Überlebende der Love-Parade-Katastrophe "Es gibt ein Leben davor und eins danach"

Ein Fremder rettete Victoria Williams das Leben: Als sie im Gedränge der Love Parade in Duisburg zusammenbrach, riss er sie hoch, packte sie fest. Erst versuchte sie, sich selbst zu therapieren - dann ließ sie sich in eine Klinik einweisen. Ohne Hilfe hätte sie wohl nicht in ihr altes Leben gefunden.

Victoria Williams: "Sobald ich das Wort Love Parade hörte, musste ich weinen"
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Victoria Williams: "Sobald ich das Wort Love Parade hörte, musste ich weinen"


Das Gefühl kommt aus dem Nichts. Kribbelnd steigt es langsam in ihr auf. Sie zittert, schwitzt und ringt nach Luft. Früher hat sie in solchen Momenten die Augen geschlossen und gehofft, die Attacke würde schnell vorbeigehen. Doch das funktionierte nicht. Stattdessen schaltete sich ein Kopfkino ein mit genau den Bildern, die sie verdrängen wollte.

Heute reißt Victoria Williams ihre dunkelbraunen, von Sommersprossen umrandeten Augen weit auf. So hat sie es in der Therapie gelernt. Laut sagt sie dann fünf Dinge, die sie sieht, die sie hört und die sie fühlt. Ist sie fertig, wiederholt sie das Prozedere und sagt vier Dinge, die sie sieht, hört und fühlt. Dann drei, dann zwei und am Ende je eins.

Diese 5-4-3-2-1-Technik hat Victoria Williams in der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln gelernt. Die 18-jährige Berufskolleg-Schülerin ließ sich dort einweisen, weil sie einfach nicht mehr zurechtkam in ihrem Leben.

Ihr altes Leben ließ Victoria im linken Tunnel, den sie am Tag der Love Parade passieren musste, um zum Gelände des Alten Güterbahnhofs in Duisburg zu gelangen. Sie kam dort nie an. Sie blieb in der Betonröhre zwischen Hunderten von Ravern stecken und hatte Todesangst.

In ihrem Kopf ist ein schrecklicher Kurzfilm entstanden, sekundenlang. Er zeigt Victoria, wie sie und ihre Freunde sich fröhlich mit der singenden, tanzenden Masse in den Tunnel schieben. Wie sie ausgelassen sind und lachen und sich auf das Techno-Event freuen.

Plötzlich wird es dunkel, stickig, heiß, und Panik steigt in ihr auf. Sie blickt sich um, ihre Freunde lachen noch immer, doch ihre Gesichter mutieren zu Fratzen. Victoria schnappt nach Luft. Es ist, als würde ihr jemand den Hals zudrücken. Sie kann sich selbst sehen, wie ihre Augen aus den Höhlen quellen, wie ihr die Kraft aus dem Körper weicht.

Ihre Freunde bilden einen Kreis um sie, damit sie besser Luft bekommt. Es reicht nicht, Victoria taumelt. Schließlich hievt sie ein Kumpel auf die Schulter, sie kann das Gleichgewicht nicht halten, rutscht immer wieder runter. Auf dem Asphalt finden ihre Füße keinen Halt, sie sackt nach unten, verliert das Bewusstsein.

Ein Fremder reißt sie hoch, packt sie fest, zieht sie an sich, schlägt ihr ins Gesicht, damit sie zu sich kommt. Er brüllt sie an, damit sie wachbleibt. Er hält ihren Kopf. Er rettet ihr Leben.

Victoria hat diesen Film Tausende Male vor ihrem geistigen Auge gesehen. Je weiter die Love Parade in die Vergangenheit rückte, desto mehr rückte dieser Film in die Gegenwart. Die Abstände wurden immer kürzer, die Attacken immer länger.

"Sobald ich das Wort Love Parade hörte oder Bilder von dem Unglück sah, musste ich zu weinen anfangen", sagt Victoria. Sie sitzt in einem Eiscafé in Lüdinghausen, 34 Kilometer von Münster entfernt, und trinkt einen Vanilleshake. Sie trägt ein Top, ähnlich wie am 24. Juli vergangenen Jahres, die lockigen Haare hat sie streng nach hinten gebunden, die Augenbrauen nach oben gezupft. Ihre schlanken Arme liegen ruhig auf den Stuhllehnen. Schwer vorstellbar, dass sie noch immer von unvorhersehbaren Attacken fremdbestimmt ist. "Es gibt ein Leben davor und eins danach", konstatiert die Schülerin.

Furcht vor Zwangsjacke, geschlossener Abteilung, Gummizelle

Die Panik kam langsam und in der Nacht. Sie träumte wild, wachte auf, weinte. Sie hatte Angst, wieder einzuschlafen, setzte sich auf, schaltete den Fernseher vor ihrem Bett an, zwang sich, nicht wieder einzuschlafen.

Victoria mied Fahrstühle und Menschenansammlungen, sei es an der Bushaltestelle oder in einem engen Geschäft. Musste sie durch einen Tunnel fahren, hielt sie die Luft an und schloss die Augen. Sie begann im Vorfeld, fremdes Terrain abzuklopfen. Plante der Freundeskreis für das Wochenende eine Party auf einem Zeltplatz, drehte sich für Victoria der Rest der Woche nur darum, wie es dort sein würde, ob sie es wohl schaffen würde mitzukommen.

Wenn die Freunde sie überreden konnten, mit in eine Großraumdiscothek zu gehen, postierte sich Victoria im Ein- und Ausgangsbereich. "Zu den meisten Veranstaltungen bin ich aber erst gar nicht mit."

Dass sie gegen eine posttraumatische Belastungsstörung ankämpfte, ahnte sie. Victoria war nach der Trauerfeier für die Opfer der Love Parade im Stadion des MSV Duisburg zu einer Psychotherapeutin gegangen. Die Gespräche waren gut, die Schülerin glaubte jedoch, sich selbst therapieren zu können.

Im Februar ließ sich die 18-Jährige schließlich einweisen. Es hat sie Überwindung gekostet. Sie wollte nicht die Ängstliche, die Gestörte sein. Es passte nicht zu ihrem Selbstbild. Und die Vorstellung, sich in einer psychiatrischen Klinik behandeln zu lassen, passte nicht zu ihrem Weltbild. Unter Psychiatrie hatte sie Wörter wie Zwangsjacke, geschlossene Abteilung, Gummizelle abgespeichert.

"Dann ging es richtig ab"

Victoria wächst behütet in einer Neubausiedlung von Lüdinghausen auf. Sie ist ein ruhiges Mädchen, freundlich, höflich und ohne Berührungsängste. Offen spricht sie über ihre Gefühle und die Therapie. "Vielleicht kann ich so anderen, die auch glauben, sich selbst therapieren zu können, Mut machen", sagt sie entschlossen. "Ich glaube, alle, die Ähnliches erlebt und bis jetzt nichts dagegen unternommen haben, werden das nicht verarbeiten."

Als sie von den strengen Regeln in der Klinik erfuhr und davon, wie früh man ins Bett muss, wäre sie am liebsten umgekehrt. Der Wunsch hielt eine Woche an. Victoria wollte unbedingt nach Hause, obwohl sie sich in der Klinik wohlfühlte und sich gut mit ihrer Zimmergenossin verstand.

"Da passierte außer ein paar Gesprächsrunden gar nichts", sagt Victoria. Die Ärzte und Psychotherapeuten erklärten ihr, dass sie sie zunächst beobachten und austesten. "Und dann ging es richtig ab."

Durch die Therapie bekam Victorias Kopfkino-Film einen Ton. Die Bilder vor ihrem geistigen Auge wurden von den Hilfeschreien anderer begleitet, dazwischen die Stimme ihrer Freunde, die um sie bangten. Ein kleiner Trost für sie ist: Den Ärzten zufolge kommt der Ton immer irgendwann - mit und ohne Therapie.

Die Behandlung verlangte Victoria viel Kraft ab. "Wenn ich wusste, ich habe in zwei Stunden wieder ein Gespräch, wäre ich am liebsten davongelaufen." Und doch spürt Victoria schon in der zweiten Woche deutliche Fortschritte.

"Geheilt bin ich nicht"

Ihre Familie fängt sie auf. Kommt in diesen Tagen eine Dokumentation im Fernsehen, warnen sie die Eltern. Einmal entschied sich Victoria bewusst, den Film zu sehen. Sie hielt es nicht durch.

"Geheilt bin ich nicht", resümiert die 18-Jährige und blinzelt nachdenklich in die Sonne. "Aber ich habe Techniken gelernt, die mir in Situationen helfen, aus denen ich sonst nur schwer hinausfinden würde, und mit denen die Bilder und Sounds erträglich geworden sind."

Nur ein Gefühl wird fortwährend stärker: Das Verlangen, ihrem unbekannten Retter zu begegnen. Sie würde ihm gern sagen, was sie seit dem Unglück im Tunnel durchgemacht hat. Dass es ein steiniger Weg war und noch immer ist. Aber dass sie ihn ohne seine Hilfe nie hätte gehen können.

Die Gesichter der Katastrophe: SPIEGEL ONLINE porträtiert Menschen, die bei der Love Parade waren und den Reportern in den Tagen nach dem Unglück ihre Geschichten erzählten. Begegnungen ein Jahr danach: Wie geht es ihnen heute? Was hat sich seither verändert?



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
M. Michaelis 13.07.2011
1. ...
Zitat von sysopEin Fremder rettete Victoria Williams das Leben: Als sie im Gedränge der Love Parade in Duisburg zusammenbrach, riss er sie hoch, packte sie fest. Erst versuchte sie, sich selbst zu therapieren - dann ließ sie sich in eine Klinik einweisen. Ohne Hilfe hätte sie wohl nicht in ihr altes Leben gefunden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,773711,00.html
Was unterscheidet die Opfer eines beliebigen anderen Unfalls oder Unglücks von jenen der Loveparade dass immer noch darüber in dieser Form berichtet wird.
mr_supersonic 13.07.2011
2. Wieso?
Zitat von M. MichaelisWas unterscheidet die Opfer eines beliebigen anderen Unfalls oder Unglücks von jenen der Loveparade dass immer noch darüber in dieser Form berichtet wird.
Ich verstehe das auch nicht, genauso wie mit dem 11.September 2001 oder Enschede oder Rammstein oder oder oder.... Merken Sie was? Das Unglück der Loveparade beschreibt eine Zäsur. Heutzutage wird sich niemand mehr trauen aus reiner Geldgier jegliche Sicherheitsprinzipien für eine Großveranstaltung in den Wind zu schlagen.
Umbriel 13.07.2011
3. Unverständlich
Es kommt ständig zu kleinen und großen Unfällen und Katastrophen wie z.B. in Japan. Wenn all jene, die selber eben NICHT Opfer waren, nun auch noch zum Arzt müssen, dann sieht es finster aus. Wer stilisiert die Loveparade - Story dermaßen hoch?
QuixX, 13.07.2011
4. Anhänger
Zitat von M. MichaelisWas unterscheidet die Opfer eines beliebigen anderen Unfalls oder Unglücks von jenen der Loveparade dass immer noch darüber in dieser Form berichtet wird.
House oder Techno ist mittlerweile so alt, dass deren Anhänger in redaktionelles Mitspracherecht befördert wurden.
Botias 13.07.2011
5. Antwort
Zitat von M. MichaelisWas unterscheidet die Opfer eines beliebigen anderen Unfalls oder Unglücks von jenen der Loveparade dass immer noch darüber in dieser Form berichtet wird.
Das ist aber ein furchtbar schwacher Kommentar! Zum einen ist die Berichterstattunng seit jeher so ausgeprägt bei Katastrophen diesen Ausmaßes, wobei die Suche nach Erklärungen und Schuldingen ja noch nicht einmal abgeschlossen ist. Es ist auch erst ein Jahr her! Zum anderen geht es hier ja schliesslich auch um die Überlebenden (und deren Empfindungen während und nach(!) der Love parade) einer Katastrophe, die in Tragweite und Tragik kaum zu überbieten ist und daher durchaus eine andere Dimension hat, als wenn nach jedem selbstverschuldeten Autounfall der Fahrer nach seinen PTBS befragt wird. Die verschiedenen Perspektiven, die diese Spiegel-Serie nun hervorbringt ergibt eben einen ungemein autenthischen Blick auf die Gesamtheit dieser Katastrophe!
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