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02. Mai 2007, 17:58 Uhr

U-Bahn-Retter Autrey

Der gefledderte Held von New York

Er war ein Niemand, doch eine Rettungstat in der U-Bahn machte den Amerikaner Wesley Autrey zum Helden. Sein Leben, wie er es kannte, war danach zu Ende. Die Medien übernahmen die Regie. Protokoll eines 15-Minuten-Ruhms - und wie er das Leben Autreys zerstörte.

New York - Am Anfang, direkt nach seiner Heldentat, wollte Wesley Autrey noch ganz normal zur Arbeit fahren. Doch als der 50 Jahre alte, großgewachsene New Yorker aus jener U-Bahn Station trat, in der er gerade einem Studenten das Leben gerettet hatte, ahnte er: Sein geregeltes Leben als Bauarbeiter und Familienvater war zu Ende.

Wesley Autrey: Jeder verdiente Cent ist potentielle Streitmasse
Getty Images

Wesley Autrey: Jeder verdiente Cent ist potentielle Streitmasse

Das "New York Magazine" schildert, wie sich die ersten Minuten als Held für Autrey anfühlten: An der 137. Straße in Harlem balgten sich bereits die Zeitungsreporter darum, Autrey ins Krankenhaus zu fahren. Dort sollte er sich vorsorglich untersuchen lassen, nachdem er mit einer todesmutigen Hechtrolle den 20 Jahre alten Cameron Hollopeter davor bewahrt hatte, von einem herandonnernden Zug zermalmt zu werden.

Die Fernsehleute dagegen wollten Autrey wieder zurück in den U-Bahn-Schacht zerren, um das Geschehen für ihre Abendsendung noch einmal nachzustellen. Agenten aller großen US-Talkshows von David Letterman bis Ellen DeGeneres steckten ihm ihre Karten zu. Als er endlich nach Hause kam, war sein Anrufbeantworter bereits voll mit Nachrichten prominenter New Yorker von Hillary Clinton bis Donald Trump.

All das ist jetzt beinahe vier Monate her. Auf seiner Baustelle war Wesley Autrey seitdem nicht mehr, und auch sonst hat sich sein Leben komplett verändert. In seine bescheidene Einzimmer-Wohnung in Harlem kehrt er nur noch selten zurück, weil sie ständig belagert wird – meist versteckt er sich bei seiner Schwester Linda in der Bronx. Für seine beiden Töchter, die vier Jahre alte Shuqui und die sechs Jahre alte Syshe, hat er kaum noch Zeit, obwohl er nicht mehr arbeitet. Und wenn er gefragt wird, ob er sich manchmal wünscht, dass das alles nicht geschehen wäre, muss er lange überlegen.

Dicker Schmatzer von George W. Bush

Was Wesley Autrey seit dem 2. Januar widerfährt, ist ein bitteres Lehrstück über die Kehrseite des Ruhms. Er wurde herumgereicht, vom New Yorker Bürgermeister bis hin zu Präsident George W. Bush wollte sich jeder mit ihm ablichten lassen. Berater und Manager rissen sich um ihn, aber bis auf einen geschenkten Jeep, eine U-Bahn-Jahreskarte und einen einmaligen Scheck über 10.000 Dollar von Donald Trump hat Autrey bislang nichts Greifbares in der Hand. Dafür hat er eine Klage am Hals - und kein normales Leben mehr, in das er so einfach zurückkehren könnte.

In den Wochen nach seiner Heldentat kam Autrey kaum dazu, das Hemd zu wechseln. An einem Tag war er im Fernsehstudio in Los Angeles, am nächsten Tag sollte er an der Wall Street in New York die Glocke zum Start des Börsenhandels läuten. Weiter ging’s zum Gouverneur von New York in Albany, von da zur Versammlung der Bauarbeitergewerkschaft. Schließlich fand sich Autrey in Washington wieder, wo er als Gast von Hillary Clinton der Präsidentenrede zur Lage der Nation beiwohnte. Bush persönlich empfing Autrey im Weißen Haus, verpasste ihm einen dicken fotogenen Schmatzer.

Autrey fühlte sich bald überfordert. Das alles hatte der bescheidene, freundliche Mann nie gewollt. Er machte es nur mit, weil er sich gegenüber seinen Töchtern verpflichtet fühlte, die vermeintliche Chance auf eine bessere Zukunft am Schopf zu packen. Wie er seinen Ruhm in bares Geld ummünzen soll, weiß er allerdings bis heute nicht. Deshalb bat er seinen Bruder, einen Buchhalter in Washington, ihm einen Manager zu besorgen.

Robert Autrey vermittelte Wesley eine PR-Expertin aus Washington namens Doris McMillion. Sie begleitete Autrey zu ein paar Fernsehterminen, wollte ihm den Weg zu einer Karriere als "Motivations-Redner" auf Firmenveranstaltungen ebnen. Doch das war Autrey zu vage und zu fremd. Außerdem wollte er lieber jemanden haben, mit dem er jederzeit persönlich reden kann, jemanden aus New York.

Verflossene Liebhaberinnen melden sich zurück

Inzwischen bedrängten Autrey nicht mehr nur Talk-Show Moderatoren und Politiker, sondern auch Verwandte und vermeintliche Freunde. Wie Autrey dem Magazin "New York" berichtete, riefen reihenweise verflossene Liebehaberinnen bei ihm an und wollten wieder anbändeln. Sein Vater meldete sich erstmals seit 30 Jahren. "Er hat unumwunden gesagt, ich sollte ihm etwas von meinem neuen Reichtum abgeben", sagte Autrey "New York". "Er hat nicht einmal gefragt, wie es meinen Töchtern geht."

Bei einer Gala im noblen Waldorf Astoria Hotel an der Park Avenue lernte Autrey dann Mark Anthony Esposito kennen. Esposito bezeichnet sich als "Filmemacher, Formel 1-Pilot, Bluesmusiker, unveröffentlichter Schriftsteller sowie spiritueller Gelehrter." Der Tausendsassa verfügte über beträchtliches Charisma, er war wie Autrey eingefleischter New Yorker und er hatte große Pläne für den U-Bahn-Helden. Von Filmverträgen und Buchdeals war die Rede, und so unterschrieb Autrey nur Tage nach dem Empfang im Waldorf einen Vertrag mit Esposito.

Esposito hielt Autrey das vier Seiten-Papier zwischen zwei Terminen unter die Nase. Autrey hatte keine Zeit, das Kleingedruckte zu lesen. Er vertraute Esposito. Dass er das nicht hätte tun sollen, musste er allerdings allzu schnell, allzu schmerzlich erfahren.

Autrey hatte 50 Prozent aller Erlöse "aus der Vermarktung seines Namens, seines Rufes und seiner Geschichte" an Esposito abgetreten. Diese "Vermarktung" bestand indes vor allem darin, für Interviews und öffentliche Auftritte absurd hohe Summen zu verlangen, sowie aus einem kruden Filmdrehbuch: Darin rettet ein ehemaliger Soldat namens Wesley einen Studenten in der U-Bahn. Daraufhin werden seine Kinder von einem islamischen Terroristen gekidnappt und es werden ihnen Computerchips im Gehirn implantiert, um sie als Spione zu missbrauchen. Am Ende klärt Wesley alles auf und rettet die Welt.

Seit rund einem Monat versucht Wesley Autrey nun, sich wieder von Esposito zu trennen. Das ist allerdings langwierig und kostspielig. Der unterzeichnete Vertrag lässt sich nur mit Hilfe von Anwälten auflösen und in der Zwischenzeit ist jeder Cent, den Autrey verdient, potenzielle Streitmasse. Das Medieninteresse an ihm ebbt allerdings ohnehin langsam ab.

Trotz allem hofft Autrey immer noch, aus seiner Tat Kapital schlagen zu können. Noch ist er nicht so weit, einfach wieder auf seine Baustelle zurückzukehren.

Sebastian Moll

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