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17. Februar 2013, 10:50 Uhr

Angelus-Gebet in Rom

Deutsche wünschen sich Reformer als Papst

Sex und Zölibat: Wenn es nach den Deutschen geht, soll der künftige Papst der katholischen Kirche vor allem moralische Reformen verordnen. Laut einer Umfrage wünschen sich dies 80 Prozent der Bevölkerung. In Rom bereiten die Gläubigen derweil Papst Benedikt einen triumphalen Abschied.

Berlin - Eine große Mehrheit der Deutschen wünscht sich vom künftigen Papst Reformen in der katholischen Kirche. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa hervor. Demnach wünschen sich 80 Prozent der Befragten Reformen etwa hinsichtlich der Sexualmoral oder beim Zölibat. Nur sieben Prozent wollen das nicht.

Der Wunsch nach Reformen ist laut Umfrage bei Katholiken mit 85 Prozent und bei Lutheranern mit 87 Prozent besonders groß - deutlich schwächer ist er etwa bei orthodoxen Christen. Hier wollen nur 46 Prozent Reformen.

Trotz der Reformhoffnungen: Einfluss auf den Alltag haben der Papst und sein Wirken nur für die wenigsten Deutschen. 77 Prozent der Befragten sehen keine Bedeutung. Selbst unter den Katholiken war nur eine Minderheit von 35 Prozent anderer Meinung.

Papst Benedikt XVI. hatte in der vergangenen Woche angekündigt, Ende Februar zurücktreten zu wollen. Einerseits war das deutsche Kirchenoberhaupt bei seinen Landsleuten zwar beliebt, andererseits galt Benedikt in vielen Fragen als eher konservativ.

Der Schweizer Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng wünscht sich deshalb künftig "einen Papst, der geistig nicht im Mittelalter lebt", sondern "offen ist für die Anliegen der Reformation und Moderne". Das sagte Küng dem SPIEGEL. "Ohne ein Ende des römischen Hofstaats, ohne eine Kurienreform wird auch einem neuen Papst kein Durchbruch und Aufbruch gelingen."

"Das ist ein Nepotismus neuer Art"

Nach dem Rücktritt Benedikts und der Wahl eines neuen Papstes fürchtet Küng einen Machtkampf im Vatikan. "Es droht mit Benedikt XVI. ein Schattenpapst, der zwar abgedankt hat, aber indirekt weiter Einfluss nehmen kann", sagte Küng. Der 85-Jährige habe sich selbst einen Platz innerhalb des Vatikans zugewiesen und behalte seinen Sekretär, den Deutschen Georg Gänswein, der gleichzeitig Präfekt des Päpstlichen Hauses unter dem neuen Papst bleiben soll.

"Das ist ein Nepotismus neuer Art, der auch im Vatikan nicht geschätzt wird", sagte Küng. "Kein Pfarrer hat es schließlich gern, wenn der Vorgänger neben dem Pfarrhaus sitzt und alles beobachtet, was er macht."

Trotz aller Kritik wird Benedikt zum Abschluss seines Pontifikats von den Gläubigen in Rom noch einmal groß gefeiert. Zum vorletzten Angelus-Gebet mit dem scheidenden Kirchenoberhaupt wurden an diesem Sonntag mehr als 100.000 Menschen erwartet. Hunderte Einsatzkräfte sollen für die Sicherheit der Teilnehmer sorgen.

Das Gebet, das der Papst traditionell vom Fenster seines Arbeitszimmers aus mit allen Gläubigen auf dem Petersplatz spricht, ist auch ein erster wichtiger Test für die Behörden in Rom. Bis zu seinem Rücktritt hat der Papst noch einige offizielle Termine, ehe er am 28. Februar mit dem Hubschrauber nach Castel Gandolfo fliegen und um 20 Uhr sein Amt niederlegen will.

Die Wahl des Nachfolgers könnte indes früher stattfinden als eigentlich kirchenrechtlich vorgeschrieben. Wegen der besonderen Umstände könnte das Konklave zur Wahl eines neuen Papstes bereits vor dem 15. März beginnen, hatte Vatikansprecher Federico Lombardi am Samstag angekündigt. Die eigentlich vorgesehene Frist von 15 bis 20 Tagen nach Beginn der Sedisvakanz ("leerer Stuhl Petri") dient normalerweise dazu, dass die wahlberechtigten Kardinäle genügend Zeit haben, um aus aller Welt nach Rom zu reisen.

stk/dpa

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