Vergewaltigte Gefängnispsychologin "Ich will nicht so erbärmlich sterben"

Sie hatte dem Häftling eine gute Prognose gestellt: Im April 2009 wurde die Gefängnispsychologin Susanne Preusker von einem Mörder in ihrem Büro als Geisel genommen und vergewaltigt. Ein WDR-Film zeigt, wie die sieben Stunden Gefangenschaft das Leben einer intakten Familie erschüttert haben.

WDR/ Bildersturm Filmproduktion

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Ein kleines Büro in der sozialtherapeutischen Abteilung der Justizvollzugsanstalt Straubing, Bayerns Hochsicherheitsgefängnis. Es ist der 7. April 2009, 17.15 Uhr. Der Häftling Roland K. telefoniert mit einer Bekannten, seine Therapeutin Susanne Preusker führt die Aufsicht. Sie ist die Leiterin der Station, eine gefragte Gutachterin und Dozentin. Es ist ihr Büro. Seit mehr als vier Jahren versucht sie, dem verurteilten Mörder und Sexualstraftäter den Weg in die Resozialisierung zu ebnen. Sie vertraut ihm irgendwie. Aber noch mehr vertraut sie sich selbst.

Roland K. legt auf, zieht ein selbstgebasteltes Messer hervor, hält es Susanne Preusker an den Hals. Es kommt zur Rangelei. Er nimmt sie in den Schwitzkasten. Sie soll ihm ihren Schlüsselbund aushändigen. "Sonst schlag ich dir alle Zähne aus", droht er ihr. Sie gehorcht, sie kennt sein Gefahrenpotential. Sie weiß, wenn sie schreit, wird es sie das Leben kosten.

Roland K. schließt das Büro ab, verrammelt die Tür mit Mobiliar, fesselt Susanne Preusker und knebelt sie mit ihrem eigenen Schal. Aus der Akte weiß die Psychologin: K.s letztes Opfer erstickte an seiner Knebelung. Er droht, ihr den Mund und die Augen mit Sekundenkleber zu verkleben oder ihn mit einer dünnen Kanüle direkt in ihre Venen zu spritzen. Er reißt ihr die Kleidung herunter, vergewaltigt sie. Wieder und wieder. Sieben Stunden lang. Susanne Preusker hat Todesangst.

In ihrer grenzenlosen Panik entwickelt sie einen fast übermenschlichen Überlebenswillen. So will sie nicht ums Leben kommen. "Ich dachte: Ich will nicht in diesem Scheißknast, in diesem Scheißbüro durch so einen beschissenen Typen auf so erbärmliche Art und Weise sterben", sagt Susanne Preusker in der WDR-Dokumentation "Sieben Stunden Todesangst". Ein Film von Karin Jurschick, der an die Schmerzgrenze geht.

Im Mittelpunkt stehen neben der Gefängnispsychologin ihr Ehemann Wolfram und ihr Sohn David. Sie erklären, wie die sieben Stunden, in denen Susanne Preusker um ihr Leben fürchtete, auch ihr eigenes aus der Bahn geworfen haben. Ohne Scheu sprechen die beiden Männer über ihre Gefühle und Gedanken.

"Deine Frau ist raus. Es ist alles gut."

Susanne Preusker ist 52 Jahre alt, ihre blonden Haare fallen auf ihre Schultern. Seit sie aus ihrem Büro wankte, ist für sie nichts mehr sicher. Selbst ihrem Ehemann traut sie in Angstattacken nicht mehr. Ein unzumutbares Leben hat ihr der Täter bereitet.

Und ihrer Familie.

Ihr Sohn David, 21, ist ein Footballspieler mit breitem Kreuz und hellblauen Augen. Das Verbrechen an seiner Mutter hat ihn schockiert, ihr Anblick nach der Tat hat ihn zutiefst erschüttert. "Es war nicht meine Mutter, wie ich sie in Erinnerung hatte", sagt er im Film. "Es war eine total zerstörte Frau." In seinen Worten schwingt die Hilflosigkeit mit, gegen die er seither anzukämpfen versucht. In seiner kleinen Dachwohnung hat er einen Baseballschläger stehen, direkt links neben der Tür. Für alle Fälle. Die Tat hat auch David das Selbstvertrauen geraubt.

Preuskers Ehemann Wolfram erinnert sich an den erlösenden Anruf eines Polizeibeamten an jenem Tag. "Deine Frau ist raus. Es ist alles gut." Nichts war gut. In der WDR-Dokumentation beschreibt er das Wiedersehen mit seiner Ehefrau, die nichts mehr gemein hatte mit der Frau, die morgens aus dem Haus gegangen war. "Sie weinte leise, sie wimmerte nur."

Zehn Tage später wollten sie sich das Ja-Wort geben. "Jetzt können wir nicht mehr heiraten", flüsterte Susanne Preusker. "Ohne Zweifel", antwortete er, "nun erst recht." Nach der Trauung fuhren sie in ein Hotel nach Bad Sachsa, setzten sich auf den Balkon ihres Zimmers, tranken ein Bier aus der Dose. Furchtbar viel geschwiegen hätten sie in den Tagen danach, erinnert sich Preuskers Ehemann im Film.

"Ich habe keine Angst, ich habe nur so eine Wut"

Susanne Preusker erkämpft sich seither jeden noch so kleinen Freiraum zurück. Die Fahrt in eine Tiefgarage hat sie monatelang mit einer Therapeutin geübt. Ein vergittertes Fenster, ihr Mann beim Brotschneiden mit einem Messer in der Hand - die kleinste Kleinigkeit kann Panikattacken, hysterische Anfälle auslösen.

Die sieben Stunden, die aus ihrem normalen, vor sich hinplätschernden Leben eine Katastrophe machten, nennt sie heute "Niemandsland".

Mit jedem noch so winzigen Freiraum erkämpft sich Susanne Preusker auch Vertrauen zurück. Noch einen Tag vor der Tat hätte sie es nicht für möglich gehalten, dass Roland K. sie angreifen könnte. Nicht er. Schon gar nicht in ihrem Büro mitten im Gefängnis, wo sie sich sicher fühlte. "Dass man sich so irren kann", sagt sie im Film. Es scheint sie heute mehr zu quälen als die Stunden in Todesangst. "Es hat mein ganzes Vertrauen in mich, meine Wahrnehmung, meine Fähigkeiten und Sicherheiten dieser Welt erschüttert."

Roland K. hat ihr vieles genommen. "Meine berufliche Integrität, dieses Leben, was ich gerne hatte, er hat meinem Sohn die toughe, gut organisierte, lustige Mama genommen." Ihr Sohn habe sie in einem furchtbaren Zustand gesehen. "Niemand sollte seine Mutter so sehen müssen."

Susanne Preusker schreibt Roland K. einen Brief. Das TV-Team begleitet sie, als sie ihn in einem Gefängnisflur laut verlesen will. Sie braucht zwei Anläufe. "So ein Arschloch", weint sie in die Jacke ihres Ehemannes. Es sind Tränen des Zorns. "Ich habe keine Angst, ich habe nur so eine Wut", reißt sie sich zusammen.

Es war ihr wichtig, dass Roland K. diesen Brief bekommt, sagt sie. Sie schildert ihm darin den Tag, an dem er versuchte, sie zu ruinieren. Er hat ihr ein Leben aufgezwungen, das sie sich nicht ausgesucht hat. Ihre Botschaft an ihn ist dennoch unmissverständlich: "Sie haben mich nicht zerstört."

Es sind keine leeren Worte. Als sie in der dunklen Tiefgarage am Steuer ihres Wagens sitzt, den Kopf an die Stütze gelehnt, sagt sie den entscheidenden Satz: "Ich habe die leise Hoffnung, dass es vielleicht in ein paar Jahren oder irgendwann mal wieder ganz normal geht."

"Sieben Stunden Todesangst", WDR, Donnerstag, 22.30 Uhr



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