aus küstennahen Regionen in Sicherheit gebracht worden, in Chile wurden ebenfalls Zehntausende Bewohner aus tief gelegenen Küstenstrichen in höheres Gelände gebracht.

Beben verschob große Landmassen

In Indonesien kam bei dem Tsunami ein Mensch ums Leben; etliche Häuser wurden zerstört. Die von dem Erdbeben vor Japan ausgelöste Welle war etwa zwei Meter hoch, als sie gegen Mitternacht einen Küstenabschnitt in Papua auf der Insel Neuguinea überflutete.

Die katholische Hilfsorganisation Caritas International rief ebenso wie die Diakonie Katastrophenhilfe zu Spenden auf und stellte zudem 50.000 Euro Soforthilfe zur Verfügung. Für die Erdbebenopfer werde derzeit ein schneller Hilfseinsatz vorbereitet, sagte ein Sprecher der Organisation. Derzeit sei die Lage aber noch sehr unübersichtlich. Auch andere Hilfsorganisationen bereiten Einsätze in Japan vor.

Nach Angaben von Wissenschaftlern hat das Erdbeben mit seiner Wucht große Landmassen verschoben und den Lauf der Welt verändert. Die japanische Hauptinsel sei um 2,40 Meter verrückt worden, sagte Kenneth Hudnut von der US-Geologiebehörde dem Fernsehsender CNN.

Das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie ermittelte nach eigenen Angaben außerdem, dass das Beben mit einer Stärke von 8,9 die Achse der Erdrotation um rund 10 Zentimeter verschoben hat. Das wäre wahrscheinlich die größte Verschiebung durch ein Erdbeben seit 1960, als Chile erschüttert wurde.

jjc/dpa/Reuters

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simpelkopp, 13.03.2011
1. verwuestete Kuestenstadt
Zitat von sysopErst waren es Vermutungen, nun wird es Gewissheit: Der Tsunami hat die Küstenstadt Minamisanriku im Nordosten Japans völlig verwüstet, allein dort werden mehr als 10.000 Menschen vermisst - einige Tausende konnten sich in Schutzräume retten. Im ganzen Land hausen Hundertausende in Notunterkünften. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750620,00.html
Ist doch gar nichts im Vergleich zur weggeblasenen Aussenhaut des Reaktors. So sieht es doch auch die japanische Bevoelkerung. Nicht wahr? simpelkopp
capitain_future 13.03.2011
2. Solidärität der Nachbarnländern
Zitat von sysopErst waren es Vermutungen, nun wird es Gewissheit: Der Tsunami hat die Küstenstadt Minamisanriku im Nordosten Japans völlig verwüstet, allein dort werden mehr als 10.000 Menschen vermisst - einige Tausende konnten sich in Schutzräume retten. Im ganzen Land hausen Hundertausende in Notunterkünften. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750620,00.html
Ich hoffe mal das die jap. Regierung die Bevölkerung rechtzeitig per Radio,Tv.. gewarnt hat,sich in höhere Gebiet z.b. Berge ,vor der Flutwelle zu flüchten. Gegen den GAU: Auch sollten die Nachbarländern Boote,Hubschrauber und Hilfsmaterial schicken,und zusehen das per Experten und Material, das die Atomreaktoren nicht hochgehen.
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