U-Bahn-Streik: 249 Kilometer Stau in São Paulo

Nichts geht mehr in São Paulo: Ein Streik der U-Bahn-Fahrer hat in der brasilianischen Millionenmetropole einen Rekordstau verursacht. Aufgebrachte Pendler mussten zum Teil stundenlang warten. Die Polizei setzte Tränengas gegen randalierende Passagiere an einem Busbahnhof ein.

São Paulo: Rekordstau nach U-Bahn-Protest Fotos
AP

São Paulo - Den Streik hatten die U-Bahn-Fahrer Tage vorher angekündigt - dennoch war die Infrastruktur der Millionenmetropole São Paulo dem Ansturm der Massen nicht gewachsen. Die städtische Verkehrsgesellschaft meldete am Mittwoch Autoschlangen von insgesamt 249 Kilometern Länge in der Stadt - so viel wie noch nie an einem Vormittag.

Schon am Morgen waren selbst die Busbahnhöfe hoffnungslos überfüllt. Die Busse selbst standen im Stau, so wie schätzungsweise bis zu fünf Millionen Brasilianer in ihren Autos. Pendler steckten stundenlang fest. Polizisten auf Motorrädern mussten Krankenwagen den Weg bahnen.

An einigen Busstationen kam es zu tumultartigen Szenen. Nach Angaben lokaler Medien ließen aufgebrachte Passagiere die Luft aus den Reifen von Bussen und blockierten zeitweise selbst die Straßen und eine U-Bahn Station, um ihrem Ärger über den Streik Luft zu machen. Im östlichen Ortsteil Itaquera setzte die Polizei Tränengas ein, um die Menschenmassen aufzulösen.

Zu geringe Investitionen in die Infrastruktur

Die U-Bahn-Fahrer forderten weniger Wochenarbeitszeit und mehr Lohn. 8000 der rund 9000 Beschäftigten hatten die Arbeit niedergelegt. Nach fünf Stunden beendeten die Arbeiter den Streik - nach einer Blitz-Einigung auf rund sechs Prozent mehr Lohn und einen Verpflegungszuschlag.

Der Streik entlarvt jedoch ein grundsätzliches Problem der brasilianischen Mega-Stadt: Die Infrastruktur des Landes bleibt schon seit einiger Zeit hinter dem rapiden ökonomischen Wachstum der vergangenen Jahre zurück. In der Metropolregion São Paulos leben 20 Millionen Menschen, jeden Tag werden 900 neue Fahrzeuge angemeldet.

Die Ausgaben für Straßen und öffentlichen Verkehr wachsen jedoch längst nicht im gleichen Tempo: Laut einer Analyse der Investmentbank Morgan Stanley hat Brasilien in den vergangenen Jahren lediglich 17 Prozent seines Bruttosozialproduktes in Straßenbau investiert - China und Indien wendeten jeweils um die 40 Prozent auf.

Der bisherige Staurekord für São Paulo am Vormittag lag bei 191 Kilometern. Zur Rush-Hour am späten Nachmittag wurde 2009 der Allzeitrekord aufgestellt - mit 293 Kilometern.

usp/Reuters/dpa

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1. <->
silenced 23.05.2012
Tja, und wer es immer noch nicht kapiert hat: die Zukunft liegt im Nahverkehr. Ob der jetzt öffentlich sein muss, das sei erstmal dahingestellt. Doch noch mehr Autos ... egal, es ist seit Jahrzehnten bekannt das Problem, und trotzdem wird nur drumherumgeredet.
2. Tja,
waton 23.05.2012
ich habe viele Jahre in Sao Paulo gelebt. Meine Wohnung war etwa 6 Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt. Habe morgens mit Auto etwa 40 bis 1.1/2 Stunden zur Arbeir gebraucht und abends mal eine Rekordzeit von 2.1/2 gebraucht. U-Bahn gab es wo ich wohnte nicht, Busse konnte man vergessen und fähre man mit dem fahrrad gefahren, wäre man nicht lebend angekommen. Aber dies ist nur ein Problem Brasilien's, warten sie mal nur ab bis zur WM, wird ein reines Chaos werden.
3. kein Wunder
albert schulz 23.05.2012
Eigentlich seit Urzeiten bekannt. Man kann in bevölkerungsreichen Agglomerationen das Auto vergessen. Egal ob Stuttgart, Köln oder Berlin, so viele Straßen kann man gar nicht bauen. Selbst flexible Arbeitszeiten sind nur bedingt tauglich, den Individualverkehr fließen zu lassen. São Paulo als eine der größten Metropolen der Welt war schon bei IVA 1965 in München ein herausragendes Beispiel für die Bewältigung der riesigen Pendlerströme durch den öffentlichem Nahverkehr auf der Schiene und mit Bussen auf eigenen Spuren, damals weltweit einzigartig, in New York (oder Rom etc.) dürfen seit langem weite Bereiche der Innenstadt nur noch mit Bussen oder Taxen befahren werden, weil es anders nicht mehr geht. Und bei mittlerweile zwanzig Millionen Menschen in São Paulo geht eigentlich nur noch öffentlicher Verkehr. Das ist banal und objektiv erkennbar. Man hätte also entweder Bank Holiday feiern müssen oder sämtliche Straßen für Busse freihalten, die man von sonstwoher geholt hätte. Hat man aber nicht. Sollen die Leute sehen, wie sie klarkommen. Nicht sonderlich fürsorglich. Steuern haben einen Sinn. Auch in Deutschland oder Berlin.
4. und wo bleibt der Montrealbericht?
spon-facebook-10000051328 23.05.2012
https://www.facebook.com/OccupyCanada SPON, wasist die bessere Story, 249 KM Stau oder 250.000 offiziell(500.000) Menschen bei Demo in Kanada, Montreal wo gewählt wird ? Ist das Eure Art Infos zu verheimlichen die gar nicht zu verheimlichen sind? Das ist komplett ein Schuss ins eigene Knie wenn ihr das macht, mit Durchschuss ins zweite Bein.
5. Der Nahverkehr kann nicht alles retten
mopsfidel 23.05.2012
Zitat von silencedTja, und wer es immer noch nicht kapiert hat: die Zukunft liegt im Nahverkehr.
Wenn Sie in São Paulo im Südwesten leben und im Nordosten zur Arbeit müssen, sind sie selbst mit dem ÖPNV bis zu 2 Stunden unterwegs. Nun kann man Expresslinien verlegen, andere Linienführungen umsetzen und den Nahverkehr weiter verbessern. Doch wenn dann wie hier die Arbeiter streiken, steht die komplette Metropole still. Andere Megametropolen wie Tokio haben einen sehr gut ausgebauten Nahverkehr. Doch auch hier ist die Gefahr eines Ausfalls jederzeit gegeben. Streik, Stromausfall, Personenschaden, Havarie .. die Möglichkeiten für ein Chaos im Nahverkehr sind vielfältig. Metropolen haben ihren Reiz und sind in Teilen effektiver als ein Landdorf. Aber sie sind weitaus anfälliger auf Störungen. Und falls es zum Verkehrsinfarkt kommt, dann mit voller Wucht.
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