U-Boot-Kollision: "Knapp an der Katastrophe vorbei"

Bewaffnet mit Atomraketen stießen sie auf hoher See zusammen: Im Atlantik sind zwei U-Boote aus Frankreich und Großbritannien kollidiert. An Bord: moderne Ortungsgeräte. Wie konnte es trotzdem zu dem Unfall kommen?

London - Den Atommächten Großbritannien und Frankreich dürfte der Zusammenstoß ihrer Atom-U-Boote im Atlantik höchst peinlich sein. Trotz ausgereifter Sonartechnik konnten die beiden U-Boote den Unfall in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar nicht vermeiden. Auf den ersten Blick scheint es zudem höchst unwahrscheinlich, dass in den Weiten des Atlantiks ausgerechnet zwei U-Boote aufeinandertreffen.

"Le Triomphant", "HMS Vanguard": Zwischenfall bei Routinepatrouillen
AFP; AP

"Le Triomphant", "HMS Vanguard": Zwischenfall bei Routinepatrouillen

Vielleicht hatten die beiden reaktorbetriebenen Boote aber auch an einem internationalen Manöver teilgenommen. Das französische Verteidigungsministerium wollte diese Spekulation weder bestätigen noch dementieren.

Immerhin: Von den rund 250 Seeleuten wurde bei der Kollision niemand verletzt, teilten die Verteidigungsministerien beider Atommächte mit.

Der Zusammenprall hätte durchaus ein nuklearer Alptraum werden können: Die mit je 16 Raketen mit nuklearen Mehrfach-Sprengköpfen bestückten Atom-U-Boote bilden jeweils den Kern des nuklearen Abschreckungsprogramms und sind der Stolz der französischen und britischen Marine. Vielleicht kam deswegen die Wahrheit über den Unfall nur scheibchenweise ans Licht.

Zunächst berichtete das französische Verteidigungsministerium von einem Zusammenstoß der "Le Triomphant". Von dem britischen U-Boot der Vanguard-Klasse war da aber noch nicht die Rede, lediglich von einem im Wasser treibenden Container.

Als britische Zeitungen jedoch von der Sache Wind bekamen, wollte das Verteidigungsministerium in London den Unfall erst nicht bestätigen. Es betonte aber zugleich, dass die nukleare Sicherheit nicht beeinträchtigt gewesen sei. Auch in Paris gab es zunächst "keinen Kommentar" und dann ein dürres Kommuniqué mit beschwichtigenden Worten: Das Tempo der jeweils etwa 150 Meter langen U-Boote sei gering gewesen, niemand sei verletzt, die Atomanlagen unversehrt.

Die französische "Le Triomphant" war nach dem Unfall aus eigener Kraft nach Brest zurückgekehrt, heißt es nun. Die britische "HMS Vanguard" hingegen musste nach einem Bericht der Zeitung "The Sun" in ihren schottischen Heimathafen Faslane geschleppt werden.

Zahlreiche Fragen bleiben jedoch offen: Wie viele Atomsprengköpfe befanden sich zum Zeitpunkt des Unfalls tatsächlich an Bord? Wo genau im Nordatlantik geschah der Unfall? Und schließlich die Hauptfrage: Wie kann es sein, dass die bis zu 150 Meter langen Stahlkolosse, die mit hochsensiblen Geräten ausgestattet sind, einfach so kollidieren wie Autos in einer zu engen Straße?

Tatsächlich sind U-Boote unter Wasser "blind", sie sehen nicht, ob ihnen etwas in die Quere kommt, und sie navigieren im Prinzip auch auf Verdacht. Solange sie auf Schnorcheltiefe oder an der Oberfläche fahren, können sie wie jedes andere Schiff ihre Position per Satellitennavigation genau bestimmen. Unter Wasser jedoch können sie nur "koppeln" - also per Computer ungefähr berechnen, wie weit sie auf einem bestimmten Kurs bei einem bekannten Tempo gekommen sind. Nur lässt sich die Ablenkung durch Strömungen nie hundertprozentig simulieren. Erst beim nächsten Auftauchen bekommt die Crew wieder korrekte Daten per GPS. Die Abweichung von berechneter und tatsächlicher Position kann beträchtlich sein.

Unter Wasser sind U-Boote komplett auf ihr "Gehör" angewiesen, die Sonartechnik. U-Boot-Fahrer können am Geräusch der Schiffspropeller erkennen, ob über ihnen gerade ein Frachter fährt oder sogar welches andere Kriegsschiff, wie schnell es unterwegs ist und in welche Richtung. Kaum zu hören aber sind die Antriebe anderer U-Boote, die ja darauf ausgelegt sind, dass sie von den U-Boot-Jägern an der Oberfläche nicht aufgespürt werden können.

Das Risiko, mit einem anderen U-Boot zusammenzustoßen, ist dennoch in der Weite der Ozeane minimal. Doch in vielbefahrenen Küstengewässern steigt diese Gefahr - und deshalb ist es etwa in der Nordsee oder im Ärmelkanal obligatorisch, dass die Tauchfahrten von U-Booten zentral gemeldet werden. Es soll in einem Seegebiet möglichst nur ein U-Boot unterwegs sein.

Die Kollision erinnert an einen Vorfall von 2004

Der Zusammenstoß weckt Erinnerungen an den Untergang des französischen Fischkutters "Bugaled Breizh", der 2004 unter umstrittenen Umständen sank. Die These eines Zusammenstoßes mit einem Atom-U-Boot, das an einer Militärübung teilnahm, hat bis heute zahlreiche Anhänger - und sie ist durchaus plausibel.

Die Besatzung eines U-Boots weiß nicht, was beim Auftauchen eventuell genau über dem Schiff liegt - so genau funktioniert die Ortung per Sonar nicht. Weshalb U-Boot-Fahrer beim regulären Auftauchen erst auf Sehrohrtiefe gehen und einen Blick in die Runde werfen, bevor sie endgültig an die Oberfläche kommen. Anders sieht das bei einem Notaufstieg nach einem Alarm aus: Dann geht es schnell - und im Blindflug.

Ob es so im Fall der "Bugaled Breizh" passiert ist? Die Angehörigen der fünf Seeleute, die bei dem Untergang ums Leben kamen, werfen dem Staat bis heute Verschleierungstaktik vor.

Beim Untergang des russischen Atom-U-Boots "Kursk" im Sommer 2000 zögerte die russische Marine ebenfalls, die Öffentlichkeit über den Unfall zu informieren. Das Schiff ging nach Explosionen an Bord unter, die 118 Mann an Bord kamen ums Leben.

Für Atomkraftgegner ist der jüngste Unfall nur ein weiterer Beweis, dass die Risiken der Atomtechnologie zu groß und die Offenheit der Verantwortlichen zu gering ist: Die britische "Kampagne für Nukleare Abrüstung" warnte vor einem "atomaren Alptraum größter Ordnung". "Der Zusammenstoß hätte eine große Menge an Strahlung freisetzen und die Atomsprengköpfe über den Meeresboden verstreuen können", sagte die Vorsitzende Kate Hudson. Die Dellen des britischen U-Boots zeigten, dass die beiden Boote kaum mehr als Sekunden von einer totalen Katastophe entfernt waren.

Die französische Bewegung "Sortir du nucléaire" warf der Regierung vor, den Vorfall vertuschen zu wollen. "Sie haben es erst zugegeben, als es in der Zeitung stand", sagte Stéphane Lhomme. Das sei schon bei den Atomversuchen in Algerien und im Pazifik so gewesen. "Wir sind höchst besorgt, was die Sicherheit von Atomanlagen angeht", sagte Lhomme. Es sei zu befürchten, dass die Bevölkerung im Notfall zu spät informiert werde.

Dieses Mal sei man nur knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt, sagte Lhomme. "Aber wenn wir bei solchen Zwischenfällen schon belogen werden, was passiert dann, wenn es richtig ernst wird?"

jjc/oka/dpa/AFP

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