Revolutionssängerin Ruslana: Kiews Königin der Nacht

Aus Kiew berichtet  André Eichhofer

Im knappen Lendenschurz holte die Sängerin Ruslana 2004 stampfend den Eurovision Song Contest in die Ukraine. Nun singt sie auf Kiews Unabhängigkeitsplatz jede Nacht die Nationalhymne und macht den Europa-Fans bei Schnee und Frost neuen Mut.

Revolutionssängerin Ruslana: Polit-Pop in Kiew Fotos
REUTERS

Die Frau, die als Ruslana schon einmal ein Stück Europa in die Ukraine geholt hat, läuft über den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, vorbei an Eisentonnen mit lodernden Lagerfeuern.

Ruslana Lyschytschko, mittlerweile 40 Jahre alt, hat mal den Eurovision Song Contest gewonnen, 2004 war das, Ruslana stampfte mit wehendem Haar und knappem Röckchen über die Bühne, so haben sie auch die Deutschen noch in Erinnerung. Mit dem Sieg holte sie den Wettbewerb 2005 in die ukrainische Hauptstadt Kiew, der Grand Prix war ein Fest für die damals gerade gewählte pro-europäische Regierung. Aber das ist lange her.

Wenn die Nacht über Kiew hereinbricht und der Wind noch eisiger wird, beginnt Ruslanas Schicht. Sie klettert in Wollpulli und Winterstiefeln über eine Absperrung aus Sandsäcken, drängelt sich durch die Menschenmenge und steigt auf die Bühne am Unabhängigkeitsplatz, den alle nur Maidan nennen. Es ist fast Mitternacht, Tausende harren trotz Frost aus zwischen den Zelten des Protestcamps. Die Luft riecht nach brennenden Feuern. Ruslana tut, was sie seit Wochen tut, Nacht für Nacht. Sie greift zum Mikrofon und singt. Die frierende Menge jubelt wie auf einem Popkonzert. Sie feuern sich gegenseitig an, die Demonstranten und der Star, damit sie durchhalten bis zum Morgengrauen.

Seit drei Wochen geht das nun schon so, seit Ende November die Rebellion gegen Präsident Wiktor Janukowitsch begann und gegen seine Abkehr von Europa. Nacht für Nacht harren Tausende auf dem Maidan aus, um eine Räumung durch die Polizei zu verhindern. Hinter den Barrikaden sorgen Musiker und Künstler für Volksfeststimmung, das stärkt den Willen zum Durchhalten. Die Opposition braucht die Stars, um Aktivisten und Demonstranten bei Laune zu halten. Viele Musiker waren schon bei der Orangen Revolution dabei und singen aus Überzeugung.

"Jetzt haben wir eine zweite Revolution"

Auch Ruslana. Jeden Abend um 21 Uhr eilt sie ins Gewerkschaftsgebäude am Maidan. Die Opposition hat das Gebäude halb gemietet, halb besetzt und darin die Kommandozentrale der Bewegung eingerichtet. Im zweiten Stock hat Ruslana ein Büro bezogen. Der Parkettboden knarrt, es riecht nach Schweiß. An der Wand hängt ein Poster, es zeigt Ruslana in einer Art Neandertaler-Kostüm. An einem Holzschreibtisch plant die Frau mit dem langen Zopf Auftritte, bereitet Pressekonferenzen vor und koordiniert Termine mit den Oppositionsführern Vitali Klitschko und Arsenij Jazenjuk. "Ich tue das, weil ich mein Land nach Europa bringen will", sagt die Sängerin aus dem westukrainischen Lemberg.

Seit knapp einem Monat heizt sie die Massen an. Als die Staatsmacht in der Nacht zu Mittwoch auf den Maidan vorrücken wollte, sprang Ruslana auf die Bühne. "Bleibt standhaft!", rief sie den bedrängten Demonstranten zu und mahnte sie zu gewaltlosem Widerstand.

Wenn die Demonstranten nun schon die vierte Woche stur der Staatsmacht die Stirn bieten, dann liegt das auch daran, dass Musiker wie Ruslana bei Schnee und Kälte die Stimmung heben. Da ist die Band Plach Jeremiji, die mit martialischem Partisanensound die Massen auf die Revolution einstimmen. "Leg den Munitionsgürtel an", heißt es in einem ihrer Songs. Studenten hüpfen und schreien, wenn die Alternativ-Rocker von Tartak harten Gitarrensound mit HipHop mischen. Am Samstag dann traten Okean Elzy auf, die Altstars des ukrainischen Rock und in der Ukraine beliebter als in Deutschland Herbert Grönemeyer und die Toten Hosen zusammen. Ihr Lied "Steh' auf" ist die Hymne der Pro-Europa-Bewegung. Wieder einmal.

Denn Okean Elzy, Tartak und Ruslana haben etwas gemeinsam: Sie stammen alle aus dem europafreundlichen Westen der Ukraine. Und sie unterstützten schon die Revolution 2004.

"Jetzt haben wir eine zweite Revolution", glaubt Ruslana. Sie hat Klavier studiert, 2004 sang sie erst für den pro-westlichen Kandidaten Wiktor Juschtschenko. Nachdem er die vom Verfassungsgericht angeordneten Neuwahlen 2005 gewonnen hatte, zog Ruslana für Juschtschenkos Partei ins Parlament ein. 2010 dann machte sie Wahlkampf für Julija Timoschenko.

Einige Künstler wechseln gegen Honorar schonmal die Seiten

"Politik und Showbusiness gehen in der Ukraine Hand in Hand", sagt Wjatscheslaw Pantschenko, 23, einer der vielen freiwilligen Helfer im Gewerkschaftshaus. "Politiker gelten bei uns als selbstsüchtig und korrupt", fügt der Student hinzu. "Sie wollen mit beliebten Sängern ihr Image aufpolieren." Im Präsidentenwahlkampf Anfang 2010 setzten deshalb beide Lager auf Stars.

Das HipHop-Duo Nastia Kamenskij & Potap, das mit Songs wie "Ne para" und "Leto" die Hitparaden in Russland und der Ukraine stürmte, trat für Julija Timoschenko auf. Sängerin Kamenskij drehte sogar ein Video mit vielen roten Herzen - dem Symbol von Timoschenkos Vaterlandspartei.

Weil Gagen in der Ukraine niedriger sind als in Westeuropa, lassen sich Stars von Politikern gern buchen. "Gib mir genug Zaster und ich rappe dir einen", sagte Musiker Potap einem Reporter des Fernsehsenders STB. Einige Künstler wechseln gegen Honorar auch schon einmal die Seiten. Schlagerdiva Natalia Mogilewska trällerte während der Orangen Revolution noch für Janukowitsch, sechs Jahre später sang sie für Timoschenko. Die Frage eines Reporters, warum sie ihre Meinung änderte, konnte die Sängerin mit dem "Dolce & Gabbana"-T-Shirt auf einer Pressekonferenz nicht beantworten.

Sänger Taras Tschubai von der Protest-Band Plach Jeremiji versichert, für den Auftritt am Maidan keine Gage genommen zu haben. Er singe aus Überzeugung, bekräftigt der Mann mit der Mähne, damit die Ukraine endlich "den Sowjet-Mief" los werde. Auch Swjatoslaw Wakartschuk von Okean Elzy äußert sich klar gegen die Regierung: "Die Ukraine ist nicht gespalten zwischen Ost und West", sagt der Musiker mit Physikdiplom, "sondern zwischen Menschen, die wie Sklaven leben wollen, und Bürgern, die sich Freiheit erkämpfen." Auch er saß einmal wie Ruslana im Parlament, aber auch er zog sich enttäuscht aus der Rada zurück.

Die regierungsnahe Boulevardpresse wirft Ruslana vor, sich mit ihrer Revoluzzer-Rolle nur wieder in die Schlagzeilen bringen zu wollen. Ihre Karriere sei ins Stocken geraten. "Sie ist immer noch berühmt und hat das eigentlich nicht nötig", meint Student Pantschenko im Gewerkschaftshaus. Lange Konzerte für die Demonstranten gibt Ruslana derzeit nicht. Sie muss ihre Stimme schonen. Nur ein einzelnes Lied stimmt sie in jeder Nacht für die Menge an: die Nationalhymne der Ukraine.

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Können die nicht
tani 17.12.2013
warten, bis wieder gewählt wird?
2. Sieht scharf aus..
MaxiScharfenberg 17.12.2013
..,die Braut und singt nicht schlecht. Tolle Sache, immer mal wieder eine Revolution. Schade, dass der Begriff nicht geschützt ist. Ich meine, die sogenannte Revolution sieht eher aus wie der Anschluss Ostdeutschlands an die BRD und nicht wie ein nach Unabhängigkeit strebendes Land. Klitschko will es schließlich nur vom Westen abhängig machen und mit Revolution hat das nichts zu tun, eher wird es ein Staatsstreich, denn die derzeitige Regierung ist das Ergebnis von Wahlen und keine Idee aus dem Kaffeesatz, oder?? Wer sie gewaltsam ausserhalb des demokratischen Prozesses stürzt, weiss wohl was er tut, aber schönreden geht da nicht, denn es ist ein Putsch, was da herbei gesungen wird.
3. eben! alle jahre...
matorro 17.12.2013
... und das ist auch in der Ukraine so, wird gewählt. und dann muss man es eben auch mal aushalten. wenn ich das machen würde dann müsste ich - seit wann ist unser mütterchen an der MACHT? - sehr lange schon auf plätzen rumlungern und protestieren. ich wunder mich zwar auch wie angie das immer wieder schafft aber so ist es leider....
4. Künstlerleben
darthmax 17.12.2013
es ist doch schön, wenn Künstler sich kostenöos in der Politik engagieren. Andererseits, sie leben von dem Vortrag ihrer Kunst. Ihre eigene Überzeugung muss nicht notwendigerweise mit der Überzeugung ihres Gastgebers übereinstimmem. Ist dies bei uns anders ? Das in der Ukraine listig versucht wird, von Russland möglichst viel herauszuholen ( nicht von Europa) nist doch auchn zu verstehen. Können wir Ihnen Gas im Winter liefern oder es für sie bezahlen. Europaseligkeit: haben wir nicht schon genung Probleme, die wir erstmal lösen könnten, die Briten sind immer noch nicht so richtig nüberzeugt, fangen wir doch bei denen an. Dafür oder dagegen darf dann auch gesungen werden, aber bitte nicht mit Nationalhymnen, das käme nun garnicht gut.
5. fragt
geromochio 17.12.2013
doch mal die deutschen Bürger, ob die noch ein Osterweiterungsland, welches sehr viele EU-Fördergelder benötigt, auch in der EU wollen. Sollen wir jetzt auch auf die Straße gehen und dagegen demonstrieren?
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