TV-Reporter Foda über die Binalshibh-Festnahme "Ich habe niemanden ans Messer geliefert!"

Al-Dschasira-Reporter Yusri Foda ist nicht zu beneiden. Sein Interview mit zwei al-Qaida-Terroristen machte weltweit Schlagzeilen. Nun aber heißt es, durch seine Kontakte hätten die Behörden den Terroristen Binalshibh gefasst. Die Spekulationen machen den Reporter zum Ziel möglicher Rache-Akte.

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Terror-Berichterstattung aus erster Hand: TV-Sender al-Dschasira mit Sitz in Katar.
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Terror-Berichterstattung aus erster Hand: TV-Sender al-Dschasira mit Sitz in Katar.

Karatchi/Doha/Berlin - Yusri Foda kann die Aufregung um seine Person nicht verstehen. "Ich habe nur meinen Job gemacht", sagt der in London lebende TV-Reporter des arabischen Nachrichtensenders al-Dschsira, "nicht mehr und nicht weniger." Es sei ihm nur um Informationen gegangen, nicht um Bewertungen oder Analysen. Nur deshalb habe er sich mit den beiden al-Qaida-Leuten Ramsi Binalshibh und Scheich Khalid Mohamed getroffen und sie über zwei Tage hinweg mehrmals interviewt.

Dass Fodas Job kein ganz normaler war, wusste er vermutlich schon im Juni 2002, als er für die konspirativen Interviews in die Millionenstadt Karatschi flog. Denn was der Reporter für seine Magazin-Sendung "Top Secret" aufnahm, war eine journalistische Sensation: Gleich zwei Top-Leute der al-Qaida sagten vor der Kamera, die Anschläge am 11. September seien ihr Werk und berichteten en detail über die Planungen. Es war der erste Beweis, dass Osama Bin Ladens Organisation wirklich hinter den Attacken stand und zugleich ein Beleg dafür, dass al-Qaida weiter lebt - so unbehelligt, dass die al-Qaida-Männer sogar Interviews geben können.

Festnahme durch Telefonüberwachung?

Die Freude über den Erfolg währte bei Yusri Foda hingegen nicht lange. Denn zwei Tage nachdem seine Sendung auf der ganzen Welt ausgestrahlt wurde, verhaftete die pakistanische Polizei den Jemeniten Ramsi Binalshibh und mehrere andere mutmaßliche al-Qaida-Mitglieder in einem Appartement in Karatschi. Mittlerweile soll der ehemalige Mitbewohner und Organisator der Hamburger Terror-Zelle um Mohammed Atta bereits in US-Gewahrsam an einem unbekannten Ort sein.

Innenminister Otto Schily bekam für seine Zurückhaltung Lob vom US-Kollegen John Ashcroft
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Innenminister Otto Schily bekam für seine Zurückhaltung Lob vom US-Kollegen John Ashcroft

Die Zukunft Binalshibhs interessiert Yusri Foda zur Zeit jedoch weniger, er sorgt sich mehr um sich selbst. Denn schnell verlautete aus anonymer Quelle in den USA und Pakistan, die Festnahme des Top-Terroristen Binalshibh stehe in Zusammenhang mit den Interviews von Yusri Foda: Man habe bei seinen Treffen mit den Terroristen das Mobiltelefon des Reporters verfolgt und habe auf diesem Weg Binalshibh lokalisieren können. Andere Quellen berichteten über von Binalshibh geführte Telefonate mit einem leicht lokalisierbaren Satelliten-Telefon, das die Geheimdienstler abgehört und dabei Binalshibhs charakteristische Stimme identifiziert hätten.

Von Gerüchten bleibt immer irgendwas hängen

Die erste Version könnte für Yusri Foda gefährlich werden. Denn gleich, ob sie stimmt oder nicht, erweckt sie den Eindruck, der Journalist habe mit den Behörden gemeinsam agiert, um einen Terroristen zu fangen. Schnell könnte Foda so selbst zum Ziel der Terroristen werden. Folglich weist er die Spekulationen scharf zurück. "Ich habe niemanden ans Messer geliefert und auch mit niemanden kooperiert", sagte er SPIEGEL ONLINE am Montag. "Meine Arbeit war und ist eine journalistische und dies verbietet eine Kooperation mit den Diensten", so Foda weiter.

Die Spekulationen seien unsinnig, meint Foda. Hätten die Geheimdienste Binalshibh tatsächlich bei seinem Treffen im Juni lokalisiert, hätten sie seiner Meinung nach viel früher zugeschlagen. Auch die kursierende Behauptung, er habe eine Rufnummer der Terroristen an die Behörden weiter gegeben, sei Unsinn, ärgert sich Foda. "Ich hatte nie eine Nummer, da immer sie mich angerufen haben und diese Gespräche liefen von einer Telefon-Zelle aus", sagt der Reporter.

Keine Auskünfte an die Geheimdienste

Über den Ort, an den er über verschlungene Umwege für das Interview gebracht worden war, hätte er den Behörden auch gar nichts verraten können. "Die Fenster waren verbarrikadiert und ich hatte bis zum Betreten der Wohnung die Augen verbunden", beschreibt Foda die Vorsichtsmaßnahmen der al-Qaida-Truppe bei dem Interview. Er könne sich nur noch erinnern, dass die Wohnung im vierten Stock lag, was er beim Ersteigen der Treppen mitgezählt haben will. Die vergangene Woche gestürmte Terroristen-Bleibe hingegen soll im dritten Stock eines Gebäudes in Karatschi gelegen haben, berichteten pakistanische und US-Medien gleichlautend.

Seit einem Jahr sucht das Bundeskriminalamt auf der ganzen Welt nach Ramsi Binalshibh
DPA

Seit einem Jahr sucht das Bundeskriminalamt auf der ganzen Welt nach Ramsi Binalshibh

Trotz der Beteuerungen des Reporters Foda sind sich auch deutsche Sicherheitsexperten sicher, dass die Festnahme Binalshibhs mit dem Interview "irgendwas" zu tun hatte. Es sei aber ebenso möglich, so ein Ermittler, dass die USA nach der Ankündigung des Videos auf al-Dschasira den Druck auf ihre pakistanischen Kollegen stark erhört haben. "Plötzlich wusste man ja, dass Binalshibh offenbar irgendwo in Karatschi war", so ein deutscher Geheimdienstler. Mit dieser vagen Information konnte man sich mit Abhör- und Razzia-Maßnahmen auf die Stadt konzentrieren.

Dazu passen Meldungen aus pakistanischen Zeitungen. Sie schreiben über den Vorlauf der Festnahme, dass die Polizei erst bei Razzien von Passfälschern und anderen Kleinkriminellen die entscheidenden Tipps auf Binalshibh bekommen habe. Gegen die Version vom abgehörten Mobiltelefon spricht ebenfalls, dass die Polizei in Karatschi erst zwei Tage nach der Festnahme Binalshibhs ihren Erfolg bekannt gab. "Wenn man gezielt zugegriffen hätte, wäre das wohl gerade am 11. September sofort mitgeteilt worden", so der deutsche Geheimdiensmitarbeiter. Bisher wissen die deutschen Behörden jedoch auch keine Details über die Festnahme.

Leichtsinn oder Eitelkeit?

Wahrscheinlicher ist da schon die Version mit dem abgehörten Satelliten-Telefon. Schon das von den al-Qaida-Leuten ohne Not eingefädelte Interview mit al-Dschasira zeigt, dass der weltweit gesuchte Binalshibh sich offenbar in Karatschi sehr sicher fühlte. Entgegen der früheren al-Qaida-Praxis übergaben in diesem Fall nicht Verbindungsleute ein Band mit Aussagen von Terroristen über Umwege an al-Dschasira, sondern ein Reporter wurde persönlich zum Interview bestellt. Ebenso unvorsichtig könnten sich Binalshibh und seine Kumpanen auch in Sachen Telefon und Kommunikation verhalten haben. Für sie war es kein Geheimnis, dass gerade die Satelliten-Telefone besonders leicht abhörbar und vor allem ortbar sind. Ihr mutmaßlicher Anführer Osama Bin Laden wurde diese leichte Lokalisierung einmal sogar fast zum Verhängnis.

Dieser Mann soll Ramsi Binalshibh sein. Mittlerweile ist er an die USA übergeben worden
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Dieser Mann soll Ramsi Binalshibh sein. Mittlerweile ist er an die USA übergeben worden

Yusri Foda gibt sich dennoch zuversichtlich. "Die al-Qaida weiß, dass ich Binalshibh nicht verraten habe", sagt er mit sicherer Stimme. Dehalb sieht er sich selber nicht in Gefahr. Schon bald werde die Wahrheit ans Licht kommen, wie die Polizei Binalshibh gefasst habe, glaubt der al-Dschasira-Reporter.

Streit um die Beweise gegen Binalshibh?

Ramsi Binalshibh selber soll mittlerweile bereits an die US-Behörden übergeben worden sein, die ihn nun befragen. Die deutschen Behörden haben hingegen offenbar aufgegeben, einen Auslieferungsantrag für Binalshibh zu stellen. Noch am Samstag hatte Innenminister Otto Schily eine Auslieferung in Erwägung gezogen, sie jedoch am Sonntag wieder verworfen. Die neue Linie des Innenministers: Die Anschläge fanden in den USA statt, deshalb hat die US-Justiz den Vortritt. Von denn USA bekam Schily dafür Lob. US-Justizminister John Ashcroft sagte, dies sei ein Beispiel für weitere Fälle in der Zukunft.

Streit könnte es trotzdem geben. Denn bisher weigerte sich Deutschland, Beweise gegen in den USA vor Gericht stehende Angeklagte zu liefern, wenn diesen die Todesstrafe droht. Auch Binalshibh wäre jedoch bei einem Prozess in den USA ein sicherer Kandidat für den elektrischen Stuhl oder die Giftspritze. Bisher hat sich das Bundesjustizministerium nicht klar zu dem Vorgang geäußert, doch es gilt als sicher, dass Ministerin Herta Däubler-Gmelin ihre Linie auch bei Binalshibh nicht ändern will.

Urteil mit US-Beweisen

Dass es jedoch zu einem echten Zwist kommt, ist unwahrscheinlich. Denn im Gegensatz zu den bisherigen Fällen, in denen Deutschland die Beweismittel verweigerte, ist die Lage bei Binalshibh eine andere. Schon mit den Fakten der US-Ermittler könnte ein Geschworeren-Gericht in den USA den Jemeniten vermutlich zum Tode verurteilen, denn Binalshibh hatte eine wesentlich zentralere Rolle in der Hamburger Terror-Zelle als beispielsweise Zacharias Moussaoui, der bereits in den USA vor Gericht steht. In seinem Fall weigern sich die deutschen Behörden bis heute, die in Deutschland erlangten Beweise zu liefern. Das US-Recht schreibt jedoch zwingend vor, dass die Original-Beweise mit Einwilligung der nationalen Polizei an die USA übergeben werden.

Im Fall Binalshibh hingegen könnte es sein, dass den US-Staatsanwälten das reicht, was sie selbst als Original gegen Binalshibh haben: Seine Versuche, in die USA zu reisen, die Geld-Überweisungen von Hamburg an die Komplizen Atta und Co. in die USA und natürlich auch die Video-Aufzeichnungen von TV-Reporter Yusri Foda. Auch wenn es keine richterliche Vernehmung war, hat Foda schon im Juni die gleichen Fragen gestellt, die Binalshibh sich nun von US-Ermittlern unter weniger angenehmen Umständen anhören muss.



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