Übergewicht "Mangelnde Bildung macht dick"

Deutsche Kinder werden immer dicker - vor allem wenn sie aus sozial schwächeren Schichten kommen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Manfred James Müller vom Kieler Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde, warum Kinder dicker werden, wenn ihre Eltern nur einen Hauptschulabschluss besitzen.


Eltern sind Vorbild: Wenn sie zu viel essen und zu viel fernsehen, tun Kinder das auch
GMS

Eltern sind Vorbild: Wenn sie zu viel essen und zu viel fernsehen, tun Kinder das auch

SPIEGEL ONLINE:

Herr Müller, was hat der soziale Status von Eltern mit dem Gewicht ihrer Kinder zu tun?

Manfred James Müller: Unsere und andere Untersuchungen haben gezeigt, dass sozial Schwächere in unserer Gesellschaft das Problem der Dickleibigkeit häufiger haben als sozial Bessergestellte. Menschen mit einem Hauptschulabschluss häufiger als Menschen mit Abitur. Wir haben herausgefunden, dass es dieses Muster auch bei Kindern gibt. Schon im Alter zwischen fünf und sieben Jahren sind Kinder von Eltern mit Hauptschulabschluss dreimal so häufig übergewichtig wie Kinder von Eltern mit Abitur.

SPIEGEL ONLINE: Also gilt: Je ärmer, desto dicker?

Müller: Nein, das hat nichts mit Armut zu tun. Der Terminus sozial schwach ist nicht gleichbedeutend mit finanziell schwach. Es geht um die relative Ungleichverteilung von Ressourcen, in dem Fall um Bildung. Es geht nicht um Sozialhilfeempfänger oder auch Randgruppen unserer Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Je dümmer, desto dicker?

Müller: Mit dumm hat das nichts zu tun, Hauptschüler haben ja einen qualifizierten Schulabschluss. Bildung ist sicher einer der stärksten Faktoren, aber nicht der einzige. Sie können ebenso andere Charakteristika von sozialem Status nehmen. Etwa Nationalität, Haushaltsgröße oder ob ein Elternteil allein erziehend ist. Es ist immer so, dass die schwächere Gruppe das Problem häufiger hat. Bildung erklärt dabei nur einen Teil der sozialen Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: Warum neigen solche Gruppen zu einer ungesünderen Lebensweise?

Sozial schwache Schichten essen weniger Obst
GMS

Sozial schwache Schichten essen weniger Obst

MÜLLER: Das ist schwierig zu sagen. Eine Hypothese ist, dass die sozialen Kompetenzen ungleich verteilt sind. Alleinerziehende etwa oder auch ungenügend Ausgebildete haben schlechtere Problembewältigungskompetenzen. Deshalb ist auch das Risikoverhalten ungleich verteilt. Der Anteil der Raucher ist beispielsweise in den sozial schwächeren Gruppen höher. Oder es gibt mehr Kinder, die zu gefährlichen Verhaltensmuster neigen, beispielsweise S-Bahn-Surfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich das konkret beim Problem Übergewicht?

Müller: Der Lebensstil ist unterschiedlich. Der Konsum von Obst und Gemüse ist in sozial schwächeren Gruppen sehr gering, dafür wird mehr Weißbrot und süße Limonade verzehrt. Gleichzeitig ist der Fernsehkonsum dort am höchsten. Aber das nahe liegende Charakteristikum des gesundheitlichen Verhaltens reicht nicht aus, das Problem insgesamt zu erklären. Die Frage ist, welche Faktoren ansonsten eine Rolle spielen.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Gene eine Rolle?

Dicke beim Strandbesuch: Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten sind Lebensmittel in Deutschland extrem billig
DPA

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Müller: Die Gene sind in unserer Gesellschaft nicht ungleich verteilt. Natürlich gibt es einen geringen Prozentsatz, bei dem man auf eine genetische Veranlagung tippen kann. Aber das ist bei höchstens zehn Prozent der Betroffenen der Fall. Grundsätzlich glaube ich aber an andere Faktoren. Denn 1950 hat es das Problem der Dickleibigkeit in unserer Gesellschaft noch nicht gegeben - doch unsere genetische Ausstattung war vor 50 Jahren nicht anders als heute. Das spricht dafür, dass sich da etwas entwickelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Gesunde Lebensmittel sind teuer. Also sind wir doch wieder bei dem sozialen Ansatz.

Müller: Lebensmittel sind in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr, sehr billig. Ein Vier-Personen-Haushalt gibt statistisch nur zwischen 12 und 16 Prozent seines Budgets für Ernährung aus, in Italien sind es beispielsweise fast 30 Prozent. Das Problem ist nicht so sehr, dass die Lebensmittel nicht erschwinglich sind, sondern dass die Menschen ihr Geld für andere Dinge ausgeben. Es ist nicht so, dass es dem Käufer nicht zumutbar wäre, mehr Geld für gesunde Ernährung auszugeben.

SPIEGEL ONLINE: Studien aus Stuttgart und Berlin haben gezeigt, dass türkische und Migranten-Kinder bei ihrer Einschulung doppelt so häufig übergewichtig sind wie deutsche Kinder. Hat das auch etwas mit ihrem sozialen Status zu tun?

Müller: Die unterschiedlichen sozialen Gruppen finden sich auch unter den nicht-deutschen Kindern wieder. Also gibt es die gleichen sozialen Unterschiede. Insgesamt ist das Problem in diesen Gruppen häufiger, aber wir wissen bisher nicht warum und haben auch noch keine Strategie, wie wir das lösen können. Es ist häufig auch ein Sprachproblem.

SPIEGEL ONLINE: Was muss getan werden, um weniger Kinder dick werden zu lassen?

Müller: Die Gesundheitspolitik muss sich ändern. Sie muss dem Verbraucher helfen, seine Gesundheit schützen. Dazu gehört Bildungs-, Wirtschafts- und Familienpolitik. Das heißt mehr Prävention statt Behandlung - und da gehört vor allem eine bessere Bildungs- und Aufklärungspolitik dazu.

Das Gespräch führte Susanne Amann



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