Übergewicht Künast und der coole Kohlrabi

Die Verfettung ist weltweit auf dem Vormarsch und sprengt mit ihren Kosten die Krankenkassen. Verbraucherministerin Renate Künast will deshalb der Nahrungsmittelindustrie auf den Leib rücken - und das gleich auf EU-Ebene

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Immer mehr Kinder sind schon in jungen Jahren zu dick. Und brauchen spezielle Therapien
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Immer mehr Kinder sind schon in jungen Jahren zu dick. Und brauchen spezielle Therapien

Berlin - Europa verfettet - vor allem seine Kinder. Allein in Deutschland gelten schon rund 10-15 Prozent der Schulanfänger als übergewichtig, 4 bis 8 Prozent sogar als adipös, als fettsüchtig. Insgesamt gelten 20 Prozent der Europäischen Kids zwischen 5 und 17 Jahren als übergewichtig, kurz dahinter folgen die Kinder aus Nordafrika und dem Mittleren Osten und selbst in China wiegen schon zehn Prozent der Youngsters mehr als sie sollen.

Diese Zahlen lassen langsam die Alarmglocken schrillen - nicht nur bei deutschen Ärzten und Politikern, sondern auch bei der EU und der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Denn: Dicke kosten Geld. "Schon heute stehen fünf von sechs Todesfaktoren in direktem Zusammenhang zur Ernährungsweise und Übergewicht", warnt Aileen Robertson, Gesundheitsexpertin der WHO. Denn Übergewichtige leiden unter Bluthochdruck, Stoffwechselerkrankungen, Diabetes, Herzerkrankungen und orthopädischen Folgeschäden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet das Übergewicht bei Kindern schon jetzt als "die globale Epidemie des 21. Jahrhunderts". Und Robert Lustig, amerikanischer Gesundheitsexperte, spricht sogar von einer Krise des Gesundheitswesen, die ernster und größer als SARS und Aids sei. "Sieben Prozent der gesamten Gesundheitskosten in der EU werden schon jetzt für Übergewichtige ausgegeben - und das wird weiter ansteigen", so die Warnung von Robertson.

Schokolade macht glücklich - aber leider auch dick
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Dabei ist eigentlich klar, warum der Nachwuchs immer dicker wird: "Kinder essen zu süß, zu viel und zu fett", sagt die grüne Verbraucherministerin Renate Künast. Sie will deshalb an das Essen ran - und zwar nicht nur in deutschen Kitas, Kindergärten und Schulen, sondern auch auf EU-Ebene an die Lebensmittelkonzerne. "Das, was die Konzerne verkaufen, sind keine Kinderlebensmittel, sondern Kindersüßigkeiten", sagte Künast. Denn in Milchschnitte, Schokoriegeln und Chips sind vor allem Fett, Zucker und jede Menge Kalorien. Sie appelliert deshalb an die großen Lebensmittelkonzerne wie Kraft Foods, Nestlé oder Unilever, Portionen zu verkleinern und Fett und Zucker zu reduzieren. "Die Wirtschaft kann nicht nur ihr Geld verdienen, sie muss auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen."

Unterstützung erhält sie dabei von David Byrne, EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz. Er will - ähnlich wie in den USA - eine Kennzeichnungspflicht für industriell hergestellte Lebensmittel. "Wenn die Konsumenten besser über die Inhalte informiert sind, dann können sie sich eigenverantwortlich ihren eigenen Speiseplan zusammenstellen", sagt Byrne.

Gleichzeitig will der EU-Kommissar auch an die Werbung ran - gerade Kinder werden von den großen Konzernen aggressiv umworben. Irreführende Werbung soll deshalb verboten werden. ""90 Prozent fett-frei" wird beispielsweise oft mit "fett-arm" verwechselt, dabei sind zehn Prozent Fettanteil relativ viel", sagt Byrne. Er will deshalb klare Regeln, nach denen nur das als "gesund" beworben werden darf, was auch wissenschaftlich belegt ist.

EU-Verbraucher-Kommissar David Byrne will eine Kennzeichnungspflicht für Inhaltsstoffe
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Denn während der Nachwuchs wegen der bunten Verpackung Kinderjoghurt, -keks und -getränke will, rechtfertigen die genervten Eltern den Kauf durch die Hinweise auf zusätzliche Vitamine oder Mineralien. Wenn es nach Künast geht, soll damit Schluss sein, die Kinder sollen das Gleiche essen wie die Erwachsenen: "Es wäre doch mal eine Herausforderung, der rohen Möhre oder dem Kohlrabi ein richtig cooles Image zu verpassen." Trotzdem wollen die beiden obersten Verbraucherschützer erst mal nicht über Verbote sprechen, sondern vertrauen auf die Kooperationsbereitschaft der Lebensmittelindustrie. "Die haben ihre Verantwortung erkannt", sagt Byrne.

Dabei geht es nicht nur um die explodierenden Gesundheitskosten. Übergewicht hat auch psycho-soziale Folgen, die Kinder leiden. Sie sind während der Behandlung laut einer amerikanischen Studie genauso unglücklich wie krebskranke Kinder während einer Chemotherapie. Dazu kommt: "Übergewichtige Kinder haben weniger hohe Schulabschlüsse, weniger stabile Partnerschaften und geringere Einkommen", sagt Berthold Koletzko von der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin.

Ob das die Nahrungsmittelindustrie interessiert, ist fraglich. Denn sie verdient gutes Geld mit den Kleinen, die zu Hause brüllend den Kauf der teuren Kinderriegel durchsetzen. Dass Konzerne wie Kraft Foods oder der Cornflakes-Riese Kellog in den USA inzwischen mehr Wert auf gesunde Inhaltsstoffe und weniger Fett und Zucker legen, liegt vor allem an der Angst vor Klagen. Denn mit John Banzhaf, der Milliardensiege über die Tabakindustrie errang, hat sich ein prominenter Kämpfer gegen die Konzerne in den Ring gewagt. Mit Sammelklagen hat er die amerikanische Tabakindustrie in die Knie gezwungen und für Raucher enorme Schadensersatzsummen herausgeklagt.

In Europa aber gilt ein anderes Haftungsrecht. Ob diese Art von Vorwärtsverteidigung für die Industrie nötig wird, ist deshalb fraglich.



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